Debatte: Jäger des verlorenen Juden

Steven Spielbergs neuer Film „Munich“ zeigt die Rache des Mossad für das palästinensische Massaker an israelischen Olympia-Sportlern in München 1972. Deshalb steht der jüdische Regisseur nun als Verräter da.

Der Terrorakt liegt über drei Jahrzehnte zurück, doch was damals, am 5. September 1972, im Olympischen Dorf von München geschah, ist mehr als eine schreckliche Episode im Nahostkonflikt. Die Geiselnahme von elf Sportlern der israelischen Olympiamannschaft durch acht Palästinenser der Terrororganisation „Schwarzer September“, die mit dem Tod der Israelis, eines deutschen Polizisten und fünf der Geiselnehmer endete, prägte eine neue Form der Kriegsführung: auf palästinensischer Seite brutale, plakative Anschläge, die dank der TV-Bilder größtmögliches Aufsehen erregen, und als israelische Antwort darauf Anti-Terror-Aktionen, die Rache und präventive Gegenschläge kombinieren. Denn auf die blutige Geiselnahme von München folgten einerseits Luftangriffe der Israelis auf Palästinenserlager in Syrien und im Libanon, bei denen über 200 Menschen – nach Lesart der israelischen Regierung allesamt Terroristen – starben, und andererseits eine Operation des israelischen Geheimdienstes Mossad: Die Verantwortlichen des Anschlags von München sollten einer nach dem anderen getötet werden.

Israel ringt seither mit der Frage, mit welchen Mitteln ein demokratischer Rechtsstaat westlicher Prägung auf Terrorangriffe reagieren soll. Darf er foltern? Darf er gezielte, extralegale Tötungen vornehmen? Darf er dabei das Leben von Zivilisten in Gefahr bringen? Darf er die Angehörigen von Attentätern bestrafen?

Diese Fragen werden seit der offiziellen Ausrufung des „Krieges gegen den Terror“ weltweit debattiert, und in Israel dauert der Streit darüber seit Jahrzehnten an. München lebt, ohne dass in der Debatte bisher darauf namentlich Bezug genommen wurde.

Gewicht der Welt. Plötzlich aber erhält München neue Brisanz. Der berühmteste und deshalb wohl mächtigste Filmemacher unserer Zeit, Steven Spielberg, hat die Ereignisse von München zum Thema seines jüngsten Films gemacht. Ein Mitglied aus dem Kreis religiöser Berater des US-Regisseurs vertraute bereits im vergangenen Jahr der britischen „Sunday Times“ an, dass Spielberg das Gefühl habe, „das Gewicht der Welt auf den Schultern zu tragen“. Die Einschätzung ist nicht ganz übertrieben. Als bekannt wurde, was Spielberg vorhat, wurden in Israel umgehend Stimmen laut, die ihn einen „Verräter“ hießen. Denn Spielberg, der mit „Schindlers Liste“ 1993 den Holocaust zum Kinoereignis machte, der mit seiner „Shoah Foundation“ ein Archiv für die gefilmten Erinnerungen der Holocaust-Überlebenden schuf und der hunderte Millionen Dollar für jüdische Einrichtungen gespendet hat, legt in „Munich“ den Fokus nicht auf das Verbrechen des „Schwarzen September“, sondern auf die anschließende Racheaktion des Mossad.

Damit ist der Jude Spielberg, der bisher als Freund Israels galt, ein großes Wagnis eingegangen. Er will die Moral Israels thematisieren und glaubt, damit einen Beitrag zum Frieden leisten zu können. Der Entertainment-Guru der harmlosen (Schauer-) Märchen („Der weiße Hai“, „E. T.“, „Jäger des verlorenen Schatzes“) hat das gewohnte Terrain verlassen und wurde von den Filmkritikern umgehend an die politischen Kommentatoren weitergereicht. Anstelle von mehr oder weniger freundlichen Rezensionen hagelt es seither mehr oder weniger harsche Pamphlete.

Zuallererst wird bemängelt, dass „Munich“, laut Abspann „von tatsächlichen Ereignissen inspiriert“, in Wirklichkeit aber eine gänzlich fiktive Darstellung sei. Spielberg und sein Drehbuchautor Tony Kushner können zwar darauf verweisen, dass in einem Spielfilm künstlerische Freiheiten zulässig sind, müssen sich die Debatte um die Wahrhaftigkeit ihres Werks aber gefallen lassen, schließlich verwendet der Meister authentisches Filmmaterial, das er in die Spielfilmhandlung gekonnt einbaut, und viele reale Personen sind unverkennbar, etwa Israels Premierministerin Golda Meir.

