Das Leben danach

Wie bewältigen Skistars das Ende ihrer sportlichen Karriere? Nicht alle schaffen es, mit einer zweiten Laufbahn an die früheren Erfolge anzuknüpfen. Manche scheitern kläglich, manche beißen sich durch – und manche schlagen aus ihrem Namen mehr Kapital als zuvor.

Wenn Stephan Eberharter am kommenden Samstag im Zielauslauf des Herren-Riesentorlaufs von Sestriere abschwingt, wird eine Frage wohl alles andere verdrängen: War es das? Eberharters letztes Saisonrennen: Wird es auch das letzte in seiner Weltcupkarriere gewesen sein? Nach 15 Jahren im FIS-Zirkus wird für den Tiroler, wenige Tage vor seinem 35. Geburtstag am 24. März, wieder einmal die Frage nach dem Danach akut werden – nach der Karriere im „normalen Leben“. Oder soll, nicht zum ersten Mal, eine weitere Saison die Entscheidung noch ein wenig hinauszögern?

„Selbstverständlich wird sich der Steff fragen müssen, ob er dieses Risiko noch einmal eingehen will“, meint dazu ÖSV-Präsident Peter Schröcksnadel. „Er könnte natürlich noch einmal gut verdienen, aber auch viel verlieren.“
Echte Sorgen um sein „Leben danach“ muss sich Eberharter jedenfalls keine machen. Haben seine Sponsoren doch schon jetzt deponiert, dass sie auch nach seiner aktiven Zeit weiter mit ihm werben wollen. Die Uniqa Versicherung hat ihrem langjährigen Werbeträger gar bereits ein – informelles – Jobangebot unterbreitet.

Eine Ausnahmeerscheinung. Nur selten wissen aktive Skisportler schon vor dem Ende ihrer Karriere, wovon sie später leben werden. Vielfach ist nach dem Ausstieg erst einmal Klinkenputzen angesagt, eine ausgiebige Vorstellungsrunde bei potenziellen Arbeitgebern. Dabei bringt die im Sport gewonnene Popularität naturgemäß Vorteile. Harti Weirather, Abfahrtsweltmeister von 1982 und heute höchst erfolgreicher Unternehmer, der gemeinsam mit seiner Frau Hanni Wenzel die Event- und Sponsoringagentur WWP (Weirather, Wenzel & Partner) betreibt: „Das mit der Bekanntheit ist alles gut und recht. Du bist sehr schnell drinnen bei der Tür, wirst dann aber besonders genau beobachtet und bist genau so schnell wieder draußen, wenn du nicht hältst, was man sich von dir verspricht.“

Was aber kann jemand, der ein rundes Jahrzehnt lang nichts anderes getan hat, als zwischen roten und blauen Torstangen den schnellsten Weg ins Ziel zu suchen? Ski fahren. Da liegt es nahe, dieses Know-how auch weiterhin zu Geld zu machen. Ehemalige Spitzenläufer wie Reinhard Tritscher oder Olympiasieger Hubert Strolz betreiben seit Jahren eigene Skischulen. Reich sind sie damit allerdings kaum geworden. Pepi Stiegler, Slalom-Olympiasieger von 1964, der 30 Jahre lang im amerikanischen Jackson Hole Touristen den richtigen Schwung beibrachte und kürzlich in den Ruhestand trat, mahnt Realismus ein: „Mit einer Skischule kann man kein Millionär werden.“

Ähnliches gilt auch für die Gastronomie. Dennoch versuchen seit jeher viele Aussteiger dort ihr Glück. Der klingende Name soll Gäste anlocken, und die im Lauf der Karriere angesammelten Siegprämien und Sponsorengelder reichen im Regelfall auch aus, um zumindest eine kleine Pension oder ein Gasthaus zu finanzieren. An prominenten Beispielen dafür besteht kein Mangel: Egon Zimmermann, Karl Schranz, Hubert Strolz und Patrick Ortlieb betreiben Hotels und Pensionen in der Arlberg-Region, Leonhard Stock besitzt ein Ferienhotel im Zillertal, und Annemarie Moser-Pröll bewirtet ihre Gäste im salzburgischen Kleinarl.

Vorsorge. Tatsächlich ist „La Pröll“ eine der wenigen Ex-Skifahrerinnen, die nach dem Ende der sportlichen Karriere ins Berufsleben eingestiegen sind. Für die überwältigende Mehrzahl stehen eher private Pläne im Vordergrund, allen voran die Gründung einer Familie. Es sind hauptsächlich die Ski-Herren, die zum Teil noch während ihrer aktiven Zeit begannen, den Grundstein für die zweite Laufbahn zu legen. Ski-Legende Karl Schranz: „Ich habe schon während meiner Karriere eine kleine Pension mit 28 Betten aufgebaut. Das war letztlich meine Basis, auf die ich mich bei meinem Ausstieg verlassen konnte.“

Auch Harti Weirather versuchte sich anfänglich im Gastgewerbe: „Damals hat halt jeder, der aufgehört hat, gemeint, er muss ein Gasthaus oder eine Pension aufmachen – getreu dem Motto: ‚Wer nix wird, wird Wirt.‘ Ich war aber 1992 heilfroh, dass ich mein Hotel halbwegs gut verkaufen konnte.“ Tatsächlich ist im Tourismus längst nicht mehr alles Gold, was glänzt. Die beträchtlichen Bau- und Personalkosten fressen die meist bescheidenen Gewinne auf, viele Häuser sind hoch verschuldet, und immer wieder findet sich die Gastrobranche auf einem Spitzenplatz in der österreichischen Pleitenstatistik.

