Das Glück dauert 5760 Minuten

Seit Freitag läuft das größte, populärste, profitabelste und auch sonst superlativste Sportereignis der Welt: die Fußballweltmeisterschaft in Südafrika. profil liefert das allerbeste Begleitprogramm.

Weltmeister, inoffiziell
Am 11. Juli, 20.30 Uhr, wird in Johannesburg das WM-Finalspiel angepfiffen. Der erste – inoffizielle – Weltmeister des Turniers wird aber schon am Montag dieser Woche im Spiel zwischen den Niederlanden und Dänemark eruiert. Laut den Statuten des UFWC (Unofficial Football World Cup), der sich am klassischen Boxweltmeisterschafts-Modus orientiert, hält eine Nationalmannschaft den Weltmeistertitel so lange, bis sie in einem Match – egal, ob Bewerbs- oder Freundschaftsspiel – besiegt wird. Derzeit halten die Niederlande den Titel und verteidigen diesen seit immerhin 15 Spielen. Der – von der FIFA nicht anerkannte, aber immerhin wohlwollend tolerierte – Bewerb geht bis auf das erste Ländermatch zwischen Schottland und England im Jahr 1872 zurück, ist also 58 Jahre älter als die offizielle FIFA-Weltmeisterschaft. Mehr als 40 Nationen waren seither die inoffiziell beste Mannschaft der Welt, darunter auch Venezuela, Südkorea und die Niederländischen Antillen; Österreich liegt mit zwölf Titeln (bzw. Titelverteidigungen) in der ewigen Bestenliste knapp hinter Spanien auf Platz 15. Infos: ufwc.co.uk


Tore gegen die Apartheid

Die Liga auf der Gefängnisinsel Robben Island schrieb eines der schönsten Kapitel der Fußballgeschichte.

