Das Virus ist die neue Bombe

Die NATO rechnet offenbar damit, dass in absehbarer Zeit Cyberwaffen zur Kriegsführung eingesetzt werden können.

Ein Computervirus, eingeschleust in das Steuerungssystem einer feindlichen Raketenbasis, lässt die dort stationierten Marschflugkörper starten und lenkt sie auf ein nahe gelegenes Munitionsdepot: Was bis vor Kurzem höchstens einen mäßigen Science-Fiction-Thriller hergegeben hätte, scheint nunmehr im Bereich des tatsächlich Machbaren zu liegen.

Ansätze dazu gab es bereits. 2010 wurde etwa das iranische Atomprogramm durch eine als Stuxnet bekanntgewordene Schadsoftware sabotiert, die Hunderte Zentrifugen zur Uran-Anreicherung außer Gefecht setzte. Und erst vergangene Woche legte ein Online-Angriff auf Südkorea eine Reihe von Banken lahm und ließ die Computersysteme von drei TV-Stationen abstürzen.

Die Militärs denken aber bereits viel weiter. In einem 260 Seiten umfassenden Handbuch mit dem sperrigen Titel „Tallinn Manual on the International Law Applicable to Cyber Warfare“ unternimmt die NATO bereits den Versuch, Regeln für die Cyber-Kriegsführung aufzustellen. Aus dem Papier lassen sich auch die größten Befürchtungen der Militärs ablesen. Regel Nummer 80 hält etwa fest: „Um die Entfesselung zerstörerischer Kräfte und daraus resultierende Verluste in der Zivilbevölkerung zu vermeiden, muss bei Cyber-Angriffen besonders auf … Dämme, Deiche, Nuklearkraftwerke und Einrichtungen in ihrer Umgebung geachtet werden.“ Dahinter steht offenbar die Angst, dass Computerviren dazu verwendet werden könnten, Atomreaktoren zu Bomben umzufunktionieren – oder dazu, die Schleusen von Stauseen zu öffnen, um Überflutungen zu verursachen.

Das Fazit der Autoren des Handbuchs lässt nichts Gutes ahnen. Für einen Krieg brauche es in Zukunft möglicherweise gar keinen Truppenaufmarsch mehr, halten sie fest: „Cyber-Operationen haben für sich allein das Potenzial, die Schwelle zum internationalen bewaffneten Konflikt zu überschreiten“.