Das moralische Menü: Gut und gesund?

Das moralische Menü: Gut und gesund?

Was soll, was kann, was darf ich essen? Unsere tägliche Nahrung, nach ethischen Grundsätzen sortiert.

Von Christian Seiler

Ich stand in der Gemüseabteilung des Biosupermarkts und musterte schlecht gelaunt das Angebot. Die Salate ließen die Blätter hängen, die Tomaten sahen aus wie aus Bioplastik, nur die Himbeeren machten einen akzeptablen Eindruck. Ich schnappte mir also ein Plastikschüsselchen mit Beeren, als mich eine junge Mutter, die mit ihrer Tochter durch die Abteilung patrouillierte, plötzlich entrüstet anfauchte.

„Meinst du das ernst?“, fragte sie mit einem Blick auf das kümmerliche Körbchen in meiner Hand. „Die kommen aus Uruguay. Du willst doch nicht im Ernst Himbeeren aus Uruguay kaufen.“

Stimmt, die Himbeeren stammten aus Uruguay. Sie waren also sehr weit gereist. Mit einem Flugzeug. Dieses Flugzeug hatte Treibhausgase erzeugt, die zum Klimawandel beitragen. Mhm. Fast hätte ich die Himbeeren wieder zurück ins Regal gelegt, dann fiel mir aber zum Glück doch noch ein, dass es niemanden etwas angeht, wenn ich mir Himbeeren aus Uruguay kaufe, noch dazu Biohimbeeren, und sagte das der Wächterin meines Carbon Footprint auch in ungefähr diesen Worten.

So ergab sich ein energischer Wortwechsel, und obwohl mir meine Gesprächspartnerin mächtig auf die Nerven ging, muss ich ihr zugutehalten, dass ihr Engagement von echter Leidenschaft beseelt war.
Es ist ja tatsächlich paradox, im Bioladen Produkte zu verkaufen, die um die halbe Welt reisen, während es doch auch mitteleuropäische Himbeeren gibt, nun gut, vielleicht nicht jetzt, aber wenigstens grundsätzlich. So wird, hatte ich mir selbst schon einige Male gedacht, der Vorteil des Bioprodukts durch den Nachteil seines aufwändigen Transports gemindert, wenn nicht neutralisiert.

Saure Himbeeren
Zu Hause nahm ich mit selbstquälerischer Zufriedenheit zur Kenntnis, dass die Himbeeren sauer schmeckten. Aber das half mir nicht aus meinem moralischen Dilemma. Wenn schon ein paar Himbeeren, die ich gedankenlos im Biosupermarkt aufklaube, ein solches erzeugen, wo befinden sich dann die nächsten moralischen Tretminen?
Die große Frage lautet: Ist es möglich, sich moralisch einwandfrei zu ernähren? Zu essen, was für meine Familie und mich gut und gesund ist, und dabei weder andere Menschen zu benachteiligen, Tiere zu quälen, die Umwelt auszubeuten oder auf die Lügen der Nahrungsmittelindustrie hereinzufallen? Dieses Essen zu genießen, ohne die Art und Weise, wie es hergestellt wird, auszublenden? Gibt es das moralische Menü, das diesen Ansprüchen genügt? Oder schmeckt unser Essen, je mehr wir über seine Entstehung wissen, desto bitterer?

„Beim Essen geht es sowohl ums Leben als auch um Luxus“, schreibt der Philosoph David M. Kaplan im Vorwort zu seinem Buch „The Philosophy of Food“. „Es geht um ernste Themen wie Hunger und Unterernährung, Zuckerkrankheit und Herzkrankheiten, essen und gegessen werden. Essen ist eine zutiefst moralische Angelegenheit. (...) Die meisten von uns sind mit den ethischen Standardfragen zum Essen vertraut. Sie werden immer mehr zum Allgemeingut. Was sollen wir essen? Ist es falsch, Fleisch zu essen? Was sollen wir wegen des Hungers in der Welt unternehmen? Haben meine persönlichen Entscheidungen überhaupt eine Auswirkung?“

Geschmack als Lernprozess
Wir wissen eine Menge über Wesen und Hintergründe unserer Ernährung. Die Herkunft wird bei vielen Lebensmitteln bis ins Detail aufgeschlüsselt. Sie erhebt Anspruch darauf, seine Qualität zu bestimmen. Auf welchem Boden eine Rebe wächst; in welcher Höhenlage eine Butter gerührt wird; von welchen Weiden ein glückliches Kalb gefressen hat, dessen Steak wir am Teller liegen haben: Über diese Informationen verfügen wir, sobald wir nur halbwegs interessierte Konsumenten sind – und haben gelernt, sie als Qualitätsbestandteil des Produkts, das wir genießen, zu erkennen und zu schätzen.