Eine Erkenntnis, die auch Klaus Heidegger, ÖSV-Slalom-Ass der späten siebziger Jahre, gewinnen musste. Bereits vor dem Ende seiner aktiven Karriere eröffnete Heidegger ein Hotel: „Anfangs dachte ich, ich werde das ein Leben lang machen.“ Bis zu einem einschneidenden Erlebnis im Jahr 1986. „Damals hat sich ein Betrunkener zu mir gesetzt und mir zwei Stunden lang seine Lebensgeschichte erzählt. Dabei hat er einen Kaffee und ein Bier getrunken. Ich habe mir gedacht:
Jetzt hab ich in zwei Stunden 30 Schilling Umsatz gemacht und auch noch den Psychologen spielen müssen. Das kann’s ja wohl nicht sein. Danach habe ich das Hotel verkauft und bin nach Amerika gegangen.“

Lehrjahre. Ein Abenteuer, für das der Spitzensportler nur bedingt gerüstet war: „Im Skisport wird man rundherum verwöhnt, alles wird einem vor die Füße gelegt. Dann musste ich auf einmal alles selber machen.“ Mit dem Erlös für den Verkauf seines Hotels beteiligte sich Heidegger bei „Kiehl’s“, dem Kosmetikunternehmen seines amerikanischen Schwiegervaters, und trug nach einer Reihe von Lehrjahren selbst dazu bei, dass aus dem familiären Traditionsunternehmen eine der besten Adressen in der internationalen Schönheitsindustrie wurde. „Erst habe ich ein Jahr lang nur Lippenstifte produziert“, erinnert sich Heidegger, „denn das war das Einfachste.“

Über Feuchtigkeitscremes und Haarshampoos arbeitete sich der Ex-Sportler bis ins Topmanagement hinauf. Im Jahr 2000 schließlich legte der französische L’Oréal-Konzern ein „sehr gutes Angebot“, und die Familie verkaufte. Mittlerweile hat der umtriebige Wahlamerikaner mit eigener Ranch und Privatjet zwei neue Projekte in Angriff genommen: eine Schuhfabrik und die Herstellung eines Wellness-Getränks „zur Förderung des Knorpelaufbaus“.

Wer sich, wie Heidegger, als ehemaliger Spitzensportler auf berufliches Neuland wagt, steht zumeist vor unerwarteten Problemen. Gerhard Krassnig vom Personalberater Korn/Ferry Österreich benennt die Hauptschwierigkeit: „Skifahrer bringen zwar die Fähigkeit mit, sich zu quälen und konsequent auf Spitzenleistungen hin zu arbeiten. Sie sind aber fast durchwegs Einzelkämpfer und Individualisten. Es fehlt vielen schlicht der Teamgeist.“ Abfahrtsweltmeister Patrick Ortlieb, der sich neben seinem Brotberuf als Hotelier bekanntlich auch für die FPÖ ins Parlament wagte, kann das nur unterschreiben: „Im Spitzensport wird zwar immer der Mannschaftsgeist gepredigt, letztlich zählt aber nur die eigene Leistung.“

Doch nicht nur mangelnde Teamfähigkeit macht den einstigen Topathleten zu schaffen. Auch wenn Franz Klammer heute überzeugt ist, „dass der Sport die beste Lebensschule ist, die es gibt“, so weist der „Lehrplan“ doch gravierende Lücken auf. Technik-Spezialist Wolfram Ortner etwa, der sich in den vergangenen 20 Jahren einen Namen als Schnapsbrenner und Organisator der internationalen Spirituosenmesse „Destillata“ machen konnte, entdeckte nach seinem verletzungsbedingten Ausscheiden aus dem Skizirkus sehr rasch die eigenen Defizite: „Vom Geschäft hab ich am Anfang keinen blassen Schimmer gehabt. Blöd ausgedrückt: Ich hab lernen müssen, telefonisch einen Termin auszumachen.“ Schließlich hatte sich in Ortners aktiver Zeit der ÖSV um derartige Belange gekümmert.

Risiko. Auch David Zwilling, der zuletzt eine Handelsplattform für heimische Produkte („Der Österreicher“) aufgebaut hat und seine Erfahrungen in Motivationsseminaren („Die unendliche Kraft von Visionen und Zielen“) weitergibt, musste Lehrgeld zahlen. Er selbst hatte das gesamte ökonomische Risiko für die Handelsplattform übernommen, während seine – in Spitzenzeiten bis zu sieben – Verkaufsteams mehr und mehr in Zahlungsverzug gerieten. „Als mein Controller dann auch noch mit dem Geld aus der Firma ins Kasino gegangen ist, hab ich gewusst, dass das so nicht funktioniert.“ In den vergangenen Monaten hat Zwilling, der nebenbei noch eine Ferienanlage im salzburgischen Voglau betreibt, das Konzept grundlegend überarbeitet und sich auch vertraglich besser abgesichert.