Unbestritten ist, dass Israel nach dem Massaker von München eine Geheimdienstoperation startete, die zum Ziel hatte, die Verantwortlichen für die Geiselnahme zu töten. Die damalige Premierministerin Golda Meir und ihr Verteidigungsminister Moshe Dayan segneten dieses Vorhaben persönlich ab.

Dichtung und Wahrheit. Im Film erhält die Gruppe um den jungen Agenten Avner (gespielt von Eric Bana) eine Liste mit Namen, die sie abarbeiten soll. Ein Anschlag nach dem anderen wird geplant und ausgeführt. Wie akkurat ist dieser grundlegende Plot? Spielberg und Kushner stützen sich unter anderem auf das 1984 erschienene Buch „Vengeance“ („Rache“) des kanadischen Journalisten George Jonas. Jonas wiederum stützte sich bei seiner Beschreibung der „wahren Geschichte eines Anti-Terror-Teams“ auf einen Mann namens Juval Aviv, der behauptete, Mossad-Agent gewesen zu sein, was allerdings weithin bezweifelt wird.

Dennoch ist nicht zu leugnen, dass nach dem September 1972 Morde an Palästinensern verübt werden, welche die Handschrift das Mossad tragen: Mahmoud Hamshari, ein PLO-Funktionär, wird am 8. Dezember 1972 durch einen in seinem Telefon versteckten Sprengsatz getötet. Am 6. April 1973 erschießen Unbekannte den irakischen Juristen Basil al Kubaissi in Paris auf offener Straße, am 28. Juni 1973 kommt, ebenfalls in Paris, der PLO-Mann Muhammed Boudia ums Leben, als eine Autobombe explodiert. Spielbergs „Munich“ ist hier von der historischen Realität nicht allzu weit entfernt.

Ein besonders tragischer Mordanschlag des Mossad kommt in „Munich“ allerdings nicht vor: Der Kellner Ahmed Bouchiki, den die Killer mit Ali Hassan Salameh verwechseln, wird in der norwegischen Stadt Lillehammer am 21. Juli 1973 erschossen, als er mit seiner schwangeren Frau aus dem Kino kommt. Hätte Spielberg die Absicht gehabt, den Mossad zu dämonisieren, hätte er den Fall Bouchiki in seinen Film eingebaut.

Spielberg porträtiert eine Truppe, die kompetent ist, der jedoch Fehler unterlaufen. Und in Wahrheit sind es nicht die faktischen Ungenauigkeiten, welche die Kritiker so sehr erzürnen, sondern etwas ganz anderes: Mit fortlaufender Handlung kommen den Killern Zweifel, dass sie auch wirklich das Richtige tun. Die Hauptfigur Avner, ein junger Mann, der zu Beginn von der Mission so überzeugt ist, dass er den Job annimmt, obwohl seine Frau gerade schwanger ist, verliert zusehends den Glauben an die Sinnhaftigkeit des Mordkommandos.

So wird die israelische Doktrin, wonach die Selbstverteidigung des Judenstaates mittels Tötungen moralisch unbedenklich sei, in „Munich“ arg zerzaust: „Juden tun nichts Unrechtes, nur weil ihre Feinde etwas Unrechtes tun“, sagt ein Partner Avners. Avner antwortet: „Wir können es uns nicht leisten, anständig zu sein.“ Ein anderer Mossad-Killer sagt: „Solange wir nicht gelernt haben, wie sie zu handeln, werden wir sie nicht besiegen.“ Am Ende steigt Avner aus, verlässt Israel und stellt seinem ehemaligen Vorgesetzten die Frage nach Beweisen für die Schuld der Männer, die umgebracht wurden. Resigniert und verzweifelt kommt er zu dem Schluss: „Gäbe es Beweise, hätten wir sie verhaften sollen, so wie Eichmann.“

Solche Aussagen sind für die israelische Rechte und ihre Anwälte ein Sakrileg, und dies umso mehr, als sie von einem Juden kommen. Genau dafür wird Spielberg angefeindet. Isi Leibler, ehemaliger Vizepräsident des Jüdischen Weltkongresses, fragt in der „Jerusalem Post“ erbost: „Wie konnte ein guter Jude einen Film promoten, der das Recht Israels auf Selbstverteidigung untergräbt, indem er eine moralische Gleichwertigkeit zwischen Mossad-Operationen und terroristischen Morden herstellt?“

Meir Jolobitz, Direktor der politisch rechts stehenden Zionistischen Organisation Amerikas (ZOA), wirft Spielberg vor, er versuche, „arabischen Terroristen ein menschliches Antlitz zu verleihen, indem er ihre Morde an Juden als einzigen Weg legitimiert, um einen palästinensischen Staat zu errichten“.