Manchmal kann es Mark Shinners selber nicht mehr glauben, dass er an diesem verfluchten Ort Fußball gespielt hat. Ausgerechnet auf der Gefängnisinsel Robben Island, im bestbewachten und verrufensten Kerker des Apartheid-Regimes, wo Nelson Mandela und seine Mitstreiter jahrzehntelang eingesperrt waren. Shinners, verurteilt wegen terroristischer Sabotage, war einer von ihnen. Der 66-Jährige verbrachte 22 Jahre auf der Insel, ein Drittel seines Lebens.
Gedankenverloren steht er auf dem kahlen Platz zwischen dem Isolationstrakt und Block C. „Hier fand im Dezember 1967 unser erstes Spiel statt. Es war ein windiger Samstagmorgen.“ Er erinnert sich noch genau, die Elf der „Rangers“ trug blaue Gefängnispullover, die „Bucks“ liefen in khakibrauner Häftlingskluft auf, und alle spielten barfuß. Nur wie das Match ausging, weiß Shinners nicht mehr. „Das müssen Sie Jacob Zuma fragen. Er war Abwehrchef der Rangers, ein guter, harter Verteidiger.“
Jacob Zuma ist heute der Präsident von Südafrika, und wenn Shinners diese Geschichte erzählt, klingt es wie ein Märchen. Es handelt von der Fußball-Liga, die sich die politischen Gefangenen erkämpften. Sie sollten auf der Kerkerinsel seelisch zerbrochen und von der Außenwelt vergessen werden. „Die weißen Wärter ließen ihren ganzen Hass an uns aus. Wir waren für sie nur dreckige Kaffern“, sagt Shinners. „Wir mussten Steine klopfen und dachten, dass wir nie wieder freikommen. Jeder Tag glich dem anderen.“ Und jeden Tag schaute Shinners übers Meer hinüber nach Kapstadt, zur Endstation Sehnsucht. Sie war nur zwölf Kilometer entfernt, aber so unerreichbar und unwirklich wie eine Fata Morgana.
Jahrelang ersuchten die Häftlinge die Gefängnisleitung um eine Spielgenehmigung, und keiner hat mehr Eingaben gemacht als Shinners. „Dafür wurde ich manchmal geschlagen. Oder meine Essensration wurde gestrichen.“ Aber Shinners und all die anderen Fußballverrückten gingen immer und immer wieder hin – bis die genervte Direktion nachgab. „Am Anfang hatten wir nicht mal einen Ball. Wir bastelten eine Kugel aus Putzlumpen. Die Tore bestanden aus angeschwemmten Schiffsplanken und alten Fischernetzen.“ Am Ende hatten die Gefangenen eine dreizügige Liga, in der 21 Mannschaften nach den internationalen Regeln der FIFA Meisterschaften ausspielten. Makana Football Association hieß ihr Verband. Der Name erinnerte an einen Häuptling und Propheten vom Volk der Xhosa, der Anfang des 19. Jahrhunderts einen Aufstand gegen die britischen Kolonialherren angeführt hatte – ein Urahn der Befreiungskämpfer des 20. Jahrhunderts. Er ertrank auf der Flucht im kalten Atlantik.
Zu jenem ersten Spiel im Dezember 1967 hatten sich 1000 Häftlinge versammelt, um ihre Teams anzufeuern. Prominente Insassen wie Nelson Mandela durften nicht zuschauen; sie mussten in ihren Zellen bleiben. Eine Schikane der Gefängnisbehörde, die unablässig versuchte, „jenen Funken auszutreten, der jeden von uns zu Menschen macht“, schreibt Mandela in seiner Autobiografie „Der lange Weg zur Freiheit“.
„Aber sie schafften es nicht, den Funken auszutreten“, sagt Shinners. „Wir hatten ja ein Gegenmittel: Fußball.“ Je öfter die Häftlinge spielten, desto stärker wirkte es. „Selbst brutale Wärter behandelten uns besser. Sie betrachteten uns plötzlich als Sportler, als Menschen mit richtigen Namen statt Nummern.“ Fußball auf Robben Island war mehr als ein Spiel. Viel mehr. Shinners drückt das in einem Satz aus: „Ich bin im Kerker als Fußballer auferstanden.“ Er war Kapitän der „Gunners“ und zählte zu den besten Spielern auf der Insel.
Einige der inhaftierten Kicker sollten nach dem Untergang der Apartheid hohe Positionen bekleiden. Tokyo Sexwale wurde Minister, ebenso Mosiuoa Lekota, der den Spitznamen „Terror“ trug, weil er im Strafraum seiner Gegner Furcht und Schrecken verbreitete. Dikgang Moseneke, Leiter des Disziplinarausschusses der Liga, stieg zum Verfassungsrichter auf. Jacob Zuma brachte es zum Staatschef. „Er hatte keine Schulbildung. Ich gab ihm damals Nachhilfeunterricht in Englisch und Geschichte“, verrät Shinners. Er wünscht sich, dass die heutige Politik mehr vom solidarischen Geist auf Robben Island hätte, aber dieses Thema will er nicht vertiefen.
Die Makana Football Association existierte über zwei Jahrzehnte und schrieb auf einer trostlosen Insel im Atlantik eines der hinreißendsten Kapitel der Fußballgeschichte. Vor zwei Jahren nahm sie der Weltverband FIFA als Ehrenmitglied auf. Es war ein großer Tag für Mark Shinners, den Häftling Nr. 493/63. Traurig stimmt ihn nur die Erinnerung an die Männer, die in der Gefangenschaft starben und in anonymen Gräbern ruhen. „Wir haben unser Leben lang für die Freiheit gekämpft. Unser Traum vom neuen Südafrika ist wahr geworden. Nun werden wir sogar mit der Weltmeisterschaft belohnt. Aber die alten Gefährten dürfen es nicht mehr erleben.“
Bartholomäus Grill


Wie buchstabiert man WM?

Was Kitkat mit Toreschießen zu tun hat – und wo die Österreicher geblieben sind.

