Das Parfum der Mathematik

Porträt. Der Wiener TU-Professor Rudolf Taschner steht für spannenden und unterhaltsamen Mathe-Unterricht. Robert Buchacher über einen Lehrer, der soeben zum „Kommunikator des Jahres“ gekürt wurde.

Der Raum des „math.space“ im Wiener Museumsquartier erinnert an ein Gebetszelt, wie sie Missionare aufstellen, um neue Schäflein zu ködern. Unter dem weißen, nach beiden Längsseiten abgeschrägten Plafond lauscht etwa ein Dutzend Mathematiklehrer andächtig dem Hohepriester der unterhaltsamen Rechenkunst, Rudolf Taschner, der mit einem Stück Kreide in der Hand immer wieder zur Tafel eilt, um eine kleine Gleichung hinzumalen. Es geht, wie so oft im Lehrerdasein, um die zentrale Frage: Wie vermittle ich meinen Schülern die Buchstaben x und y plus Zahlen und Zeichen auf eine Weise, dass sie nicht sofort den Laden runterlassen?

Taschner, Professor am Institut für Analysis und Scientific Computing an der Technischen Universität Wien, hat vor fünf Jahren das math.space gegründet, um Mathematik unverkrampfter unters Volk zu bringen, als es üblicherweise in der Schule geschieht. Ihm eilt der Ruf voraus, Mathematik anders, vor allem aber unterhaltsamer und spannender zu vermitteln, als dies den unermüdlichen Kämpfern für das geistige Wohl unserer Jugend in den Klassenzimmern gelingen will. Im Jahr 2004 hatte ihn der Klub der Wissenschafts- und Bildungsjournalisten zum „Wissenschafter des Jahres“ gekürt. Und vor drei Wochen verlieh ihm der Public Relations Verband Austria den Titel „Kommunikator des Jahres“.
Für manchen Lehrer Gründe genug, um sich im math.space die Taschner-Tricks der Mathematik anzuhören. Der Star des Abends – in dunklem Anzug, weißem Hemd und rotgestreifter Krawatte – turnt die Gleichungen vor. Schweißperlen stehen ihm auf der Stirn, als er schließlich mit einem Zitat von Sir Karl Popper zum Abschluss seines Vortrags kommt: „Wir lernen, um zu vergessen!“ Die Lehrer und Lehrerinnen, tagaus, tagein darum bemüht, dass sich die Schüler irgendetwas merken, schauen ihn entgeistert an.
Ja, sagt Taschner, man muss sich den Kopf des Lernenden vorstellen wie eine Küche. Dort wird ein Mahl bereitet und dann verspeist. Danach wird alles wieder an seinen Platz geräumt und die Küche sauber gemacht, bis dort ein neues Mahl zubereitet wird. Wie, bitte? Will er den Lehrern ein völlig anderes Denken beibringen, als sie es gewohnt sind? Ja, sagt Taschner im Interview, „das soll die Schule überhaupt machen. Das Wesen von Schule ist, dass sie verfremdet!“
Schulfremdeln also? Nein, erklärt Taschner, im Gegenteil. Weil die Schule zu eintönig ist, bekämen Schüler das Schulfremdeln. Anfänglich kommen sie aus ihrem Elternhaus in eine andere, eben in die Schulwelt und müssen sich dort bewähren. Das ist spannend, wenn dieser Zustand nicht etwa bis zum 14. Lebensjahr perpetuiert wird. Denn dann würde die Schule laut Taschner einen „familiären Inzucht-Charakter“ annehmen, daher müsse man beizeiten wieder wechseln, am besten im Alter von zehn. Aber auch die Lehrer müssten wechseln und nicht ihr ganzes Leben lang immer nur in der Schule zubringen, zuerst als Schüler, dann als Lehrer. Denn das brächte wieder jene Inzucht, die dem lebendigen Lernen so abträglich sei.

In die Wirtschaft. Wenn es nach ihm, Taschner, ginge, dann würden Lehrer maximal acht Jahre ohne Unterbrechung in der Schule zubringen. Dann müssten sie für ein Jahr in die Wirtschaft, „damit sie ein bisserl eine andere Welt riechen lernen, und dann wieder in die Schule zurückkommen“. Denn die Schule sei natürlich ein Paradies, aber man müsse wissen, dass sie ein Paradies ist.
Sie ist vielleicht ein Paradies im Sinne einer noch immer relativ geschützten Werkstätte, aber auch wieder nicht. Denn 50 Minuten lang muss der Lehrer um die Aufmerksamkeit der Schüler ringen. „Wenn ich da eine Minute auslass, hab ich sofort die Papierflieger auf meinem Schädel“, gibt Taschner zu bedenken.

