„Das Leben ist mehr als eine Schlachtplatte“

Interview. Der Regisseur und Schauspieler Sven Eric-Bechtolf über seine Wut auf das Regietheater, seine Abneigung gegen Intellektuelle, das Burgtheater und seine Neuinszenierung von Richard Wagners „Ring“ an der Wiener Staatsoper.

profil: Sie werden demnächst fünfzig Jahre alt. Haben Sie die Midlife-Crisis schon hinter sich gebracht?
Bechtolf: Schon dreimal, mindestens.
profil: Haben Sie Konsequenzen aus dem Erwachsenwerden gezogen?
Bechtolf: Ich habe noch nie vorsätzlich etwas getan. Weder kann ich wie normale Leute lernen noch mich vorsätzlich zu Konsequenzen zwingen. Zur Opernregie etwa kam ich durch glückliche Umstände, ähnlich verhielt es sich bei vielen anderen Dingen in meinem Leben.
profil: Sie sind Schauspieler, Regisseur und haben nun ein Buch geschrieben: Wann hatten Sie dazu noch Zeit?
Bechtolf: Nachts, als ich an der Staatsoper „Arabella“ von Richard Strauss inszenierte. Nach den Proben war mir ein bisschen fad, und so habe ich begonnen zu schreiben. Nach der zweiten Probenwoche fange ich außerdem jedes Mal an, die Opernmusik im Kopf zu hören. Sie setzt sich in meinem Hirn fest, und ich werde sie nicht mehr los. Das ist gruselig. Das Schreiben lenkt ab. Der Kopf wird wieder sauber.
profil: Tagsüber im Theater, abends vor dem Computer: Sie leben sehr isoliert.
Bechtolf: Andere Leute sitzen abends vorm Fernseher. Das macht keinen großen Unterschied.
profil: Sie inszenieren sowohl Theater als auch Oper: Ist eine der beiden Gattungen der anderen überlegen?
Bechtolf: Wenn Oper gelingt, ist sie vielleicht die ideale Bühnenform, weil sie die Künste in sich vereinigt. Richard Wagner hat den Begriff des Gesamtkunstwerks geprägt. Er meinte: Jeder wurschtelt vor sich hin, versucht, originell zu sein, will vorankommen, verkauft meistbietend – und das Ganze ist im Grunde genommen Prostitution. Warum machen wir es nicht wie die Griechen, fügen die Künste zusammen und erschaffen etwas, das wirklich Sinn ergibt und nicht nur dem Bedürfnis, sich zu zerstreuen und zu amüsieren, dient, sondern eine erzieherische Funktion hat, beim Zuschauer Katharsis auslöst?
profil: Sie halten an der romantischen Hoffnung fest, dass Kunst Reinigung herbeiführt?
Bechtolf: Ich bin kein Erlösungs-, Heils- oder Erweckungsphilosoph. Aber die Idee ist schön. Wagner ordnet ja auch der Liebe eine Macht zu, die wir als aufgeklärte Menschen kaum nachvollziehen können. Dieses Sehnsuchtsmoment macht Wagner zum Romantiker: Könnte das die Liebe doch!
profil: Diese Sehnsucht wollen auch Hollywood-Schinken vermitteln.
Bechtolf: Wagner zu Hollywood verhält sich wie echtes Gefühl zu Kitsch. Für Wagner ist die Liebe zwischen zwei Menschen ein wahrhaftiger Erlösungsmoment.
profil: Sie gestehen in Ihrem Buch „Vorabend“ doch selbst: „Die Oper will kein Leben, sie will Oper. Sie schreit nach Brokat, nach Gips und Talmi, nach grotesker Gesichtsbemalung.“
Bechtolf: Auf der Opernbühne kann man das Leben nicht eins zu eins abbilden, das ist klar. Aber dieses von mir beschriebene, überkommene, aber immer noch virulente Talmi ist furchtbar. Auf andere Art ist heutiger Regie-Trash aber auch Talmi.
profil: Was stört Sie denn am Theaterbetrieb so sehr? Sie kritisieren modernes Theater auch in Ihrem Buch massiv.