Aids:
Trotz einer umfang­reichen Informations- und Behandlungsinitiative der ­Regierung Jacob ➙ Zumas leidet Südafrika nach wie vor unter der weltweit höchsten Rate an HIV-­Infektionen: Fast jeder fünfte erwachsene Südafrikaner ist HIV-positiv, jährlich sterben bis zu 400.000 Menschen an Aids. ­Einen Hauptanteil an dieser Katastrophe trägt die Politik des Ex-Präsidenten und Aids-Leugners Thabo Mbeki und seiner Gesundheitsministerin Tshabalala Msimang, unter deren Verantwortung laut einer Harvard-Studie 330.000 Südafrikaner an Aids starben, weil sie nicht entsprechend behandelt wurden.
Banyana Banyana: Zulu für „Mädchen Mädchen“, Spitzname des südafrikanischen Frauen-Nationalteams (analog zu Bafana Bafana, alias „Jungs Jungs“).
Booth, Matthew:
Der knapp zwei Meter große Verteidiger (und einzige weiße Spieler) der südafrikanischen WM-Mannschaft wird, auch wenn es so klingen mag, vom Publikum während des Spiels NICHT ausgebuht. In südafrikanischen Stadien gilt es lediglich als schick, den Namen des ballführenden Spielers zu brüllen.
Ciao: Maskottchen der Weltmeisterschaft in Italien 1990, ästhetisch bis heute unerreicht: kein Kuscheltier, kein grinsendes Kind, sondern ein grün-weiß-rotes, gaberlndes ­Bauklötzemännchen mit Fußballgesicht. Südafrika hingegen ­beschert uns Zakumi: einen grinsenden, kuscheligen Leoparden mit grünen Haaren und Winkzwang.
Domenech, Raymond: ­Trainer der französischen Equipe, wegen anhaltender Erfolglosigkeit und erratischer Hobbys nicht unumstritten. Großer Astrologiefan, orientiert sich auch beruflich an Sternzeichen und ­Aszendenten. Für die kommenden Tage prophezeit das Horoskop der „Bunte“ dem Wassermann Dome­nech: „Ihre Erfolge im Beruf oder in der Society lassen andere aufhorchen, und man lädt Sie zu Gesprächen ein. Doch Sie lassen sich zu keiner spontanen Zusage hin­reißen (Uranus-Einfluss), und das ist sehr klug von Ihnen: Es kommen bald noch viel reizvollere, ­lukrativere Möglichkeiten auf Sie zu.“
Elfmeterschießen: Zweimal wurde die Weltmeisterschaft bis dato in einem Elfmeterschießen entschieden, jeweils ­unter Beteiligung der italienischen Squadra: 1994 (2:3 gegen ­Brasilien) und 2006 (5:3 gegen Frankreich). Da Italien diesmal nicht ins Finale kommen wird, stehen auch die Wettquoten für ein Final-Elferschießen schlecht: bei 9:2.
FIFA: In Zürich ansässiger Sportverband; veranstaltet unter anderem die Fußballweltmeisterschaft; entwickelte sich unter dem aktuellen Präsidenten Joseph Blatter und dessen Vorgänger Joao Havelange zu ­einem der mächtigsten und profitabelsten Sportverbände der Welt – prognostizierter WM-Umsatz: mehr als drei Milliarden Euro.
Georg: frühchristlicher Märtyrer, Drachentöter, Heiliger; Fahnen mit Sankt-Georgs-Kreuz (rot auf weißem Grund) ­gehören v. a. in englischen Fankurven zur Grundausrüstung.
Harrison, George: australischer Goldsucher, stieß im März 1886 am Witwatersrand im Nordosten des heutigen Südafrika auf Edelmetall – und verkaufte seinen Claim um zehn Pfund. Keine gute Idee: Es handelte sich um die größte Goldader der Welt, rund um die Fundstelle entstand die Boomtown Johannesburg.
Inarritu, Alejandro Gonzales: mexikanischer Regisseur („Amores Perros“, „Babel“), drehte für den Sportartikelhersteller Nike (übrigens kein FIFA-Partner) einen dreiminütigen WM-Werbespot („Write the Future“), in dem, unter anderem, ein Cristiano-Ronaldo-Denkmal, ein rauschebärtiger Wayne Rooney und Homer Simpson auftreten.
Jong-Hun Kim: Trainer der nordkoreanischen Nationalmannschaft, ehemaliger Verteidiger des 25. Armee-Klubs, lässt seine Mannschaft gern im klassischen 5-4-1-Betonsystem auflaufen.
Kitkat: Michael Essien, Superstar der Mannschaft von Ghana, kann wegen einer Knieverletzung nicht an der WM-Endrunde teilnehmen, hat dafür aber die Welt in seinem – sehr lesenswerten – Blog auf der Chelsea-Homepage wissen lassen, wie sich Toreschießen anfühlt: „wie Kitkat-Schokolade in eine Tasse heißen Kaffee tunken und in deinem Mund schmelzen lassen“.
