David Bowie: Held von heute

David Bowie denkt auf seinem neuen Album „The Next Day“ an gestern. Das klingt nicht ­uninteressant – theoretisch.

Das schwarze Quadrat des Kasimir Malewitsch eröffnete 1915 eine neue Perspektive auf die Malerei, das weiße Viereck des David Bowie verstellt 2013 den Blick auf Altes, nämlich das Cover von Bowies 1977er-Großwerk „Heroes“. Das ist aber nur ein Trick, und zwar ein durchsichtiger. Bowie knüpft, zehn Jahre nach seinem vorigen, nur vage in Erinnerung gebliebenen Album „Reality“, an eine Zeit an, in der sich seine Musik noch etwas tiefer ins Gedächtnis einbrannte, also an die 1970er-Jahre. „The Next Day“, das auf diese Weise rückgekoppelte Album, breitet ein Panoptikum durchaus typischer Bowie-ismen aus, legt Spuren zu „Ziggy Stardust“, „The Man Who Sold The World“ und „The Lodger“, erörtert Themen, wie sie auf David-Bowie-Platten eben erörtert werden (Aliens, Berlin, Bildungsbürgerkram) und gerät dadurch theoretisch noch wesentlich interessanter als musikalisch.

David Bowie, der sich nach einer Herzattacke 2004 aus der Öffentlichkeit weitgehend zurückgezogen hat, lässt seine Hörer nachdenken. Darüber, wie sich das Werk eines Künstlers über Schaffensperioden hinwegentwickelt, wie sich dabei ­eine Arbeit über die andere legt und sie teilweise verdeckt und teilweise nicht, wie Elemente und Motive wiederkehren, abklingen oder aufbrechen und wie es sich damit im speziellen Fall des David Bowie verhält, der doch genau dadurch so wichtig wurde, dass er sich eben nicht stringent und linear entwickelte, sondern sprunghaft und überraschend, vor ­allem aber uneindeutig.

Popmusik lüftet, wenn sie gelingt, ein Geheimnis immer nur halb. Das gilt für Rihanna genauso wie für das jüngste Dubstep-Wunderkind aus Südbrasilien, und ganz besonders gilt es für „The Next Day“, das eine Reihe schöner, aufregender Geheimnisse verspricht und seine Karten dann doch allzu bereitwillig aufdeckt. Immer wieder umflort diese 14 (inklusive Bonustracks 17) Songs ein Hauch von Nostalgie; und Nostalgie, das gilt nicht nur in der Popmusik, zählt zu den eher geheimnislosen Gefühlen. „Here I am, not quite dying“, singt Bowie im Titelstück und unterstreicht diese untypisch autobiografische Ansage mit einem leidlich inspirierten Gitarrenriff im Zweivierteltakt. Im Verlauf des Albums wandelt sich die Selbsteinschätzung – wenn es denn eine ist, so viel Mysterium muss sein – zu einem „I don’t know who I am“, wie Bowie im Schlussstück „Heat“ mit ätherischer Stimme und schriller Streicherbegleitung behauptet. Man glaubt es ihm not quite.

David Bowie: The Next Day (Columbia)