Das Filmwunder wurde abgesagt

Eine Filmförderungsreform steht dringend an, aber die Kulturpolitik erschöpft sich diesbezüglich in vagen Absichtserklärungen.

Um Österreichs Ruf im benachbarten Ausland muss man sich offenbar Sorgen machen. „Die österreichische Methode“ heißt ein von Abgängern der Kölner Kunsthochschule gestaltetes und dieser Tage in Deutschland gestartetes ­Filmpsychodrama, dessen Titel auf eine exzentrische Selbstmordvariante verweist: Man sinke im Vollrausch in den Schnee – und dämmere beim Erfrieren sanft weg. Das sei übrigens „ziemlich schmerzfrei“, wie es im Film anerkennend heißt. Sich volltrunken dem Sterben überlassen: Das gilt, wenn man es ein wenig polemisch formulieren will, inzwischen auch fürs heimische Kino. Nur vier Wochen nach dem österreichischen Oscar-Triumph und den vollmundigen Kampfansagen hiesiger Kulturpolitiker aller Couleurs macht sich in der Branche nun die alte Lethargie breit. „Fälscher“-Regisseur Stefan Ruzowitzky hat in einem offenen Brief an den Wiener Gemeinderat seine Enttäuschung über die „große Mehrheit“ formuliert, die vor wenigen Tagen „gegen eine dringend notwendige Erhöhung“ des Filmfonds Wien (FFW) gestimmt habe: „Es wäre sehr schade, sollten jetzt all jene Recht behalten, die nie an ein aufrichtiges Bemühen der Politik um den Film glaubten.“
Die Mittel, die dem Kino hierzulande zur Verfügung stehen, sind tatsächlich karg. Das Österreichische Filminstitut (ÖFI) vergibt 12,5 Millionen jährlich, die „kleine Förderung“ im Unterrichtsminis­terium deren zwei für Innovatives; der FFW stellt kaum acht Millionen Euro bereit, der ORF knappe sechs. Das ist in Summe lächerlich wenig, nicht nur gemessen an anderen europäischen Förderstellen, sondern auch am reichlich vorhandenen filmemacherischen Potenzial – und an dem Umstand, dass schon ein mittelmäßig dotierter österreichischer Spielfilm zwischen 1,5 und drei Millionen Euro kostet.
„Das Gejammer geht mir, offen gesagt, ein wenig auf die Nerven“, hält ÖFI-Direktor Roland Teichmann dagegen: Es herrsche „zu wenig Selbstbewusstsein in der Branche“. Die „superbittere“ Finanzierungssituation und den bei kaum mehr als zwei Prozent schwächelnden Marktanteil österreichischer Kinofilme mag allerdings auch er nicht wegdiskutieren.

Regisseurin Andrea Maria Dusl („Blue Moon“) meint im Gespräch mit profil, dass man, „um einen anständigen Spielfilm herzustellen, die drei großen Förderungstöpfe bis zum Anschlag ausräumen“ müsse, da jede dieser Institutionen selbst im unwahrscheinlichen Fall einer lückenlosen Positiv­beurteilung maximal 700.000 Euro zu vergeben willens ist. Die klassische „Drei-Säulen-Förderung“ sei – auch infolge der desaströsen Budgetkrise des ORF – „selten geworden“, so Dusl, ein Ausweichen in die internationale Koproduktion fast immer nötig. Es sei ohnehin vermutlich einfacher, im Lotto zu gewinnen, als von allen drei großen Filmförderungsstellen in Österreich gefördert zu werden, fügt Dusl an. Es gebe schlicht zu viele gute Projekte, von denen aufgrund der akuten Budgetknappheit nur etwa die Hälfte gefördert werden könne. Eine Erhöhung des ÖFI-Budgets auf 20 Millionen – diese Forderung erhebt die Branche seit Jahren – sei daher die mindestnötige Maßnahme. Ein wenig sei das so, als stellte man für 30 Skifahrer nur vier Paar Ski zur Verfügung, meint Dusl noch. „Wir gehen am Zahnfleisch“, stellt sie trocken fest, wenn sich dieser Prozess fortsetze, könne man „das Filmwunder Österreich still und heimlich absagen“.