Bechtolf: Es gibt eine unheilvolle Tendenz zum Katastrophismus, zu Bilderstürmerei und Dekonstruktion. Ich habe größte Sympathien dafür, dass man eigene Stücke schreibt, wenn man findet, dass das vorhandene Repertoire nicht mehr greift. Aber ich weiß nicht, warum ich mir eine oberflächliche Zerstückelung von gut gebauten Werken ansehen soll. Es geht nämlich auch anders. Andrea Breth etwa ist das mit „Don Carlos“ gelungen. Sie ist tief in den Text eingedrungen.
profil: Was macht Oberfläche uninteressant? Regisseur Martin Kusej sagte einmal, ihn würde am Theater die Oberfläche sogar mehr interessieren als Tiefgang.
Bechtolf: Jeder von uns hat nur eine sehr kurze Spanne Zeit auf der Welt, um zu lernen. Kultur ist, was vor uns gedacht und gelernt wurde und woran wir teilhaben können. Kultur ist der Fundus, aus dem wir schöpfen. Warum sollte man das leichtfertig weggeben? Wenn mein 18-jähriger Sohn in eine Aufführung von „Emilia Galotti“ geht, habe ich das Bedürfnis, dass er auch was von dem Stück sieht und ihm nicht nur Blutbeutel um die Ohren fliegen. Ich persönlich kann diese Campingstuhl-Ästhetik auf der Bühne nicht mehr sehen.
profil: Ist es legitim, Shakespeare-Stücke so radikal zu hinterfragen, wie es zurzeit am Burgtheater geschieht?
Bechtolf: Werden die wirklich so radikal hinterfragt? Die Stücke sind so genial konstruiert, die Menschenerfindungen von Shakespeare so fantastisch, dass es mir lieber wäre, man fragte nicht: Wie erzähle ich das heute? Mir geht schon das Wort „heutig“ auf die Nerven. Stattdessen sollte man herausfinden, worum es eigentlich geht, statt dauernd seinen eigenen Müll da rein zu sondern. Warum soll ich in ein Stück gehen, in dem 25 Prozent des Textes nicht von Shakespeare sind? Ich glaube an die Autonomie von Werken. Die gehören nicht uns.
profil: Sie spielen auf die Inszenierung von Shakespeares „Maß für Maߓ an. Die Rüpelszenen wurden neu improvisiert, weil sie zu Shakespeares Zeit auch improvisiert worden sind.
Bechtolf: Na ja, wem’s gefällt. Ich glaube, dass in diesen Stücken Tieferes zu begehen ist, als zu sagen: Macht euch einen schönen Abend, so ernst haben wir es auch wieder nicht gemeint. Ich will aber gar nicht das Burgtheater beschimpfen. Das ist ja allseits abgefeierter Mainstream. Wenn ich ins Theater gehe, und ich gehe immer weniger gern ins Theater, sehe ich einfach oft dasselbe: einen reflexhaften Hang zur Hässlichkeit.
profil: Sind Sie immer ungern ins Theater gegangen?
Bechtolf: Nein, ich bin früher sehr gern ins Theater gegangen.
profil: Sind Sie Regisseur geworden, weil Sie sich sagten: Das kann ich besser?
Bechtolf: Nein, um Gottes willen, ich bin nicht aus Notwehr Regisseur geworden. Das wäre kein guter Beweggrund.
profil: Soll das Theater „das Leben verherrlichen“, wie der Kulturhistoriker Egon Friedell schrieb?
Bechtolf: Es gibt eine „Das weiß ich schon lange“-Haltung, mit der man heute an Stücke herangeht. Da wird dann was hingerotzt, und wenn ich nach der Vorstellung nach Hause gehe, sage ich mir: Aha, das Leben ist eine Schlachtplatte. Nun wissen wir aber alle, dass das Leben viel mehr ist. Insofern hat Kunst schon mit Verherrlichung des Lebens zu tun. Ich möchte auf der Bühne den Menschen in seiner ganzen Kläglichkeit, aber auch in seiner ganzen verzweifelten Großartigkeit sehen. Das finde ich weder konventionell noch altmodisch.
profil: Zuletzt haben Sie in Zürich „Figaros Hochzeit“ inszeniert, jetzt beginnen Sie an der Wiener Staatsoper mit Wagners vierteiligem „Ring des Nibelungen“. Worin liegt der Unterschied zwischen Mozart und Wagner?
