Debatte: Ein Gespenst geht um

Bomben gegen Synagogen, Brandsätze in jüdischen Schulen, politische Hetzreden: In Europas jüdischen Gemeinden macht sich Bunkerstimmung breit. Ist der Antisemitismus tatsächlich wieder im Wachsen begriffen?

Die Explosion war gewaltig. Die Umgebung der Neve-Salom-Synagoge im Istanbuler Stadtviertel Beyoglu glich einem Schlachtfeld, ebenso das jüdische Gebetshaus fünf Kilometer entfernt im Stadtteil Sisli. 24 Menschen starben insgesamt bei dem doppelten Terrorakt am vorvergangenen Samstag. Nur wenige Stunden zuvor war in Gagny, einem Vorort von Paris, eine jüdische Schule in Flammen aufgegangen. Verletzt wurde zum Glück niemand. Die politischen Würdenträger verurteilten eilig den antisemitischen Brandanschlag, Präsident Jacques Chirac kündigte ohne Zeitverlust „exemplarische Strafen“ an.

Doch nicht jeder hat ein Gespür für die richtigen Worte. In Athen präsentierte der Musiker Mikis Theodorakis, eine Art nationaler Säulenheiliger, unlängst seine „gesammelten Werke“ und nutzte die Gelegenheit, die „Aggressivität der Juden“ zu geißeln; sie seien „die Wurzel des Bösen“.

Unterdessen tobte auch im deutschen Debattenkosmos wieder ein Antisemitismusstreit: Nach der Aufregung, für die ein schroff israelkritisches Buch des US-Philosophen Ted Honderich beim Frankfurter Suhrkamp Verlag im August gesorgt hatte, war der CDU-Bundestagsabgeordnete Martin Hohmann Ende Oktober in die Schlagzeilen geraten. Seine Einlassungen über die Juden als „Tätervolk“ büßte der CDU-Mann vorvergangene Woche mit Ausschluss aus seiner Parlamentsfraktion.

„Das sind die schlimmsten antisemitischen Tage seit dem Zweiten Weltkrieg“, hatte Avi Beker, der Generalsekretär des Jüdischen Weltkongresses, schon vor der jüngsten Terrorwelle diagnostiziert. Und Israels Außenminister Silwan Schalom sieht einen direkten Zusammenhang zwischen dem Meinungsklima in Europa und den Anschlägen von Istanbul: Diese müssten „im Licht der in den vergangenen Monaten registrierten antiisraelischen und antisemitischen Äußerungen in gewissen europäischen Hauptstädten“ bewertet werden.
„Die Tabuisierung ist durchlöchert“, meint auch Robert Schindel, der Wiener Schriftsteller, Autor des paradigmatischen Romans über die Nach-Holocaust-Generation europäischer Juden, „Gebürtig“. Der Antisemitismus werde salonfähig, „weil er unter dem Deckmantel einer politischen Kritik an Israel operieren kann“.

Da mag der Antisemitismus-Vorwurf, von Ariel Scharons israelischen Regierungskollegen geäußert, instrumentell gemeint sein, um Kritiker zu entwaffnen, unübersehbar ist dennoch: Auch unter Europas Juden, viele von ihnen Jahrzehnte nach dem Naziterror geboren, angesehene, völlig integrierte Mitglieder ihrer Gesellschaften, wächst das Unbehagen. Viele von ihnen haben noch in den neunziger Jahren die repressive Besatzungspolitik der damaligen israelischen Likud-Regierung kritisiert und euphorisch auf den Friedenskurs der Rabin-Regierung reagiert. Heute halten sie sich mit Kritik an der Scharon-Regierung zurück, weil sich die jüdischen Gemeinden zunehmend von Feinden umgeben fühlen und Juden, die sich in Jerusalem ein Busticket lösen, ihr Leben riskieren. Da gilt Kritik als unsolidarisch.

Skandal-Inflation. So driften die öffentliche Meinung und die Haltungen, die der Mainstream der europäischen Juden zum Nahostkonflikt einnimmt, weiter und weiter auseinander.
Aber ist das Grund genug, von einem neuen Antisemitismus zu sprechen? Der Londoner Rabbiner David Goldberg winkt ab: „Die Annahme eines Wiedererstarkens des Antisemitismus erscheint mir paranoid und übertrieben. Gegenwärtig ist es in Europa weitaus einfacher und sicherer, Jude zu sein als etwa ein Moslem.“

Werner Bergmann vom deutschen Zentrum für Antisemitismusforschung warnt „vor einem allzu ausgeweiteten Gebrauch des Wortes Antisemitismus“ und ebenso vor einer „Inflation der Skandalisierung“.
Äußerungen wie diese bringen wiederum die Zeithistorikerin Esther Schapira zur Weißglut. „Geschändete Friedhöfe, Angriffe auf Synagogen, Überfälle auf orthodoxe Juden – aber weit und breit kein Antisemit?“, fragt sie bitter.