Die Verfeinerung des eigenen Geschmacks ist ein Lernprozess. Sie geht weit über den bloßen Geschmack eines Produkts hinaus. Der bloße Geschmack von, sagen wir, Gänseleber ist in erster Linie der von Fett. Dass Gänseleber eine Delikatesse sein soll, ein Lebensmittel, dessen Verzehr besonderen Genuss bereitet, ist also eine kulturelle Errungenschaft.
Aber „niemand kann den Genuss von Foie gras kultivieren, ohne den Genuss der Fettleber einer zwangsernährten Gans zu kultivieren“, schreibt die Ästhetikprofessorin Carolyn Korsmeyer, Autorin von „Savoring Disgust“, ganz zu Recht. „Es ist vielleicht möglich, Foie gras zu mögen, ohne viel darüber zu wissen, wie sie produziert wird. Aber der Connaisseur kann nicht sowohl kennerhaft als auch unwissend sein.“

Soll heißen: Je mehr wir über Nahrungsmittel wissen, desto eher geraten wir in ein moralisches Dilemma. Wie also sieht das Menü der Informationsgesellschaft aus, wenn wir es nicht nach geschmacklichen, sondern nach moralischen Gesichtspunkten zusammenstellen müssten?

Salat und Gemüse
Wer Salat und Gemüse aus seinem eigenen Garten bezieht, kann diese Frage getrost überspringen – wenn er seine Zucchini nicht „Lance Armstrong“ getauft hat und mit Anabolika zu oberarmgroßen Keulen aufpumpt. Aber die meisten von uns müssen ihr Gemüse, das moralisch unbedenklichste aller unserer Lebensmittel, aus dem Supermarkt holen – und da beginnt bereits das große Differenzieren.

Bio oder nicht bio? Aus lokaler Produktion oder von irgendwo, wo gerade Saison ist? Selbst das beiläufige Besorgen der Tomaten, die man ohne großes Aufheben mittags zur Mozzarella aufschneiden möchte, kann zur Abstimmung über ein ganzes Paket an Themen werden.

Billigen wir, indem wir die prachtvollen, dunkelroten Rispentomaten im Gemüseregal auswählen, die Tatsache, dass sie irgendwo in Holland im Glashaus entstanden sind, gefüttert mit Nährlösung, die Wurzeln in Watte? Lassen wir uns von der Agrarindustrie verarschen, die weiß, mit welchen Schlüsselreizen sie uns zum Hingreifen nötigt? Zahlen wir auf das Konto von Monsanto oder anderen Samenmonopolisten ein, die daran schuld sind, dass statt Hunderten Sorten von Tomaten nur mehr drei oder vier in den Handel kommen?

Die Antwort darauf ist schlicht: ja.

Also Bioladen. Wir suchen uns unterschiedlich große, bunte Exemplare aus der Arche-Noah-Collection aus. Kümmern wir uns mit diesem Akt nur um einen besseren Geschmack, um unsere Gesundheit oder um den Zustand des Planeten? Oder um ein ganz anderes Wohlgefühl?

Eine kürzlich publizierte Untersuchung der Stanford University kam zu dem Ergebnis, dass Biole­bensmittel nicht signifikant gesünder für deren Ver­braucher sind als herkömmlich produzierte. Dieses etwas ernüchternde Fazit überstrahlte die gleichzeitig festgestellte Tatsache, dass die biologische Erzeugung von Lebensmitteln sehr wohl signifikante Auswirkungen auf die Umwelt hat: In Sachen Gewässerschutz, Klimaschutz, Artenschutz, Bodenqualität ist die positive Wirkung ökologischer Landwirtschaft unbestritten.