Bechtolf: Mozart und Wagner sind für mich zwei ewige Antagonisten. Mozarts Musik tröstet und versöhnt mich mit meiner Existenz. Wagner rüttelt an den Stäben des Kerkers, der uns und ihm „Welt“ heißt. Wagner befiehlt, Mozart verführt. Wagner grübelt, Mozart fühlt. Wagner donnert, Mozart lacht. Wagner begehrt, Mozart liebt. Wagner marschiert, Mozart tanzt. Wagner denkt, Mozart sieht.
profil: Warum verlieren Sie in Ihrem Buch kein einziges Wort über die Musik des „Rings“?
Bechtolf: Das könnte man kritisch anmerken. Ich habe es nicht getan, weil ich es immens schwierig finde, über Musik zu schreiben. Erstens bin ich kein berufsmäßiger Schreiber, zweitens als Musikwissenschaftler eine Null. Ich muss auch bei jeder Opernregie, wahrscheinlich anders als meine Kollegen, wahnsinnig viel Vorarbeit leisten, ganz einfach, weil ich zu geringe musikalische Kenntnisse habe. Ich muss die Musik auswendig lernen, und das ist nicht ohne.
profil: Welche Funktion hat Musik für Sie?
Bechtolf: Ich beginne jeden Morgen damit, Bach zu hören. Das ist wie ein Reset auf meiner Festplatte. Tagsüber oder am Abend benutze ich Musik als Gefühlsverstärker.
profil: Wann hören Sie Wagner?
Bechtolf: Im Moment dauernd, dabei bin ich gar kein so großer Wagner-Fan. Als man mir anbot, den „Ring“ zu machen, habe ich mir gedacht: Um Gottes willen, dieser Antisemit! Und was wir halt noch so an Vorurteilen in uns tragen.
profil: Wagner war aber Antisemit.
Bechtolf: Ja, aber das ist nur ein kleiner, wenngleich auch ekelhafter Teil seiner höchst widersprüchlichen Persönlichkeit. Ich hatte auch Furcht vor dieser Germanen-Folklore, diesen Helmen, Kelchen, Lanzen und sonstigem gezimmerten Zeugs. Diese Vorurteile verliert man, wenn man versteht, welch fantastische Bilderwelten er erschaffen hat. Ich will Wagner nur nicht in die Falle gehen und von Erhabenheit und Göttlichkeit faseln. Auch wenn im „Ring“ Götter auftreten, ist es ein zutiefst menschliches Stück. Das sind Wesen aus Fleisch und Blut.
profil: Wie werden Sie den „Ring“ an der Staatsoper deuten?
Bechtolf: Es gibt Kollegen, die großes Interesse daran haben, vielleicht auch zu Recht, einen politischen „Ring“ zu inszenieren, einen weltanschaulichen „Ring“. Mich interessiert das Gegenteil daran, das Opake und Undurchsichtige dieses Werkes. Ich will zurück zum Mythos, weil das Unaufgelöste zugleich immer auch das Menschliche ist.
profil: Haben Sie Angst vor der Premiere? Wagnerianer stehen in dem Ruf, ein besonders schwieriges Publikum zu sein.
Bechtolf: Ich habe nicht mehr Spundus vor dieser Premiere als sonst. Alles andere fände ich lachhaft. Es ist ja wohl logisch, dass jeder, der den „Ring“ macht, damit nicht allen gefallen kann. Man scheitert am „Ring“ immer, genauso wie man am „Don Giovanni“ scheitert. Natürlich habe ich auch schon ein paar Mal richtige Scheiße gebaut. Derart kapital zu scheitern ist gruselig, aber das gehört zu unserem Beruf. Es ist ein völlig idiotischer Glaube, ein Künstler mache automatisch immer alles richtig.
profil: Ihre Kindheit, so schreiben Sie in „Vorabend“, sei voller „Realitätsfluchten“ gewesen. Entfliehen Sie der Welt via Kunst noch immer?
Bechtolf: Im Gegenteil, für mich ist die Kunst ein gangbarer Weg in die Welt. Sonst würde ich wahrscheinlich zu Hause sitzen und träumen.
profil: Wagner war ein waschechter Polit-Revolutionär, der im Mai 1849 in Dresden auf die Barrikaden ging. Wie weit würden Sie für Ihre Überzeugungen gehen?
