Das jüngste Gerücht

Andrea Eckerts Qualifikation als Volkstheater-Chefin

Man kann der Theaterstadt Wien augenblicklich viele Vorwürfe machen: Das Burgtheater schwächelt, die Josefstadt schlingert ins Out, und eine soeben in Angriff genommene Reform muss die freie Szene erst einmal in den Wachzustand zurückholen. Ob dies gelingen wird, ist noch nicht absehbar.

Nun soll die Chefetage des Volkstheaters neu besetzt werden: Prinzipalin Emmy Werner dreht 2005 eine letzte Ehrenrunde, dann ist Schluss.

Das Haus steht in dem schönen Ruf, einst Wiens pfiffigste Bühne gewesen zu sein. Hier trat Helmut Qualtinger auf, zündete Peter Turrini seine ersten Skandale, hier wurde der Brecht-Boykott der Nachkriegszeit ungerührt gebrochen. Ebenso gut könnte man freilich Klaus Maria Brandauer zugute halten, einst ein raues Bürschchen gewesen zu sein: Seit Jahren ist am chronisch untersubventionierten Volkstheater nur mehr theatrale Stangenware zu sehen.

„In dieser Situation ist es für die Theaterstadt Wien entscheidend, wer demnächst das Volkstheater leiten wird“, erklärte die „Süddeutsche Zeitung“ die Werner-Nachfolge unlängst zur Überlebensfrage – und hatte auch gleich eine Lösung parat: „Paulus Manker wäre womöglich die Rettung des Hauses“, gab die Zeitung ihre Wahlempfehlung ab und zog Mankers Konkurrentin, der Schauspielerin Andrea Eckert, vorsichtshalber gleich eins über: Eckert wäre „die Fehlbesetzung schlechthin“.

Nun hat heiteres Kandidaten-Raten in Österreich Tradition. Sind die Oberstübchen der Salzburger Festspiele oder etwa des Burgtheaters neu zu vergeben, wird die Öffentlichkeit von den Auguren der Branche verlässlich mit den Namen möglicher Aspiranten versorgt. Doch selten hatte dieses Spiel so viel System: Andrea Eckert wird flächendeckend desavouiert.

Bei der Wahl der Mittel ist man nicht heikel. „Gerüchte sind die Wiener Lieblingswaffe beim Abschießen noch nicht bestellter Theaterdirektoren“, schrieb der „Kurier“ vergangene Woche – allerdings nur, um im Anschluss unbekümmert drauf loszuballern: Im Volkstheater zirkuliere eine „Negativ-Liste“, die Eckert jene Kosten vorrechne, die sie dem Haus „durch Absagen verursacht habe“. Auch „Der Standard“ kolportierte unbekümmert das jüngste Gerücht, die „Presse“ gab der Schauspielerin den sexistisch-süffisanten Tipp, sie könne sich ja durch die politischen Beziehungen ihres „Ex-Lebensgefährten André Heller aushelfen“ lassen – wie sonst auch sollte eine Frau zu Amt und Würden gelangen?

Nun kann man über Andrea Eckert durchaus geteilter Meinung sein: Sie ist keine Rebellin und hält mit Visionen sorgsam Haus. Doch über die Qualifikation Eckerts für das dritthöchste Amt im Wiener Theaterstaat kann man nicht geteilter Meinung sein: Zumindest so lange nicht, bis Eckert offen legt, was sie als Volkstheater-Chefin denn so zu tun gedenke. Denn bislang rückten nur die Regisseure Michael Schottenberg und Stephan Bruckmeier mit Konzeptpapieren heraus. Eckert hält eisern dicht.

Wenn der „Standard“, die „Presse“ und die „Süddeutsche Zeitung“ Andrea Eckert im Moll-Dreiklang vorwerfen, nur deshalb Chancen auf den Volkstheater-Thron zu haben, weil sie mit dem politisch gewieften André Heller „zarte Bande“ („Süddeutsche Zeitung“) verbänden, ziehen sie Register, die in der (kultur-)politischen Auseinandersetzung bislang den Stammtischen vorbehalten waren. Dass eine „Negativ-Liste“ von Eckerts Auftrittsabsagen zirkuliere, wird von Emmy Werner „heftig dementiert“, vom „Kurier“ aber dennoch publiziert. Die „Presse“ wiederum druckte trotz akuten Beweismangels absurde Gerüchte ab, die „Süddeutsche Zeitung“ führte keine Gründe an, warum Eckert „nicht zur Theaterdirektorin taugt“.

Das Unbehagen, das die Beobachter der Szene reflexartig befällt, wenn die Sprache auf Andrea Eckert kommt, hat einen guten Grund: Die Befürchtung, dass die Nachfolge längst politisch auspaktiert und die öffentliche Ausschreibung des Posten, die am 15. November endet, bloß eines sei – „Augenauswischerei“ („Falter“). Sollte das tatsächlich so sein, verdient nicht Andrea Eckert, sondern Kulturstadtrat Andreas Mailath-Pokorny Misstrauen. Doch so müssen sich die medialen Scharfschützen genau jenen Vorwurf gefallen lassen, den sie Wiens Kulturpolitik vielleicht zu Recht machen: von Seilschaften und eingeflüsterten Gerüchten manipuliert zu sein.