Außerdem hat der Einkauf von Biolebensmitteln eine weitere erstaunliche Auswirkung, nämlich auf die Konsumenten: Laut einer in der Zeitschrift für „Social Psychology & Personality Science“ veröffentlichten Studie neigen Menschen, die in Bioläden einkaufen, dazu, sich im öffentlichen Leben weniger hilfsbereit und sozial verträglich zu benehmen als die Kunden herkömmlicher Supermärkte. Die Auswertung entsprechender Versuchsreihen ergab, wie Kendall Eskine von der Loyola University in New Orleans interpretierte, dass Biokunden der Meinung sind, dass sie mit ihrem Einkauf auch „moralischen Kredit“ erworben haben: „Sie haben das Gefühl, dass sie das gute Recht haben, sich später unethisch zu verhalten. So, wie wenn du dich nach einem Dauerlauf mit einem Schokoriegel belohnst.“

Und falls – um meine Bekannte bei den Himbeeren nicht ganz aus den Augen zu verlieren, deren „moralischer Kredit“ ganz offensichtlich aber hallo war – die Öko-Lebensmittel aus der Nähe stammen, regional und saisonal produziert sind: Selbst das produziert keine Eindeutigkeit. Klar, das „local food movement“ hat mit attraktiven Vorreitern wie Slow Food Auftrieb erhalten und die Klasse der so genannten „Locavoren“ entstehen lassen. Diese nehmen als Akt der Globalisierungskritik ausschließlich Lebensmittel zu sich, die im Umkreis von 100 Kilometern erzeugt wurden. Aber ist das auch ein moralischer Akt?

Tendenziell ja. Aber: Entwicklungshilfe-Experten beklagen, dass etwa Bauern in Südamerika krasse Verdienstausfälle haben, weil Kunden in wohlhabenden Ländern – Locavoren – ihre Produkte nicht mehr kaufen. Sie präsentieren Rechnungen, die beweisen sollen, dass der Schadstoffanteil durch den Transport wesentlich geringer ist als jene Schadstoffe, die entstehen, wenn Produkte in unseren Breiten unter hohem Energieeinsatz lokal produziert werden. „Wenn Sie ans Gemeinwohl denken oder der Welt nur ganz simpel etwas Gutes tun wollen“, sagt Joan McGregor vom „Global Institute for Sustainability“ in Arizona, „kaufen Sie vielleicht besser von einem Bauern aus Guatemala als bei einem von nebenan.“
Fazit: Alles sehr kompliziert. Höchstens im Einzelfall zu durchschauen. Samen kaufen, Tomaten am Balkon anpflanzen.

Fisch
Noch nie wurde so viel Fisch gegessen wie heute. Der Durchschnittsverbrauch auf der Welt betrug laut der Welternährungsorganisation FAO 17 Kilogramm Fisch pro Person – in Österreich sind es 7,6 Kilo (2011), ebenfalls ein Rekordwert. Das ist gut, denn wer viel Fisch isst, isst weniger Fleisch, wiegt weniger, lebt gesünder – jedenfalls auf den ersten Blick, solange nämlich die Kollateralschäden ausgeblendet sind. Denn in dieser Gleichung ist weder die Verseuchung von Meeresfisch mit Quecksilber und anderen Schwermetallen enthalten, die sich umgekehrt als gesundheitsschädlich bemerkbar machen kann, noch die gigantische Umweltkatastrophe, die unbestritten darauf hinausläuft, dass einige der beliebtesten Speisefische der Gegenwart in wenigen Jahren Geschichte sein werden.

Als Angehöriger eines Bergvolks kaufe ich längst keine Meeresfische mehr und bestelle sie auch nicht im Restaurant (solange ich nicht auf Reisen bin). Aber auch das Zurückgreifen auf Süßwasserfisch, das in europäischen Binnenländern auf der Hand zu liegen scheint, ist nicht unproblematisch.
Ein Drittel aller Fische, die bei uns gegessen werden, stammt aus Aquakulturen. Fische in Aquakulturen leben oft unter vergleichbaren Bedingungen wie Hühner in Mastanstalten. Sie werden zum größten Teil mit Fischmehl und Fischöl gefüttert. Als bizarre Faustregel gilt, dass für die Erzeugung von einem Kilo Zuchtfisch fünf Kilo Fisch aus Wildfang notwendig sind, wie Greenpeace errechnet hat, eine ähnlich paradoxe Bilanz wie beim angeblich umweltschonenden Autofahren mit Biosprit.
Bevor wir also vor der Entscheidung stehen, ob wir es für vertretbar halten, einen Fisch zu töten, um selbst satt zu werden (siehe Fleisch), ist die Liste jener Fische, die wir für die Tötung in Betracht ziehen dürfen, schon sehr kurz geworden. Pazifischer Kabeljau, Seelachs aus Alaska, Sardine, Hering, Karpfen oder Zander, Wildfang, nicht so viel davon. Das ist die Faustregel, die für den moralischen Fischkonsum gelten kann.