Bechtolf: Ich bin Skeptiker und glaube nicht an gesellschaftliche Großentwürfe wie politische oder religiöse Utopien. Insofern müsste man mich als unpolitischen Menschen bezeichnen. Ich halte auch nichts von der permanenten Beschwerdeführerei, als handle es sich beim Leben um eine intrigant eingefädelte Sauerei. Die Menschen sind, weil sie so sein müssen. Es gibt doch eine Gravitation, eine Kausalität in unserer Entwicklung.
profil: Politisches Theater à la Brecht ist nicht nach Ihrem Sinn?
Bechtolf: Mir sind diese Beantwortungs- und Meinungsgewissheiten von Brechts Lehrstücken unangenehm. Die frühen Stücke mag ich sowieso nicht. Die tun so, als wären sie politisch, aber das ist Dichter-Attitüde und spätpubertärer lyrischer Erguss.
profil: Sie deuten den „Ring“ in Ihrem Buch als utopische Erinnerung an etwas, das es nie gegeben hat: als „Zustand der Unschuld“. Wie stellen Sie sich diesen „natürlichen Zustand“ vor?
Bechtolf: Den gibt es nicht, sonst wäre er ja nicht utopisch. Wenn am Ende des „Rings“ der Rhein über die Ufer tritt und die Welt untergeht, ist das nicht pessimistisch zu verstehen, sondern eine Erlösungsfantasie: Die Welt geht wieder auf in Natur. Die „Götterdämmerung“ löst in mir die Einsicht aus, dass das Leben, wie wir es führen, eines ist, das mit uns selbst nicht viel zu tun hat. Wir leben in dauernder Ablenkung und Entfremdung.
profil: Wagner war Zivilisationsgegner: Sind Sie das auch?
Bechtolf: Wüssten wir, wie man die Welt verbessern könnte, so handelten wir ja danach. Wir machen ja nicht vorsätzlich alles schlecht. Ich werde etwa gleich redlich bemüht aufstehen und irgendwelche Dinge tun, aber wahrscheinlich nicht zu meinem Besten. Das ist aber nicht zu verhindern.
profil: Das ist eine defätistische Haltung.
Bechtolf: Schauen wir uns doch dagegen die Kulturrevolutionen an! Das sind Katastrophen gewesen. Wir haben im letzten Jahrhundert erlebt, was passiert, wenn Ideologien in die Tat umgesetzt werden.
profil: Auch die Individuation interpretieren Sie in Ihrem Buch als „Sündenfall“. Haben Sie etwas gegen die Kulturleistung der Aufklärung?
Bechtolf: Diese Bezeichnung stammt aus der Bibel und nicht von mir. In dem Moment, in dem ich um Gut und Böse weiß, bin ich schon aus dem Schöpfungsprogramm herausgeholt. Ortega y Gasset hat gesagt: „Während der Tiger nicht aufhören kann, Tiger zu sein, sich nicht enttigern kann, lebt der Mensch in ständiger Gefahr, sich zu entmenschlichen.“
profil: Intellektuellen werfen Sie vor, „gemeinsame Sache mit den Herrschenden“ zu machen und sich als „Brandstifter“ zu versuchen.
Bechtolf: In dem Fall habe ich die Figur des Loge aus dem „Ring“ gemeint, der von den Göttern lebt, von ihnen domestiziert ist, aber dauernd alles anstecken will. Das Zündeln, die geistige Produktivität, hat etwas Gutes und etwas Gefährliches. Unterdrücken kann man es eh nicht. Ich habe also nichts „dagegen“. Ich habe auch nichts gegen Bananen oder das Wetter. Wie sollte ich das haben? Das wäre absurd. Aber immerhin sitze ich gerne zwischen den Stühlen: Wir haben die Tendenz, eine Sache klären und lösen zu wollen. Ich habe mühevoll gelernt, diese Tendenz zu unterdrücken, weil sie zu nichts führt. Im Gegenteil: Das Nicht-Lösbare zu ertragen, halte ich für eine Form, besser zu leben.

Interview: Peter Schneeberger