Aus Angst vor dem Sprung ins kalte Wasser bleiben viele Skistars ihrer angestammten Branche treu. Im Gegensatz zu Annemarie Moser-Pröll, die „das Karriereende herbeigesehnt“ hat und überzeugt war, „dass dann auch wirklich ein Schlussstrich gezogen werden muss“, verlassen sich andere gern auf alte Seilschaften. Führende Skihersteller, von Atomic über Fischer bis Head, haben durch die Bank Ex-Skiasse als Rennsportleiter engagiert. Mit gutem Grund. Gregor Dietachmayr, Geschäftsführer von Fischer Ski: „Wir wollten in den technischen Disziplinen wieder Fuß fassen und haben deshalb mit Sigi Voglreiter einen Slalomprofi ins Team geholt. Er kennt das Material, hat ein gutes Auge, viel Gefühl in den Beinen und versteht die Psyche der Sportler.“ Auch Head-Tyrolia-Austria-Chef Bob Koch nahm mit Rainer Salzgeber einen Techniker unter Vertrag: „Er ist die perfekte Schnittstelle zwischen Entwicklungsabteilung und Sportlern.“
Die Verbindung zu seinem früheren Sponsor nützte auch Anton „Jimmy“ Steiner für seine zweite Karriere. Vom niederösterreichischen Verkehrstechnikunternehmen Forster kaufte er nach seinem Ausstieg aus dem Rennsport die Abteilung Leitschienen. „Mein Glück war, dass ich auf ein bestehendes und funktionierendes Team zugreifen konnte. Außerdem haben wir das von Anfang an so geregelt, dass sich meine Frau um die Finanzen kümmert und ich die Technik mache.“

Selbstvermarktung. Nur wenigen unter den einstigen Skistars ist das Glück beschieden, sich selbst als Marke positionieren und damit auch Geld verdienen zu können. Paradebeispiel: Armin Assinger. Schon in einer verletzungsbedingten Pause 1989 klopfte der Kärntner beim ORF an: „Ich habe den damaligen Sportchef Franz Krynedl gefragt, ob ich nicht im Winter als Co-Kommentator arbeiten dürfte. Zu meiner Überraschung war er von der Idee sehr angetan.“ Ein Intermezzo mit weit reichenden Folgen: Als Assinger 1995 aus dem Skizirkus ausstieg, bekam der Meister der Spontanpointe prompt einen fixen Platz hinter dem Mikro. Heute bringt es Assinger als Sportkommentator, Moderator („Millionenshow“) und Werbeträger auf eine kolportierte Jahresgage von 600.000 Euro. Wer Assinger heute für eine einstündige Moderation buchen will, muss dafür stolze 6500 Euro hinblättern.

Unbestrittener Gagenkaiser unter den Ex-Skistars ist jedoch Hansi Hinterseer. Dabei verdankt er den Start seiner Schlager-Karriere einem Zufall: „Mit ein paar Musikern haben wir im Sommer 1993 Jack Whites Geburtstag in Kitzbühel gefeiert. Aus Spaß bin ich am nächsten Morgen um fünf mit meiner Ziehharmonika noch mal zu ihm gefahren und habe unter seinem Balkon ein Ständchen gespielt. Drei Tage später bot mir der Erfolgsproduzent einen Plattenvertrag an.“ Heute kann Hinterseer auf 20 Millionen verkaufte Tonträger, 20 Gold- und Platinplatten, eine eigene Fernsehshow und mehrere Rollen in heimatlich angelegten Filmen à la „Da, wo die Berge sind“ verweisen.

In bescheideneren Dimensionen bewegt sich dagegen das Selbstvermarktungsunternehmen „Franz Klammer“. Der Olympiasieger von 1976 versuchte sich in den achtziger Jahren zwar unter anderem als Vermarkter einer eigenen Modekollektion, ist sich heute jedoch sicher: „Ich werde einfach nie und nimmer ein Manager sein. Dafür wäre ich eine Fehlbesetzung.“ Seit der Pleite der Textilfirma vermarktet der 50-Jährige in erster Linie sich selbst und kommt, dank diverser Werbeverträge („Volksbank“) und eines Aufsichtsratsjobs beim Sportartikelkonzern Head, nicht schlecht über die Runden. Und wenn er versucht, seine momentane Tätigkeit zu definieren, dann bringt Klammer wohl am deutlichsten auf den Punkt, was den einen oder anderen Ex-Rennläufer erwartet, wenn er einmal nicht mehr auf den Brettern steht, die ihm so lange die Welt bedeutet haben: „Ich hab in dem Sinn keinen Beruf. Ich mache alles und nix.“