"Das sprengt die Vorstellungskraft"

Der Schriftsteller Arno Geiger über das Verbrechen von Amstetten, kaputte Familien- strukturen und seinen Österreich-Roman „Es geht uns gut“, der nun in Wien auf die Bühne kommt.

profil: Im Herbst 2007 waren gleich sechs Österreicher für den Deutschen Buchpreis nominiert. Die Kritik sprach von einem „österreichischen Literaturwunder“. Mögen Sie den Begriff?
Geiger: Wunder gibt es nicht. Aber es ist sicher gerechtfertigt, darüber zu staunen, wie kräftig und vielfältig die österreichische Literatur ist. Sie ist eigensinnig und deshalb sehr erfolgreich.

profil: Was ist so eigenwillig an Österreich?
Geiger: Wir stehen in der sprachexperimentellen Tradition der Avantgarde, deren Techniken wir mit dem Erzählen verknüpfen. Wolf Haas ist ein gutes Beispiel dafür. Er macht das Sprachexperiment für den Kriminalroman fruchtbar und gewinnt dem Genre dadurch ein neues Potenzial ab. Auch meine Bücher sind ohne das Sprach-
und Formbewusstsein der österreichischen Literatur nicht denkbar.

profil: Nach dem Holocaust meinten manche Theoretiker, man könne keine Geschichten mehr erzählen.
Geiger: Es ist ein menschliches Grundbedürfnis, Geschichten zu erzählen und sich der Welt immer neu zu vergewissern, indem man von ihr erzählt. Der Bann gegen das Erzählen ist als Reaktion auf den Horror des Nationalso­zialismus nachvollziehbar, aber im Prinzip ist dieses Diktum absurd.

profil: Das Erzählen in Österreich ist erst seit Christoph Ransmayr wieder salonfähig. Warum hat es so lange gedauert?
Geiger: Niemand entgeht den Dummheiten seiner Epoche ganz, hat Goethe gesagt. Auch ich war von Thomas Bernhard beeindruckt, als er verkündete, wenn am Horizont eine Geschichte auftauche, erschieße er sie sofort. Ich dachte, man könne in der Literatur nichts werden, wenn man erzählt. Doch mit der Zeit emanzipiert man sich.

profil: „Es geht uns gut“ steht seit zwei Jahren auf der österreichischen Bestsellerliste. Spüren Sie Erfolgsdruck?
Geiger: Druck? Vor allem ist Erfolg unglaublich zeithungrig. Er hält mich von der Arbeit ab. Andererseits habe ich 15 Jahre lang vor mich hingearbeitet, und jetzt wäre der falsche Moment, um blauzumachen. Außerdem war der Erfolgsdruck vorher größer. Wenn man ein Buch nach dem anderen schreibt, das gut besprochen ist, aber in den Buchhandlungen wie Blei liegt, ist das existenziell beklemmend.

profil: Standen Sie je davor, alles hinzuschmeißen?
Geiger: Nein, aber ich hatte mich schon mit der Situation arrangiert. Ich konzentrierte mich auf die Sache und wollte so gute Bücher wie möglich schreiben. Ich war bereit, einiges in Kauf zu nehmen.

profil: Ein Hungerleiderdasein.
Geiger: Ja, aber auch mein Lieblingsleben. Ich wollte schreiben und würde letztlich wohl sogar dafür bezahlen, um es tun zu dürfen. Wenn mein größter Wunsch darin bestanden hätte, reich zu werden, hätte ich bei meiner Intelligenz anderswo mein Glück versucht.

profil: Die österreichische Familiengeschichte „Es geht uns gut“ ist sogar ins Chinesische übersetzt worden: Wie erklären Sie sich diesen Erfolg?
Geiger: Erfolge haben nichts Eindimensionales, es müssen sehr viele Faktoren zusammenspielen. Ein Grund ist sicher, dass „Es geht uns gut“ ein literarisch zwar sehr anspruchsvolles Werk, aber nicht papieren ist. Ich schreibe über das, wo ich verletzt bin. Mich beschäftigt das Scheitern von Familienkommunikation im 20. Jahrhundert, die Veränderung in den familiären Machtstrukturen und Geschlechterrollen. Das halte ich für ein unterschätztes Thema in der Geschichte des 20. Jahrhunderts.