So gehen die Argumente hin und her – und zwar zunehmend gereizt. Zumal die Fragen nicht leicht zu klären sind: Was ist Antisemitismus? Nimmt er wirklich zu? Verschiedene Phänomene überlagern sich: der klassische westliche Antisemitismus mit dem Zorn der Araber auf Israel, welche die alten antijüdischen Stereotype übernehmen. Das Ressentiment kehrt dann auf Umwegen zurück – etwa, wenn es von islamischen Einwanderern in Europa aufgenommen wird.

Messbar ist ein Zunehmen antisemitischen Grolls in Europa jedenfalls kaum. So seien, ergab eine Umfrage der Hamburger Illustrierten „Stern“ vor kurzem, 23 Prozent aller Deutschen latent antisemitisch; vor fünf Jahren waren es drei Prozent weniger. Die Frage, ob Juden aus der Vergangenheit einen Vorteil zu ziehen versuchen, beantworteten 36 Prozent mit Ja – fünf Prozent weniger als vor fünf Jahren. Andererseits glauben 28 Prozent, die Juden hätten auf der Welt zu viel Einfluss – 1998 meinten das nur 21 Prozent. In Frankreich äußern sich 14 Prozent der Jugendlichen zwischen 18 und 24 Jahren judenfeindlich – ein Anstieg von zwei Prozent in den letzten Jahren.

Delikte mit antijüdischer Motivation nehmen in Wellen zu und ab. In Deutschland registrierte der Verfassungsschutz im vergangenen Jahr 50 Prozent mehr Gewalttaten mit antisemitischem Hintergrund. In Frankreich wurden zwischen September 2000 und Jänner 2002 mehr als 400 antisemitische Übergriffe begangen. In den ersten zehn Monaten dieses Jahres registrierte die Polizei 96 Straftaten – im Vergleichszeitraum des Vorjahres waren noch 184 Delikte verzeichnet worden.

So disparat die Zahlen auch sind, eines ist offenkundig: Antijüdische Vorurteile halten sich hartnäckig, sind jedoch in den vergangenen Jahren in Europa nicht signifikant gewachsen. Übergriffe gegen jüdische Einrichtungen in Europa häufen sich dagegen, wenn im Nahen Osten die Lage eskaliert. Ausschreitungen nahmen schon nach den Nahostkriegen von 1967, 1973 und 1982 und nach dem Beginn der ersten Intifada 1987 zu. Mit der zweiten Intifada der Palästinenser stiegen Tätlichkeiten, Brandanschläge, Schmierereien wieder deutlich an, erreichten mit dem Vorrücken der israelischen Armee gegen palästinensische Städte wie Jenin, Nablus, Ramallah einen Höhepunkt und gingen danach wieder zurück.

Grund zur Entwarnung also? Gewiss nicht. Aber dass „der Antisemitismus heute in Europa tiefer verwurzelt ist als in jeder anderen Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg“, wie das Wiesenthal-Zentrum jetzt glaubt, erscheint wenig plausibel. Bis tief in die sechziger Jahre kosteten antisemitische Äußerungen einen Politiker nicht notwendigerweise Amt und Mandat. Überwältigende Mehrheiten wollten hierzulande und in Deutschland „endlich einen Schlussstrich“ ziehen. Und fast vergessen ist, dass noch vor vierzig Jahren britische und amerikanische Eliteschulen den Zugang für Juden gezielt beschränkten. Rassistische Hetze, Leugnung des Holocaust gar ist inzwischen in Deutschland, Frankreich, Österreich ein Straftatbestand. „Die Bekräftigung der Norm, Antisemitismus öffentlich nicht zu dulden, hat zu einem Lernprozess geführt“ (Werner Bergmann).

Subtile Ressentiments. Skeptiker halten dagegen, der Antisemitismus sei nur raffinierter geworden. Einschlägige Klischees wie jene vom geldgierigen Juden, seiner Zersetzung aller Tradition oder der Verschwörung finsterer Mächte werden – kaum umgeformt – auf andere Phänomene gespiegelt: auf Amerikas Allmacht, den geistlosen Kommerz des Kapitalismus, auf die kulturelle Dominanz Hollywoods. „Der neue Antisemitismus ist schwer zu fassen“, meint der Autor Doron Rabinovici.

In diesem Licht jedoch wird die Unterscheidung, was antisemitisch ist und was nicht, prekär – und der Antisemitismusverdacht zuweilen obsessiv. So sieht sich der ungarischstämmige Finanzmagnat George Soros gerade heftigen Angriffen ausgesetzt, weil er – selbst Jude – bei einer Rede vor einem jüdischen Auditorium in New York konstatierte, dass „die Politik der Regierung Bush und der Regierung Scharon“ zu einem Erstarken des Antisemitismus beitragen. Jetzt muss sich Soros böse Vorwürfe anhören, er betreibe das Geschäft der Antisemiten, indem er der israelischen Regierung einen Teil der Schuld an der Misere zuweise. Selbst Kritik an der US-Regierung wird unter Antisemitismusverdacht gestellt. Für den Historiker und Bestsellerautor Daniel Goldhagen („Hitlers willige Vollstrecker“) ist Antiamerikanismus schlicht die zeitgenössische Form des Antisemitismus.

