Das perfekte Geschäft

Mysteriöse Kursbewegungen an der Börse haben Manager der Telekom Austria um neun Millionen Euro reicher gemacht. Die Finanzmarktaufsicht ist den Drahtziehern auf der Spur.

Besuchern der weitläufigen Kantine der Telekom-Austria-Zentrale in der Wiener Lassallestraße Nummer 9a bot sich am Freitag vorvergangener Woche bereits in den frühen Morgenstunden ein ungewöhnliches Schauspiel. In der schlaftrunkenen Menge, die wortkarg um Kipferl und Kaffee anstand, machten gleich mehrere Herren durch ostentative Heiterkeit auf sich aufmerksam. Leicht gerötete Backen, glitzernde Augen, verschmitztes Lächeln auf den Lippen.
Nur wenige Stunden davor, am Donnerstagnachmittag, war ihnen ein kühner Traum in Erfüllung gegangen. Um Punkt 17.32 Uhr hatte die Wiener Börse den Schlusskurs der Telekom-Austria-Aktie festgesetzt: 11,73 Euro.

Eine Zahl, die insgesamt 100 Manager des ehemals verstaatlichten Telekommunikationskonzerns zu einer sonderbaren Schicksalsgemeinschaft verschworen hat.
Seit 26. Februar 2004 sind sie um zusammen 9,2 Millionen Euro reicher. Seit diesem Tag aber sind sie allesamt auch verdächtig. Verdächtig, die Wiener Börse mit odiosen Aktiengeschäften zu ihren Gunsten beeinflusst zu haben. Am Freitag vorvergangener Woche hat die für die Überwachung des Wertpapierhandels zuständige Finanzmarktaufsicht (FMA) Untersuchungen wegen mutmaßlicher Kursmanipulationen eingeleitet. Ein FMA-Sprecher: „Wir haben Anhaltspunkte, dass es hier nicht mit rechten Dingen zugegangen ist.“

Die Wurzeln der Affäre gehen auf das Jahr 2000 zurück. Am 4. Oktober 2000, unmittelbar vor dem Börsegang der Telekom Austria AG, wird in einer außerordentlichen Hauptversammlung ein so genannter „Aktienoptionsplan“ verabschiedet. Ausgewählten leitenden Angestellten, unter ihnen die Vorstände von Telekom und ihrer Tochter Mobilkom sowie dutzende Prokuristen, werden dabei Erfolgsprämien in Aussicht gestellt. Die Bedingungen sind im Kapitalmarktprospekt klar definiert: Die Aktie muss an einem von vier Stichtagen, spätestens jedoch am 27. Februar 2004, um mindestens 30 Prozent über dem Ausgabepreis notieren. Grundlage der Berechnung: das Kursmittel der fünf vorangegangenen Handelstage.

Am 20. November 2000 kommt die Telekom-Aktie zu neun Euro das Stück auf den Markt. Was damals noch kaum jemanden beschäftigt: Um den festgeschriebenen Kursanstieg von 30 Prozent zu erreichen, muss die Aktie bei Auslaufen des Programms jedenfalls mit einem Durchschnittswert von 11,70 Euro notieren.

Diesem Anspruch wird das Papier lange Zeit nicht gerecht. Drei der vier Stichtage verstreichen weit gehend ereignislos. Sowohl am 31. Mai 2002, als auch am 28. Februar 2003 und am 2. Juni 2003 steht die Aktie jeweils deutlich unter elf Euro. Die Prämienauszahlung rückt in weite Ferne. Bleibt der letzte Termin, der 27. Februar 2004. Weil dazumal eine Beobachtungsperiode von fünf Handelstagen festgesetzt worden war, beginnt die Uhr am 20. Februar zu ticken. Sie wird bis einschließlich 26. Februar laufen.
In der Generaldirektion, berichten Mitarbeiter, sei die Anspannung ab da förmlich greifbar gewesen. Ein Telekom-Manager: „Da haben ein paar Herren stündlich die Kursbewegungen am Computer verfolgt. Man hatte den Eindruck, die tun kaum mehr etwas anderes.“ Am 20. Februar schließt die Aktie bei 11,65 Euro. Den leitenden Telekom-Mitarbeitern steht ein banges Wochenende ins Haus. Was wird der Montag, der zweite entscheidende Tag, bringen?

Die Ereignisse der folgenden Woche werden die Betroffenen so schnell nicht vergessen. Ihre Gefühle fuhren, wie auch der Kurs, buchstäblich Hochschaubahn:
Am Montag, dem 23. Februar, schließt die Aktie bei 11,75 Euro. Auf diesem Niveau wären die Prämien gesichert. Doch bereits am Tag darauf ist wieder alles anders: Mit 11,69 Euro fällt der Kurs unter den kritischen Wert. Schlimmer noch: Auch am Mittwoch stehen am Ende des Handelstages nur 11,69 Euro zu Buche. Um doch noch den ursprünglich festgelegten Durchschnitt von 11,70 Euro zu realisieren, muss die Aktie am Donnerstag zumindest 11,72 Euro erreichen, sonst ist alles perdu.

Herzschlagfinish. Auch der Tag der Entscheidung lässt sich nicht eben viel versprechend an. Die Telekom-Aktie geht am Morgen mit 11,69 Euro an den Start. Um Punkt 12.00 Uhr steht sie bei 11,65 Euro, um 14.15 Uhr bei 11,64 Euro. Vorerst deutet nichts auf einen außergewöhnlichen Handelstag hin. Die Kursschwankungen sind geringfügig, die Umsätze im üblichen Rahmen. Bis in den späten Nachmittag sind 700.000 Telekom-Aktien gehandelt worden, etwa so viel wie an den meisten anderen Tagen auch.