profil: Die starken Figuren sind in Ihren Büchern immer Frauen: Was haben sie Männern voraus?
Geiger: Die Geschichte der Männer im 20. Jahrhundert ist eine Geschichte des Verlierens. Was auch immer sie angefangen haben, ist schiefgegangen, dazu kam der familiäre Machtverlust und das erfolglose Verteidigen anderer patriarchaler Pfründe. Das Leben war nicht in Einklang zu bringen mit dem, was man ihnen in ihrer Kindheit versprochen hatte. Die Frauen hatten die Geschichte auf ihrer Seite.

profil: Konsequenterweise endet keine ihrer Liebesgeschichten glücklich. Was ist so schlecht am klassischen Happy End?
Geiger: Es ist ein fingiertes Happy End. Es entspricht der Realität nicht. Ich bin aber auch gegen den Todesfall am Ende eines Buches. Romane haben die Tendenz zu einem geschlossenen Ende. Ich bin aber der Meinung, dass jeder Charakter ein Schicksal verdient hat, das offen bleibt, weil dies der Lebens- und Alltagserfahrung der meisten Menschen eher entspricht.

profil: Was für den Leser oft extrem frus­trierend ist.
Geiger: Ich fühle mich als Schriftsteller nicht dafür zuständig, dem Leser am Ende das gute Gefühl zu geben, dass er so etwas wie Herrschaft besitze über diese Geschichte, das würde zugleich signalisieren, dass man in gewisser Weise auch Herrschaft über das eigene Leben besitzen kann. Das Leben ist mit Risken verbunden, und die Unsicherheit der Zukunft prägt jeden einzelnen Tag. Wer nicht daran erinnert werden will, muss Rosamunde Pilcher lesen.

profil: „Es geht uns gut“ kommt nun im Wiener Schauspielhaus auf die Bühne: Warum eignet sich der Roman als Theaterstoff?
Geiger: Wenn man Dostojewskis „Dämonen“ dramatisieren kann, kann man auch „Es geht uns gut“ auf die Bühne bringen. Die drei Paare des Romans spiegeln die Entwicklung der Paarbeziehungen im 20. Jahrhundert wider, und das bietet genug Stoff für einen Theaterabend.

profil: Ihr Buch behandelt die österreichische Wirklichkeit zwischen 1938 und 2001: Warum kommen politische Großereignisse dennoch nur am Rande vor?
Geiger: Weil die politischen Großereignisse für die meisten Menschen letztlich nur am Küchentisch präsent sind. Ich habe in „Es geht uns gut“ versucht, der großen ­Historie das Private zurückzugeben. Es ist Aufgabe der Literatur, für das Individuum einzutreten und nicht für das Großereignis.

profil: Was ist das spezifisch Österreichische an Ihren Figuren?
Geiger: Das Scheitern der Familienkommunikation verdeutlicht auch einen Aspekt der österreichischen Gesellschaft. Nach 1945 gab es einen Umgang mit Geschichte, der gewisse Strategien der Problemlösung vorexerzierte. Das Nicht-Aussprechen, Verdrängen und Vergessen wurde dann auch im Kleinen angewandt.

profil: Apropos Verdrängen: Ausländische Medien spekulieren anlässlich des Verbrechens von Amstetten, ob etwas prinzipiell falsch laufe im „selbstzufriedenen, wohlhabenden“ Österreich.
Geiger: Genauso wenig, wie man den Belgiern die Verbrechen von Marc Dutroux vorwerfen kann, darf man von diesem Einzelfall ernsthaft auf das ganze Land schließen wollen.

profil: „La Stampa“ meinte, hinter „diesem Josef F.“ stecke etwas ungeheuerlich Biedermeierisches, „etwas einzigartig Österreichisches“.
Geiger: Das sind Zeitungsformulierungen. Der Fall ist viel komplexer als „biedermeierisch“. Ein bisschen etwas Österreichisches mag sich schon auch in der ­Janusköpfigkeit von F. verbergen: Diese Allmachtsfantasien, die-
ses Herrschenwollen in ­einer Mischung aus Größenwahn und Minderwertigkeitskomplex ist in Österreich nicht ganz untypisch und hängt wahrscheinlich noch mit der narzisstischen Kränkung zusammen, dass wir von einem Imperium zum Kleinstaat degradiert wurden. Aber es ist keinesfalls so, dass damit irgendetwas erklärt wäre. Was in Amstetten stattgefunden hat, würde ich als extrem krank bezeichnen.