Ähnlich krause Reaktionen provozierte der islamische Denker Tariq Ramadan in Genf, der einigen jüdischen Intellektuellen Frankreichs vorwarf, ihre Haltungen zum Nahostkonflikt und zum Irak-Krieg hätten damit zu tun, dass sie Juden seien, und sie aufforderte, das „ethnische Denken“ aufzugeben. In Frankreich lösten diese Äußerungen einen Riesenskandal aus: Ramadan erneuere „die Vorstellung eines jüdischen Komplotts“, empörte sich der Philosoph Alain Finkielkraut und verstieg sich angesichts des Umstandes, dass Ramadan zum Europäischen Sozialforum der Globalisierungskritiker eingeladen worden war, gar zu der These, der Antisemitismus habe „bei den Globalisierungsgegnern eine große Zukunft vor sich“.

Das ist wohl eine Spur zu viel Alarmismus. Die Aufregung ist aber Ausdruck der Angst, linker Antiimperialismus, der traditionell eine antiisraelische Schlagseite hat, könnte sich mit einem arabischen Hass auf Israel paaren. Und der ist zuletzt tatsächlich dramatisch gewachsen.

Vor achtzig Jahren gab es Antisemitismus, wie wir ihn kennen, in der islamischen Welt nicht. Erst mit dem Beginn der jüdischen Kolonisation Palästinas wurden Elemente des europäischen Judenhasses vor allem über die christlichen Minderheiten importiert. Aufgenommen zuerst von der ägyptischen Moslemführerschaft, dann von arabischen Radikalen in Palästina selbst – allen voran dem Mufti von Jerusalem, der Adolf Hitler bewunderte. Selbst die uralten Mythen von jüdischer Kindermörderei verbreiteten sich.

Arabischer Antisemitismus. Die radikal-islamische Hamas-Bewegung sieht „die Juden“ für alles Böse in der Welt verantwortlich, von der Französischen Revolution über den Bolschewismus bis zum US-Imperialismus, und glaubt, sie hätten sich verschworen, „um die Welt mit den Mitteln ihrer Organisation zu regieren“. Die „Protokolle der Weisen von Zion“ zirkulieren heutzutage in Millionenauflage.

Verunsichert von den Suizid-Bombern in Israel, dem Übergreifen der terroristischen Bedrohung auf Europa selbst und dem neuen Phänomen eines Antisemitismus von Marokko bis Malaysia, aufgestört durch Wortmeldungen wie jene Martin Hohmanns und Mikis Theodorakis’, panzern sich die jüdischen Gemeinden in einer Wagenburg-Mentalität ein. Kritik an Israel wird vielfach als zumindest im Effekt, wenn nicht gar in ihren Intentionen antisemitisch verdammt.

Von der Scharon-Regierung wird dieses Argumentationsmuster aus nahe liegenden Gründen gebetsmühlenartig wiederholt. Und die US-Regierung greift es – im Konflikt mit dem „alten Europa“ – auch gerne auf. Selbst der Hinweis, wenn Israel seine Politik ändere, würde auch die Kritik abflauen, gilt da schon als antisemitisch – nämlich als Neuauflage der perfiden Logik, wonach „der Jude“ am Antisemitismus selbst schuld sei. Bloß ist Israel nicht Opfer von tief sitzender Feindseligkeit, wie es die Juden über die Jahrhunderte waren, sondern ein funktionierender Staat.

„Nach dem Oslo-Abkommen“, sagt John Bunzl, Nahostexperte beim Österreichischen Institut für Internationale Politik, „ist Israel eine Welle der Sympathie entgegengeschlagen.“ Die Haltung zu Israel ist durch israelische Politik beeinflussbar, der Antisemitismus ist durch jüdisches Verhalten nicht beeinflussbar. Bunzl: „Das ist doch das Positive am Zionismus, dass er davon ausging, dass die Juden nicht länger Opfer, Objekte der Geschichte sein sollen, sondern Subjekte, dass ihre Handlungen etwas bewirken können.“

„Juden wie ich, die Israel kritisieren, tun das, weil wir emotional an Israel hängen“, formuliert Judith Butler, die renommierte amerikanische Literaturtheoretikerin, und fügt hinzu: „Wenn der Vorwurf des Antisemitismus gebraucht wird, um Israel um jeden Preis zu verteidigen, dann verliert der Vorwurf an Gewicht“ – auch gegenüber wirklichen Antisemiten.

Denn der Antisemitismus bleibt eine Gefahr. Und der islamische Antijudaismus ist, auch wenn er auf dem Humus eines realen Konfliktes gedeiht, ein explosives Gemisch. Ein Gemisch, das manchmal hochgeht. Zuletzt in Istanbul.