Das unlösbare Dilemma im Kongo: Wie die
größte Blauhelm-Mission dazu beiträgt

Afrika. Im Kongo-Krieg steht die größte Blauhelm-Mission der Welt vor einem unlösbaren ­Dilemma: Sie trägt unfreiwillig dazu bei, dass der Konflikt kein Ende findet.

Was für eine Streitmacht: 16.500 Soldaten, schwer bewaffnet, straff organisiert, mit einem Budget von mehr als einer Milliarde Dollar pro Jahr alimentiert, auf die Menschenrechts-Charta der Vereinten Nationen eingeschworen – eine bessere Armee ist in Afrika nirgendwo zu finden. Und was für eine Hilflosigkeit: Seit Jahren scheitert diese Truppe an ihrer Aufgabe. Die Blauhelme der UN-Mission „Monuc“ sollen für Frieden in der Demokratischen Republik Kongo sorgen. Stattdessen tragen sie unfreiwillig dazu bei, dass der Konflikt, der das Land seit mehr als einem Jahrzehnt zerreißt, kein Ende findet.

Vor nunmehr zwölf Jahren begann das, was inzwischen als „Afrikanischer Weltkrieg“ in die Geschichte eingegangen ist. Schätzungsweise fünf Millionen Menschen sind den Auseinandersetzungen zwischen Regierung und Aufständischen zum Opfer gefallen, die mit wechselnder Intensität vor allem im Osten des Landes toben. In den vergangenen Wochen eskalierte die Lage in der Provinz Nord-Kivu, einer der rohstoffreichsten Regionen des Landes an der Grenze zu Ruanda, wieder gefährlich (profil Nr. 46/08). Hunderttausende Menschen sind auf der Flucht, tausende unmittelbar vom Tod bedroht – durch Hunger und Krankheiten ebenso wie durch Kämpfe zwischen Truppen der kongolesischen Armee und der Miliz des Rebellengenerals Laurent Nkunda.

Und die Monuc , von der UN autorisiert, „alle notwendigen Mittel“ zu ergreifen, um „den Schutz von Zivilisten vor unmittelbar drohender physischer Gewalt sicherzustellen“? Kann dem tödlichen Treiben keinen Einhalt gebieten. Sie hat zwar einen Verteidigungsring gezogen, um eine Übernahme der strategisch wichtigen Provinzhauptstadt Goma durch die Rebellen zu verhindern. Keine zehn Kilometer vom Stadtzentrum entfernt haben ­jedoch nicht mehr die UN, sondern bereits die Milizen verschiedener Fraktionen das Sagen, rauben, vergewaltigen und zwingen Minderjährige als Kindersoldaten unter Waffen. Aber was sie auch tun: Die übel beleumundete kongolesische Nationalarmee steht ihnen um nichts nach. Auf ihrem fluchtartigen Rückzug vor den Rebellen schreckten die notorisch unterbezahlten, schlecht ernährten Soldaten von Präsident Joseph Kabila nicht einmal davor zurück, Flüchtlingslager zu plündern.

Das Fatale: Die marodierenden Regierungstruppen, die sich zu einem Gutteil aus ehemaligen Rebellen zusam­mensetzen, haben als legitime Armee des Landes in den Blauhelmen enge Verbündete – bis hin zu gemeinsamen Einsätzen, die das UN-Mandat gegen „illegale bewaffnete Gruppen“ erlaubt. Und das zieht desaströse Konsequenzen für die Zivilbevölkerung nach sich.

Häufig laufen die Auseinandersetzungen um Dörfer oder Landstriche im Ostkongo nach einem ähnlichen Muster ab: Die Armee vertreibt mithilfe der UN die Aufständischen. Die Blauhelme ziehen sich zurück. Die Regierungssoldaten fallen über die Einheimischen her. Die Rebellen rücken wieder vor. Die Armee flüchtet. Jetzt fallen wieder die Aufständischen über die Einheimischen her. Und dann beginnt, mithilfe der UN-Truppen, alles von vorne. Es liegt also nicht zuletzt am Eingreifen der Blauhelme, dass keine der Konfliktparteien die Oberhand gewinnt.

Hinzu kommt, dass die Monuc über den ganzen Kongo verteilt ist. In der derzeit heftig umkämpften Provinz Nord-Kivu standen bis vor Kurzem 5500 Blauhelmen mindestens doppelt so viele Rebellen verschiedener Milizen gegenüber. Vergangene Woche forderte UN-Generalsekretär Ban Ki-moon 3000 weitere Blauhelme für die Krisenregion. Der Weltsicherheitsrat sprach sich umgehend dafür aus. Allerdings: Konkrete Truppenzusagen wollte vorerst kein Staat machen.

Von Martin Staudinger