Kaptransmissions.org: Online-Journal zur Fußball-WM. Blogs, ­Videos, Reportagen abseits des fußballjournalistischen Mainstreams. Lesenswert.
Laduuuuuuma!: südafrikanische Variante des südamerikanischen Gooooool.
Messias: geboren am 24. Juni 1987 in Rosario, Argentinien; derzeit für den FC Barcelona tätig.
No-go-Areas: gefährliche Stadtviertel, in Südafrika angeblich besonders gefährlich; großes Debattenthema im Vorfeld der WM, zuletzt überraschend abgeflaut (➙ Umsiedlung).
Österreicher bei der WM: Ja, es gibt sie. In der Organisation: Heinz Palme, während der EURO 2008 Chefkoordinator der Bundesregierung, ist als Special Advisor des WM-Organisationskomitees tätig, Gerhard Kapl als Sicherheitschef der Soccer City in Johannesburg, Wolfgang Eichler und Delia Fischer für den FIFA-Pressedienst.
Pelé: Weltfußballer des Jahrhunderts. Wird für den brasilianischen Sender SBT die WM analysieren. Weitere Ex-Profis im TV-Einsatz: Gary Lineker (BBC), Jürgen Klinsmann (RTL), Oliver Kahn (ZDF), Paolo Rossi (Sky Italien). Uns bleibt immer noch Prohaska.
Ronaldo: ehemaliger Weltklassespieler, zweifacher Weltmeister. Twittert für den brasilianischen Telekom-Betreiber (und Teamsponsor) Claro seine Eindrücke von der WM, zum Beispiel so: „Guten Taaaaaag.“ (Eintrag vom 3. Juni, 14.35 Uhr)
Smiley: beliebter Straßen­snack in den Townships von Kapstadt. Zubereitung: einen Schafskopf (nicht ausgenommen) über Feuer kurz enthaaren, dann direkt in der Kohle rösten, salzen, pfeffern; Etymologie: die verbrannten Lippen erinnern an ein Grinsen; essbare Teile: Hirn, Wangen, Augen, Zunge.
Tambo, Oliver (1917–1993): südafrikanischer Politiker (ANC) und Freiheitskämpfer, nach dem der „Order of the Companions of O R Tambo“ benannt ist, der höchste an Ausländer verliehene Orden Südafrikas. Vier Tage vor WM-Start verlieh der südafrikanische Präsident Jacob ➙ Zuma den Orden an ➙ FIFA-Präsident Joseph Blatter.
Umsiedlung: In den Monaten vor der WM wurden Tausende Familien aus innerstädtischen Townships in so genannte Temporary Relocation Areas umgesiedelt. Deren größte liegt etwa 20 Kilometer außerhalb von Kapstadt und wird aufgrund ihrer Blechhütten-Architektur Blikkiesdorp genannt. Die Regierung sagt, dass sie damit Obdachlosen ein neues Heim gebe. Kritiker meinen, dass die Regierung damit nur ihre Innenstädte WM-tauglich (sprich: obdachlosenfrei) ­mache.
Vorbereitung: ist alles. Weil die japanische Nationalmannschaft zwei ihrer Vorrundenspiele in Bloemfontein (1400 Meter Seehöhe) beziehungsweise Rustenburg (1500 Meter) bestreitet, verordnete Trainer Takeshi Okada seinen Spielern zwecks privaten Höhenlufttrainings Sauerstoffmasken: „Sie können sie gut während des Fernsehens aufsetzen.“
Waka Waka (This Time For ­Africa): offizieller WM-Song, ­interpretiert von der kolumbianischen Popsängerin Shakira. Weltmeister der Weltmeisterschaftssongs sind allerdings die Deutschen: Mindestens 15, großteils obskure Bands haben Nationalteamanfeuerungslieder aufgenommen, darunter Größen wie Freiwild („Dieses Jahr holen wir den Pokal“), Bushido („Fackeln im Wind“) und Basta („Gimme Hope Joachim“). Das findet nicht ungeteilte Zustimmung, mancherorts werden sogar schon Stimmen laut, die eine Wiedereinführung einer offiziellen, von der Mannschaft eingesungenen WM-Hymne fordern. Wer sich noch an 1994 erinnert (Deutsche Nationalmannschaft feat. Village People: „Far Away In America“), findet die neuen Songs allerdings gar nicht mehr so übel.
X: bringt auch bei der WM nur einen Punkt (in der Gruppenphase) oder eine Verlängerung bzw. ein → Elfmeterschießen (ab dem Achtelfinale).
Yes, they can: Vielleicht. Die Wettquote für einen Turniersieg der US-Nationalmannschaft liegt bei 80:1.
Zuma, Jacob: seit 9. Mai 2009 Präsident von Südafrika, ANC-­Politiker; in den sechziger Jahren auf Robben Island inhaftiert, dort u. a. Verteidiger in der Gefängnismannschaft „Rangers“.