Attacken. Charles Krauthammer, der konservative Kommentator der „Washington Post“, formuliert die schärfste Attacke gegen Spielberg: „Dem Massaker von München war nur bescheidener Erfolg darin beschieden, die palästinensische Sache mithilfe des Blutes von elf Juden vorwärts zu bringen. Der Film ‚Munich‘ hat jetzt, 33 Jahre später, diesen Erfolg komplett gemacht.“

Spielberg wusste, worauf er sich mit „Munich“ einließ. Von der Brutalität der Angriffe gegen ihn könnte er dennoch überrascht sein. Aber der Medienprofi hat sich gewappnet. Ein hochkarätiges Team von Fürsprechern ist ausgeschwärmt, um klarzustellen, dass „Munich“ sehr wohl „ein guter Film für die Juden und für Israel“ sei, so Dennis Ross, einstiger US-Nahostgesandter unter Präsident Bill Clinton. Ross organisierte unter anderem eine private Vorführung des Films für hohe Repräsentanten der jüdischen Gemeinde in Manhattan, und er ließ wissen, dass er persönlich eine Szene in das Drehbuch reklamiert habe, in der Avners Mutter in einem Monolog das israelische Selbstverständnis darlegt. Weitere Mitglieder der PR-Sondereinheit sind Mike McCurry, ehemaliger Sprecher des Weißen Hauses, und Eyal Arad, ein ehemaliger Politikstratege von Israels schwer erkranktem Premier Ariel Sharon.

Die Propagandaschlacht um einen 164-minütigen Spielfilm scheint hoffnungslos überdimensioniert, und der gemeine Kinobesucher in Europa wird sich angesichts des leidlich spannenden Thrillers fragen, was der Grund für die Aufregung sein soll. Doch die Debatte ist annähernd so vertrackt wie der Nahostkonflikt insgesamt. Dieser hat sich derart aufgeschaukelt, dass ein Statement pro oder kontra „Munich“ unweigerlich als Glaubensbekenntnis für oder gegen Israel gewertet wird.

Dabei ist Spielbergs Botschaft wahrlich nicht revolutionär: Blutige Rache wird immer mit blutiger Rache beantwortet, und auch palästinensische Attentäter sind Menschen. Spielberg will seinen Film auch ganz bescheiden als „Gebet für den Frieden“ verstanden wissen.

Allerdings werden solche Gebete nur dann allseits geschätzt, wenn sie auf Schuldzuweisungen verzichten, und Drehbuchautor Kushner, der politisch weit links eingeordnet wird, kann es sich in Interviews nicht verkneifen, die brisante politische Dimension von „Munich“ hervorzustreichen. Die Szene, in der die Darstellerin der israelischen Premierministerin Golda Meir sagt, ein demokratischer jüdischer Staat müsse zur Selbstverteidigung „auch einmal seine eigenen Ideale vergessen“, sei „der Schlüssel“ des Films, so Kushner in einem Interview mit dem deutschen „Tagesspiegel“.

Kushner dient vielen „Munich“-Hassern denn auch als willkommene Zielscheibe, um Spielberg wenigstens ein bisschen schonen zu können. Kushner ist für sie der wahre Verräter, Spielberg bloß ein verirrter Sohn. Die Jäger des verlorenen Juden wissen zu gut, dass Spielberg seine jüdische Identität relativ spät entdeckt, sie aber umso ernsthafter verarbeitet hat. Er wurde von seiner Mutter Leah Adler als säkularer Jude erzogen. Steven sollte sich assimilieren, deshalb vermied es seine Mutter, in die jüdischen Wohnbezirke zu ziehen. Doch Steven fühlte sich in der christlichen Umgebung immer als Außenseiter. „Jeder wusste, dass ich Jude war, und mir war es peinlich, dass ich nicht dazugehören konnte“, sagte er später. Erst in den siebziger Jahren, als Spielberg begann, sich mit Holocaust-Überlebenden zu treffen, akzeptierte er sein jüdisches Erbe offen.

Dass der Jude Spielberg jetzt verteufelt wird, als wäre er eine Mischung aus Joseph Goebbels und Osama Bin Laden, sagt mehr über die Irrationalität aus, die in jeder Facette des Nahostkonflikts zutage tritt, als über den Film und seinen Regisseur. „Munich“ wird weder die Existenz Israels erschüttern noch als Friedensgebet erhört werden. Die Debatte um Rechtsstaatlichkeit und Anti-Terror-Kampf wird noch weitergehen, wenn Spielberg bereits „Jurassic Park IV“ herausbringt.

Die Araber übrigens werden „Munich“ auch nicht mögen, ließ Amar Hijazi, der Zweite Sekretär der Palästinensischen Autonomiebehörde, bei den UN wissen, denn sie würden darin als „zorniges Volk“ porträtiert.

Aber das kann Spielberg jetzt wohl auch schon egal sein.

Von Robert Treichler