Schweigen. Kulturministerin Claudia Schmied teilt diese Ansicht (und das 20-Millionen-Ziel), hat aber seit Amtsantritt offenbar keine konkrete Idee, wie eine solche Anhebung zu bewerkstelligen sei. Sie verweist nur darauf, dass Film nicht nur eine Kunst, sondern auch ein Wirtschaftszweig sei. Die Suche nach „neuen Finanzierungsquellen“ führe somit logisch in die Wirtschaft. Der Plan einer „Content-Abgabe“, einer Art Steuer auf den Einsatz audiovisueller Medien (vom Kinobetreiber bis zum Handyfilm-Anbieter), scheint nach langer Planungsphase nun immerhin so weit gediehen, dass er Teil der Steuerreform 2010 werden könnte.

Während auf Bundesebene an Reformen zumindest noch gedacht wird, scheint in Wien die Stagnation längst Routine zu sein. Der im Gemeinderat abgelehnte Budgetanhebungsantrag der ÖVP wurde vom vernehmlichen Schweigen des Filmfonds-Chefs Peter Zawrel begleitet. Das seien doch „alles bloß Spiele, das sind Turnübungen“, sagt dieser nun zu profil: „Es stand ja fest, dass es sinnlos war, fürs laufende Jahr, bei längst beschlossenen Budgets, um eine Aufstockung anzusuchen. Außerdem muss der Bund der Hauptadressat solcher Anliegen sein. Keine andere Stadt in Europa gibt insgesamt so viel Geld für Film und Kino aus wie Wien.“ Die Situation sei widersinnig: Für Zawrel stellt sich die Frage, warum „jene Partei, die in Wien Filmbudgeterhöhungen beantragt, nicht auf Bundesebene – als Regierungspartei, die noch dazu den Finanzminister stellt – eine sofortige Erhöhung des ÖFI-Etats als Reaktion auf den Oscar durchsetzen“ könne.
Zawrels Zurückhaltung in der Frage, warum das Budget seiner Institution seit acht Jahren nicht einmal valorisiert worden sei, stößt in der Filmszene dennoch auf Unverständnis. Der FFW-Chef verteidigt sich damit, dass er sich um eine Erhöhung Jahr für Jahr bemühe, aber bislang eben nicht durchgedrungen sei. Dennoch übe er sich in „gut begründeter“ Zuversicht: Eine eigene Vienna Film Commis­sion, die den Filmstandort Wien fördern solle, sei „ebenso in Statu Nascendi wie eine Erhöhung unseres Budgets, insbesondere für eine separate Behandlung von Fernsehfilmprojekten“.
Wenn man weiß, wie viele hochprofilierte Filmprojekte im FFW letzthin in die Warteschleife verfrachtet oder endgültig abgelehnt wurden, irritiert ein Blick auf die rezenten Filmfonds-Entscheidungen durchaus: Höchstförderungssummen gingen an konservative Unternehmungen wie Robert Dornhelms Netrebko/Villazón-Feier „La Bohème“ oder Kurt Ockermüllers Mundl-Update „Echte Wiener“. „Wir sind ein Regionalfonds“, meint Zawrel bloß. „Da ist es eben auch entscheidend, wo das Geld ausgegeben wird. Filme, die im Zillertal gedreht werden, sind von uns nicht so leicht zu subventionieren.“ Man müsse endlich aufhören, „am Publikum vorbeizuproduzieren“, tönt es indes kämpferisch aus einem der beiden hiesigen Produzentenverbände, aus dem Haus Film Austria, wo man das Gremienmodell in den Förderungsstellen gern durch alleinverantwortliche Intendanten ersetzen würde. Derzeit seien „notorisch Branchenfremde“ am Werk, die ihren Dienst „quasi beamtenhaft“ erledigten. Die Förderung sei an „objektivierbare Leistungskriterien anzubinden“.

Was auch immer das sein mag: Beim Endverbraucher ist das international so erfolgreiche österreichische Kino offenbar nie angekommen. Laut einer Studie, die im Auftrag des Filminstituts vor wenigen Monaten durchgeführt wurde, werden Tobias Moretti und Klaus Maria Brandauer für Österreichs bedeutendste Filmdarsteller gehalten (Arnold Schwarzenegger und Peter Alexander folgen); als zentrale Regisseure nennen 15 Prozent Reinhard Schwabenitzky, elf Prozent den Schauspieler Josef Hader; Franz Antel erreicht acht Prozent – vor „Klinik unter Palmen“-Leiter Otto Retzer. Das Image des heimischen Kinos ist, wie man sieht, noch zu verbessern. Die österreichische Methode wird dabei wenig hilfreich sein.

Von Stefan Grissemann