Das so genannte Deutsch

Österreich gegen Deutschland: ein Ländermatch ohne Ball.

Die deutsche Sprache (auch: das Deutsche) gehört zum westlichen Zweig der germanischen Sprachen. Sie wird in Deutschland, Frankreich, den USA, Kanada, Südafrika, Chile, Brasilien, Paraguay, Russland, Kasachstan, Italien und Togo gesprochen, weshalb sie als Weltsprache gilt.

In leidlich erkennbarer Form kommt das Deutsche auch in Österreich (und der Schweiz) vor. Wir Österreicher lassen dies aber ungern gelten. Im Ausland verneinen wir die Frage „Do you speak German?“. Spätestens seit wir pro Kopf um zwölf Prozent mehr Kohle verdienen als die Deutschen, antworten wir auf diese Frage selbstbewusst: „No, I’m sorry, but may I serve with my brilliant Austrian?“, wenn nicht gar mit „No, I prefer my very own language.“ Unsere Attitüde, auch innerhalb der EU darauf zu bestehen, das Deutsche und Österreichische fein zu scheiden, mag anmaßend wirken, ist aber ein lieb gewonnenes Grundverhalten, das längst in Gewohnheitsrecht übergegangen ist.

Bis 1918 wäre ohnehin keine Sau auf die Idee gekommen, das von Junkern gebellte Preußisch mit der Hofsprache der k. u. k. Monarchie in einen Trog zu werfen. Und später, in der republikanischen Zeit, griff man einen genialen Satz von Karl Kraus als Verfassungsgesetz auf. Kraus sagte sinngemäß, was Deutschland und Österreich trenne, sei die gemeinsame Sprache. Die Notwendigkeit einer sauberen Mülltrennung wird von sachlichen Österreichern mit vier Argumenten gepölzt. Erstens: Die Deutschen führen den Begriff „Selbstironie“ unter den Fremdwörtern. Historiker kennen aus der jüngeren Geschichte überhaupt nur drei Deutsche, die einer Selbstironie nahekamen, den Kabarettisten Gerhard Polt, den Schriftsteller Wilhelm Genazino und den Politiker Willy Brandt, der Selbstironie-Experimente am eigenen, lebenden Körper vornahm, dabei aber immer vor Schmerz schrie. Zweitens: Den Begriff „Humor“ haben die Deutschen zwar in ihren Sprachschatz aufgenommen, verwechseln ihn aber mit dem Witz der Mainzer Faschingsnächte. Einen Deutschen, der sich in eigenem Humor versucht, erkennt man daran, dass er dabei herzlich lacht.

Auch hier hat Karl Kraus ein endgültiges Urteil gesprochen, mit seinem allerbesten Satz: „Ordnung ist der Humor der Deutschen.“ Drittens: Der Deutsche, besonders der deutsche Mann, ist insofern nett, als er sein Wissen gern weiterträgt. Er neigt zur selbstlosen Belehrung des Restes der Welt. Seiner Sprache ist demgemäß ein erhobener Zeigefinger immanent, was in den Nachbarländern Schweiz-Österreich-Südtirol Abscheu und Ekel auslöst. Ich habe wiederholt in fairer Bewunderung darauf hingewiesen, dass deutsche Mittelstürmer besser sprechen als österreichische Nationalratsabgeordnete. Leider muss auch dieses Kompliment relativiert werden. Eine jüngere Untersuchung, die den Wasserfall der deutschen Sprechsprache auf Festkörper abklopfte, fand nichts. Es gibt keine. Das Nichts wird zur fiktiven Materie. Die Flüssigkeit des Vortrags verdankt man (a) einem gesunden Selbstbewusstsein und (b) der Bereitschaft, sich aller Füllworte und Gemeinplätze zu bedienen.

Nun zu uns. Dass Österreicherinnen und Österreicher in aller Regel nicht sprechen und gar nicht gut vortragen können, ist Tatsache. Ob sie als Schriftsteller und Journalis­ten korrekt schreiben können, ist ungewiss. Die Inhalte sind wohl ausnahmslos erfreulich, doch bleiben ahnende Vorbehalte, was die Beherrschung der korrekten Sprach­regeln betrifft.

Schriftsteller und Journalisten sind bestenfalls die viertklügsten Mitarbeiter ihrer Verlagshäuser. Die klügsten sind die Kaufleute, weil sie bestimmen, wie viel Geld die Kaufleute und wie viel die Kreativen kriegen. Die zweitklügsten sind die Archivare, die einzig Gebildeten in den Verlagen. Die drittklügsten sind die Korrektoren beziehungsweise Lektoren. Nur sie beherrschen die Sprache wirklich.

Zum letzten Punkt gibt es Hilfe aus Deutschland, die wir gern akzeptieren. Diese Kolumne habe ich bis hierher eigentlich nur geschrieben, um unauffällig die Werke der beiden Gentlemen Wolf Schneider und Bastian Sick zu propagieren.

Herrn Schneider sind hunderttausende Journalisten seit Jahrzehnten in Dankbarkeit verbunden. Sein Werk „Deutsch für Profis“ ist das Urmeter aller Lehrbehelfe. Ich empfehle es als Grundlage, ehe sich Volontäre und Sprachstreber dem heute bekannteren Bastian Sick zuwenden.
Herr Sick ist heute, mit 42 Jahren, eine Institution. Sein Werk „Der Dativ ist dem Genitiv sein Tod“ bringt ihm in Form von Büchern (bisher drei, Verlag KiWi), CD-Kassetten und ausverkauften Vortragstourneen viele hochverdiente Euro-­Millionen ein.

Wolf Schneider, heute in seinen höheren Jahren, blieb mit Sick insofern gleichauf, als er neben seinen Sprachführern auch das beste Glücksbuch („Glück!“, Verlag Rowohlt) schrieb. Darin lernen auch Stammler und Kritzler, wie man richtig lebt. Man applaudiert diesen beiden deutschen Lichtgestalten gern mit einem altwienerischen Gruß: Chapeau!