profil: Haben Sie eine Antwort auf die Frage, warum das Verbrechen 24 Jahre lang unentdeckt bleiben konnte?
Geiger: Mein Einfallsreichtum reicht von Berufs wegen weit. Trotzdem passieren immer wieder Dinge, die man sich nicht vorstellen konnte. Ich weiß nicht, ob ich als Amstettener Polizist auf die Idee gekommen wäre, dass ein Vater seine eigene Tochter in ein Kellerverlies sperrt, um sie dort jahrelang zu ­missbrauchen und sich die daraus entsprungenen Kinder selbst vor die Tür zu ­legen. Das sprengt die Vorstellungskraft.

profil: Würden Sie über das Entführungsopfer Natascha Kampusch oder den Amstettener Missbrauchsfall je einen Roman schreiben?
Geiger: Monströse Ereignisse interessieren mich als Schriftsteller nicht, weil sie sich den Maßstäben des Allgemeinen entziehen. Mich faszinieren die vermeintlichen Banalitäten des Alltags. Wenn der Leser den Wert und die Bedeutung seines Alltags nach der Lektüre eines meiner Bücher wieder zu schätzen weiß, ist das eine gute Sache, finde ich.

profil: Haben Sie die klassische Angst vor dem weißen Blatt Papier?
Geiger: Angst nicht, aber Respekt. Man muss sich beim Schreiben immer vergegenwärtigen, dass das Scheitern auf der Suche nach Eigenwilligkeit ehrenhafter ist als Erfolg zu haben mit der Wiederholung von Bewährtem. Große Literatur entsteht dort, wo ein etwaiges Misslingen einkalkuliert ist. Bei „Es geht uns gut“ war die große Frage, ob ich imstande bin, aus der Perspektive so unterschiedlicher Figuren zu erzählen. Jetzt weiß ich, dass es geht.

profil: Kleben Sie sich wie Günter Grass während der Arbeit an einem neuen Roman Notizzettel an die Wand?
Geiger: Ich mache mir sehr viele Notizen, aber die habe ich nicht an den Wänden. Früher schon, das stimmt, bei den ersten beiden Romanen, da war ich noch so voller Furor, nach außen hin Künstler sein und das auch signalisieren zu wollen. Ich habe die Tapeten voll geschrieben und meine Spuren hinterlassen.

profil: Geht Ihnen das Schreiben heute leichter von der Hand?
Geiger: Ich habe meine Arbeitsweise ein bisschen umgestellt und warte länger, bis ich mit einem Text beginne. Ich will einfach sicher sein, dass sich die Arbeit sowohl für mich, aber auch literarisch lohnt. Dann bin ich mit dem Schreiben schneller, weil es sorgfältiger durchdacht ist.

profil: Sind Sie ein Fetischist des ersten Satzes?
Geiger: Ich bin ein Fetischist des Satzes schlechthin. Der erste Satz ist natürlich der schwierigste, denn vom ersten Satz hängt der zweite ab, und der dritte ist dann schon bedingt durch den ersten und den zweiten. Im Grunde ergibt sich der letzte Satz schon fast zwingend aus dem Ganzen.

profil: Das klingt fast pathetisch.
Geiger: Wahrscheinlich ist der erste Satz emotional immer stark aufgeladen, weil da so viele meiner Hoffnungen und Ängste drinstecken. Also doch Angst.

profil: Elfriede Jelinek hat ihren neuen Roman „Neid“ nur im Inter-
net publiziert. Sollen Schriftsteller auf Ver­leger in Zukunft verzichten?
Geiger: Ich selber habe gerne ein echtes Buch in der Hand und brauche einen Verlag, um mich auf das konzentrieren zu können, was mir wichtig ist, das Schreiben. Ich habe überhaupt keine Lust, mich mit so etwas wie Marketing, Presse, Herstellung et cetera auseinanderzusetzen. Das ist Lebenszeit, die ich anders einsetzen möchte.

profil: Deshalb geben Sie so selten Interviews?
Geiger: Es muss jedenfalls nicht unbedingt sein. Bei Interviews rede ich über mich selber, und das ist natürlich einigermaßen langweilig.

profil: Damit unterscheiden Sie sich von einem Gutteil Ihrer egostarken Kollegen.
Geiger: Keine Ahnung. Ich betrachte die Welt gerne mit den Augen der anderen. Nur wenn ich zwischendurch von mir selbst absehe und eine Sache aus verschiedenen Perspektiven betrachte, bekomme ich ein dreidimensionales Bild von der Welt.

Interview: Peter Schneeberger