Für die Nutznießer des Optionsplanes werden die Veränderungen im Cent-Bereich freilich zu einem existenziellen Thema. Schafft die Aktie bis zum Handelsschluss nicht die 11,72 Euro, ist auch der erforderliche Durchschnitt von 11,70 Euro verfehlt. Kein Durchschnitt, kein Geld.

Und dann passiert Erstaunliches. In der so genannten „Schlussauktion“, einem voll automatisierten Handelsprozess zwischen Käufern und Verkäufern, langen von bislang unbekannter Seite völlig überraschend massive Kauforders ein. Innerhalb von nur zwei Minuten, eine Schlussauktion dauert insgesamt zweieinhalb, werden noch einmal 900.000 Telekom-Aktien gehandelt. Mehr als in den acht Stunden zuvor. Wer die Orders platziert hat, ist jetzt Gegenstand von Ermittlungen. Denn nur dank der enormen Nachfrage im allerletzten Augenblick wurde das Optionsprogramm doch noch über die Ziellinie gewuchtet. Der Schlusskurs von 11,73 Euro ergab einen 5-Tages-Durchschnitt von 11,702 Euro. Der wiederum lag exakt 30,022 Prozent über dem Ausgabepreis aus dem Jahr 2000. Erforderlich waren bekanntlich „mindestens 30 Prozent“.
Wäre die Telekom-Aktie an diesem Donnerstag um lumpige zwei Cent, oder in alter Währung: 28 Groschen, niedriger aus dem Markt gegangen, hätten die Telekom-Manager durch die Finger geschaut.
Stattdessen ergießt sich jetzt ein warmer Geldregen über ihre Häupter.

Wie im Lotto. Vor dem Börsegang waren 3,4 Millionen so genannter „Bezugsrechte“ unter den 100 Glücklichen verteilt worden. Jedes Stück ist heute 2,702 Euro wert, also die Differenz zwischen dem Ausgabepreis und dem Durchschnittskurs von 11,702 Euro. Macht in Summe schlanke 9,2 Millionen, welche die Telekom Austria den Damen und Herren seit Montag vergangener Woche zur Auszahlung bringt. „Das“, schwelgt einer, „ist wie ein Lottogewinn.“

Größter Profiteur ist der Chef höchstselbst. Generaldirektor Heinz Sundt wird aus dem Optionsplan 390.000 Euro brutto kassieren, seine drei Vorstandskollegen jeweils rund 320.000 Euro. Auch in den Ebenen darunter sollte sich mehr als nur ein kleiner Brauner in der Kantine ausgehen. Abgestuft nach Funktion werden zwischen 60.000 und 120.000 Euro fällig.
Die Geschehnisse vom 26. Februar haben das ohnehin frostige Klima innerhalb der Telekom nachhaltig verschlechtert. Zentralbetriebsratschef Michael Kolek: „Die Stimmung ist nicht gut. Immerhin wurde in den vergangenen drei Jahren ein Drittel der Belegschaft abgebaut. Und jetzt kommt diese Geschichte daher.“

Das Telekom-Management müht sich einstweilen redlich, die Kursbewegungen plausibel zu machen. Generaldirektor Sundt: „Der Vorstand hat nicht manipuliert, und ich schließe das auch für meine Mitarbeiter aus.“ Immerhin, so Sundt, hätte man dafür eine Stange Geld in die Hand nehmen müssen.

Irgendwer hat sie aber in die Hand genommen.
Die FMA hat bereits eine Öffnung jener Konten veranlasst, über welche die Transaktionen abgewickelt wurden. Die Auswertung dürfte etwa vier Wochen in Anspruch nehmen. Bis dahin soll feststehen, wer die Aktien wirklich geordert hat.
Fakt ist: Wer immer den mysteriösen Deal vom 26. Februar durchgezogen hat, musste dafür kurzfristig annähernd elf Millionen Euro aufbringen. Christian Ramberger, Fondsmanager und Telekom-Spezialist der Allianz Investmentbank AG: „Ich kann mir nicht vorstellen, dass das aus dem Unternehmen heraus passiert ist.“

Plausibler wird das Geschehene dadurch nicht. Da über die erforderliche Kursschwelle schon in den Tagen vor dem fraglichen Donnerstag intensiv berichtet worden war, mussten die unbekannten Käufer wissen, dass ihre Orders die Aktie über die rettende Marke tragen würde. Sie wussten also, dass dem Management dadurch geholfen wird.
In Wiener Finanzkreisen wird jetzt darüber spekuliert, dass eine international tätige Investmentbank die Aufträge platziert haben könnte – quasi als kleinen Vertrauensvorschuss für spätere gemeinsame Geschäfte. Die ÖIAG will noch im laufenden Jahr einen Teil ihres 47-prozentigen Telekom-Austria-Anteils über die Börse verkaufen. Das wird ohne Investmentberater nicht gehen. Diese können je nach Emissionsvolumen und Verkaufspreis aber mit Honoraren in der Größenordnung von 30 Millionen Euro rechnen.

Das Absurde an der Affäre ist: Die Aktion hat vorerst keinem der Beteiligten nachhaltig geschadet. Wer auch immer die Aktien geordert hat, könnte – so sie sich noch in dessen Besitz befinden – sogar einen kleinen Gewinn erzielen. Zu Redaktionsschluss stand die Aktie bei 11,84 Euro. Auch die übrigen Telekom-Aktionäre werden sich kaum darüber beklagen, dass das Papier einen kleinen Kick bekommen hat. Die Manager bekommen ihre Bonifikationen. Sollte die FMA jedoch Manipulationen nachweisen, könnte es eng werden. Dann nämlich droht nicht nur die Rückzahlung der Prämien und eine Geldstrafe von jeweils 20.000 Euro. Dann wackeln auch die Jobs.