Fleisch
Ein Freund von mir suchte einen befreundeten Bauern auf, der eine spezielle Wollschweinsorte züchtet, und bat ihn darum, eines der Tiere persönlich schlachten zu dürfen. Er folgte damit einer durchaus verbreiteten moralischen Grundannahme, dass, wer Fleisch essen möchte, auch bereit sein müsse zu töten.

Mein Freund tötete. Er beförderte eine kapitale Sau vom Leben zum Tod, beteiligte sich am Zerlegen des Schweins, lernte erstens, wie man Blutwurst macht, und zweitens, wie eine Schweinsleber schmeckt, wenn sie wirklich frisch ist.

„Komisch“, sagte er später, habe er sich schon gefühlt, und das dumpfe Geräusch des Schusses gehe ihm bis heute nicht aus dem Kopf (der Geschmack der frischen Leber allerdings auch nicht). Aber es war eindeutig, dass er mit dem Akt des Tötens einen „moralischen Kredit“ aufgenommen hatte, der ihm das Gefühl gab, in Zukunft mit besserem Gewissen Fleisch essen zu dürfen als zuvor.

Das hat etwas für sich. Gerade der Akt des Tötens, wiewohl in unseren Schlachthöfen täglich millionenfach praktiziert (pro Jahr werden 65 Milliarden Tiere auf der Welt getötet, um gegessen zu werden, Fisch nicht inkludiert), findet in unserer Wahrnehmung nicht statt. Der Tod der Tiere, die wir essen, wird professionell verschleiert und kollektiv verdrängt. Die Tatsache, dass Mast- und Schlachtbetriebe ihre Produktion so geheim halten wie Apple die Fertigung seiner neuen iPhones, lässt darauf schließen, wie unerwünscht Bilder sind, die unsere Koteletts zeigen, wenn sie noch schreien können. Einzelne verwackelte Bilddokumente, die Tierschützer auf illegale Weise besorgt haben, übertreffen die schlimmsten Befürchtungen über das, was hinter verschlossenen Türen gewerbsmäßig geschieht. Niemand, der sich nur ein bisschen mit der Massentierhaltung auseinandergesetzt hat, kann behaupten, es handle sich dabei um einen moralisch zu vertretenden Umgang des Menschen mit Tieren. Ich habe für mich schon längst die Entscheidung getroffen, kein Fleisch mehr zu essen, das auf diese Weise – was für ein zynisches Wort – produziert wurde.

Nur: Was sind die Alternativen wert? Auf den Speisekarten teurer Restaurants und in den Vitrinen gut sortierter Metzgereien treffen wir immer öfter so genannte „glückliche“ Hühner, „glückliche“ Ferkel, „glückliche“ Kälber. Das fast schon lächerliche Paradoxon – wie soll ein totes Tier glücklich sein? – benennt ein Bedürfnis von uns moralischen Verbrauchern: Wenn wir ein Vieh schon aufessen, dann soll es wenigstens vor seinem Tod glücklich gewesen sein. Das Vorleben des Tiers erzeugt den moralischen Kredit, der uns erlaubt, es zu töten und aufzuessen.
In seinem Aufsatz „The Myth of Happy Meat“ dekonstruiert Richard P. Haynes, Chefredakteur des „Journal of Agricultural and Environmental Ethics“, diese Annahme gründlich. Tierisches Glück sei nicht mehr als eine Projektion des Menschen, „glückliches Fleisch“ ein Mythos.

Der Jurist Gary L. Francione knüpft an diesen Gedanken an. Er kommt zu dem radikalen Schluss, dass für alle, die es ablehnen, den Menschen als ein Geschöpf von höherem moralischem Wert zu sehen als die Tiere, mit denen er sich umgibt, nur eine einzige „moralische Grundlinie“ möglich sei: der „ethische Veganismus“. Dieser, so Francione, „ist die einzige Position, die sich mit der Einsicht verträgt, dass das Leben von Menschen und Tieren moralisch gleichberechtigt ist. Ethischer Veganismus muss die eindeutige, moralische Grundannahme jeder sozialen oder politischen Bewegung sein, die der Meinung ist, dass Tiere über angeborenen, intrinsischen moralischen Wert verfügen – und nicht einfach Ressourcen für den menschlichen Gebrauch sind.“