Er weiß, wovon er spricht. Einmal pro Woche unterrichtet er noch eine Oberstufenklasse im Wiener Theresianum, hält Vorlesungen und Seminare an der TU Wien. Zentraler Punkt ist für ihn, dass der Lernende „Teil des Panoramas ist“. Aber wie macht er das, der Taschner? „Ich erzähle G’schichteln“, sagt er.
Zum Beispiel Walt Disney. Der war, so erzählt Taschner, in den vierziger, fünfziger Jahren, als sich die USA in einer wissenschaftlichen und technologischen Aufbruchstimmung befanden, überzeugt, er müsse jetzt Wissenschaftsfilme machen. Zu diesem Zweck heuerte er Wissenschafter an, darunter auch den deutschen Physiker Heinz Haber, älteren Semestern als Buchautor in Erinnerung. Disney zu Haber: „Heinz, you have to forget that you are a scientist, you are a story teller.“

Pentagramm. Taschner gerät ins Schwärmen, wenn er an Disneys Werk „Donald in Mathmagic Land“ denkt. Da watschelt die Ente durch ein mathematisches Land, riecht an Zahlen und Wurzeln, lernt den musizierenden Pythagoras und dessen Freunde kennen, die dem Geheimbund der Pythagoräer angehören und als Erkennungszeichen ein Pentagramm in die Hand eingeritzt haben. „Und die Figur des Pentagramms beginnt über den Goldenen Schnitt zu sprechen – wunderbar, ganz toll“, sagt Taschner.
Sich selber beschreibt er keineswegs als Naturtalent, sondern als „mittelmäßigen Rechner“, nicht schnell im Erfassen mathematischer Aufgaben und an der Berechnung von Summen mäßig interessiert. Taschner wuchs im niederösterreichischen Industrieort Ternitz auf. Er war gerade erst neun Jahre alt, als er seinen Vater, der Betriebsfeuerwehrmann im Ternitzer Stahlwerk war, durch einen Arbeitsunfall verlor. Auf Anraten eines Freundes der Mutter, der die Begabung des Buben erkannte, kam er als Internatszögling ins Wiener Theresianum, wo er schon im ersten Schuljahr auch die Mutter durch eine Krebserkrankung verlor.

Er war ein guter Schüler, der in seiner Freizeit Bücher des Physikers Heinz Haber las. Taschner maturierte mit Auszeichnung und wollte eigentlich Philosophie studieren, wählte dann doch „etwas Anständiges“ – nämlich Physik. Beeindruckt saß er in den Vorlesungen des Physikers Walter Thirring oder des Mathematikers Edmund Hlawka, der eine Spezialvorlesung über Zahlentheorie und Primzahlen hielt. Und weil Taschner über Hlawkas Vorlesung „so ein schönes Skriptum“ (Hlawka) verfasst hatte, bot ihm dieser an, bei ihm gleich seine Dissertation zu schreiben.
Taschner bestand alle Prüfungen mit Auszeichnung und promovierte sub auspiciis. Er wurde Assistent beim ehemaligen Hlawka-Schüler Peter Gruber an der TU, wo er sich nach einem Forschungsaufenthalt an der Stanford-Universität auch habilitierte. Doch die mathematischen Fragen, mit denen er sich an der TU beschäftigte, mochten ihn nicht halb so zu begeistern wie die Grundsatzfragen des Fachs –und die findet er spannend bis heute.

Mathe riechen. Aber neben der Mathematik hat Taschner noch eine Reihe anderer Vorlieben. Er spricht mehrere Fremdsprachen, darunter Russisch, er liebt klassische Musik, geht gern ins Konzert, spielt selbst Klavier, er reist gerne, und er verfasst nicht nur Zeitungskolumnen und Mathematikbücher, sondern war auch Mitautor eines Bandes über Landgasthäuser in Niederösterreich. Warum aber teilen so wenige Menschen seine Freude an der Mathematik?
Taschner meint, dass der Unterricht am Gymnasium eigentlich ein merkwürdiger Zwitter ist: Einerseits werden Rechenkompetenzen vermittelt, andererseits die Wissenschaft von der Mathematik. Wären es nur die Rechenkompetenzen, dann käme der Unterricht rasch an einen Punkt, wo es heißt: Das brauchen wir und das brauchen wir nicht. Wird aber die Wissenschaft von der Mathematik vermittelt, dann reichen Zeit und Raum, wie sie die Mittelschule bietet, bei Weitem nicht aus.
Für ihn, Taschner, würde es reichen, wenn die Schüler jene Rechenkompetenzen vermittelt bekommen, die sie im Leben brauchen, und darüber hinaus in die Lage versetzt würden, die Gedankenflüge der großen Denker wenigstens in Ansätzen nachzuvollziehen, um so „das Parfum der Mathematik“ zu schnuppern.