Das ist nicht zwangsläufig eine Aufforderung zum Veganismus. Es ist jedoch ein Ansatz, der uns bewusst macht, dass jedes Stück Fleisch, das wir essen, Produkt einer moralischen Grenzüberschreitung ist, die wir stillschweigend in Kauf nehmen und an Erfüllungsgehilfen delegieren, die im Verborgenen agieren. Wer das als weltverbesserische Romantik abtut, okay: Er muss nur wissen, dass er sich damit auf den Standpunkt stellt, Tiere seien nichts als Dinge, deren Wert sich rein nach Gewicht und Kalorien bemisst.

Und jetzt?
Wir sind an vielen Fronten in der Defensive. Wir schlagen uns einen Weg durch den Dschungel der Informationen und Desinformationen. Während in den Supermärkten die Regale mit den vorfabrizierten Lebensmitteln immer länger werden, während die Nahrungsmittelindustrie Millionen aufwendet, um uns zu umwerben, in Sicherheit zu wiegen und mit Produkten vollzustopfen, die wir nicht brauchen, kämpfen wir für ein bisschen Autarkie und Klarheit – für ein Minimum an Respekt, das uns als Konsumenten entgegengebracht wird, für ein Minimum an Respekt, das wir den Dingen, die wir uns einverleiben, entgegenbringen dürfen.
Eine moralische Perspektive auf unsere Ernährung mag vielleicht luxuriös wirken, vor allem angesichts einer Versorgungsindustrie, die uns mit moralischen Versprechungen ködert – welches Produkt verspricht heute nicht Gesundheit, Nachhaltigkeit und höchsten Genuss –, aber gleichzeitig völlig rücksichtslos daran arbeitet, durch Entmündigung der Konsumenten die absolute Kontrolle über unser Ernährungsverhalten zu bekommen und uns – während in anderen Teilen der Welt Hunger herrscht – anzufüttern, bis wir platzen.

„Ausnahmslos alle Populationen“, schreibt der Autor Michael Pollan in seinem empfehlenswerten Brevier „64 Grundregeln Essen“, „die eine so genannte westliche Ernährung zu sich nehmen, die im Allgemeinen als eine Kost definiert wird, die aus Mengen von verarbeiteten Nahrungsmitteln und Fleisch, von Fett- und Zuckerzusätzen, von raffinierten Kohlenhydraten, Mengen von allem außer Gemüse, Obst und Vollwertgetreide besteht, verzeichnen einen hohen Anteil an Personen, die an den so genannten Zivilisationskrankheiten leiden: Fettleibigkeit, Typ-2-Diabetes, Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Krebs. Praktisch alle Fettleibigkeits- und Typ-2-Diabetes-Fälle, 80 Prozent der Herz-Kreislauf-Erkrankungen und über ein Drittel aller Krebsleiden können mit dieser Ernährungsform in Zusammenhang gebracht werden.“

Das soll kein moralischer Befund sein?

„Wie man sich ernährt“, schreibt Robert M. Kaplan in „Philosophy of Food“, „drückt die Zugehörigkeit zu einer ethnischen, religiösen oder gesellschaftlichen Gruppe aus; die Ernährung ist Teil unserer Rituale und unseres Verhaltens; sie ist direkt mit unserem Bestreben verbunden, bessere Menschen zu werden.“

Ich bezweifle das manchmal, wenn ich mich dabei überrasche, dass ich gegen den akuten Hunger gerade eine Bratwurst ungeklärter Herkunft hinuntergeschlungen habe. Aber ich zwinge mich dazu, am nächsten Tag doppelt so aufmerksam zu sein, wenn ich ein Rezept aussuche, einkaufen gehe, koche.

Jede Mahlzeit setzt sich aus einer Fülle von Entscheidungen zusammen. Einige davon sind moralische Entscheidungen. Kaum ein Essen – wenn man vom reifen Apfel absieht, den man sich im Garten vom Baum pflückt – ist moralisch völlig unbedenklich. Aber im Hinblick auf Professor Kaplans Selbstverbesserungsidee genügt es vielleicht schon, wenn man es auch bei der Wahl der eigenen Ernährung mit Samuel Beckett hält: „Scheitern, scheitern, besser scheitern.“