„Den Teamchef tät ich machen“

Didi Constantini, derzeit Interimstrainer von Austria Wien, über die Defizite der Nationalmannschaft, verwöhnte Jung-Kicker und das Vermächtnis von Ernst Happel.

profil: Jeder Fußballfan hat seit Mittwoch letzter Woche eine Frage: Wie kann man ein Spiel noch verlieren, wenn man 3:0 vorne lag?
Constantini: Das ist schwierig. Normal ist es so, dass sich die andere Mannschaft nicht mehr erfängt, wenn sie so weit hinten liegt. Die Niederlande haben aber in der Pause offenbar kapiert, worum es geht. Und unsere waren sich zu sicher.

profil: Liegt es möglicherweise an der Kondition, wenn die zweite Halbzeit so viel schlechter ist als die erste?
Constantini: Es kann auch ein mentales Problem sein. Wenn es an der Kondition liegt, muss man hinterfragen, ob Roger Spry und das Projekt Challenge 08 wirklich was bringen.

profil: Sie sind so eine Art Trainer-Söldner in Österreich …
Constantini: Ich sag immer, ich bin ein Leasing-Trainer.

profil: Ist das auf die Dauer befriedigend? Wünschen Sie sich nicht auch manchmal, einen Verein langfristig zu betreuen, etwas aufzubauen?
Constantini: Sehr viele Trainer glauben, sie bauen wo was auf. Und dann ist nach einer gewissen Zeit der Erfolg nicht da, und das Kartenhäusl bricht zusammen.

profil: Bis Saisonende arbeiten Sie jetzt für Austria Wien. Was kann man in so einer kurzen Zeit überhaupt bewirken?
Constantini: Du kannst vermitteln, dass du jeden respektierst. Bei Austria Wien gibt es sehr gute Fußballer. Das heißt noch lange nicht, dass wir uns für den UEFA-Cup qualifizieren, aber die Chance ist da. Am wichtigsten ist vielleicht, dass ich den Druck von den Spielern nehmen kann. Mir ist auch nicht wichtig, dass jeder gleich tickt. Ein Kollektiv kannst du nicht zusammenbauen, indem du jeden gleichmachst. Ein Kollektiv besteht aus unterschiedlichen Charakteren, und die Kunst ist, sie zu einer Einheit zu machen.

profil: Angeblich machen Sie bei Ihren Kurzengagements nie einen Vertrag und verhandeln auch nicht über Geld.
Constantini: Natürlich reden wir übers Geld. Aber einen Vertrag brauch ich nicht. Es hat noch jedes Mal gepasst.

profil: Und ist wahrscheinlich ein gutes Geschäft für Sie.
Constantini: Ich glaube, es verdienen sehr viele um einiges mehr als ich. Aber den Vereinen bringt es was. Wenn du heute einen Trainer verlierst, dann suchst du einen neuen, der gleich wieder einen Zweijahresvertrag will. Meistens passiert das mitten in der Saison. Nach sechs, sieben Monaten kommst du vielleicht drauf, der neue bringt es auch nicht. Dann zahlst du den ersten Trainer, den zweiten, und einen dritten brauchst du dann auch noch. Jetzt gibt es einen Exoten wie mich, der für ein paar Monate einspringt.

profil: Entspricht das Niveau der Bundes­liga den Möglichkeiten in Österreich, oder ließe sich mehr herausholen?
Constantini: National ist das eine spannende Liga, nur international blatteln sie uns auf. Da merkt man dann den Unterschied. Aber ich hab in Italien und Deutschland schon Spiele gesehen, wo ich mich gefragt habe, warum wir über unseren Fußball jammern. Nur ist es halt ein Unterschied, wenn du in Dortmund 80.000 Zuschauer hast, als wenn du irgendwo in Österreich 6000 Leute in einem Stadion hast, wo 30.000 reinpassen. Auf den Geist geht mir nur, dass die Vereine das ganze Jahr davon reden, dass sie möglichst in einem internationalen Bewerb dabei sein wollen. Und wenn sie dann dabei sind, jammern sie über die Doppelbelastung.

profil: Sie kritisieren immer wieder, dass junge Spieler in Österreich zu sehr verwöhnt werden. Sind 13 Fußballakademien zu viel?
Constantini: Nein, es ist ja gut, wenn viel gemacht wird. Aber man bewegt sich immer weiter von der Natur weg. Wir können heute bei jedem jungen Spieler ausrechnen, wann er wahrscheinlich Durchfall kriegt, und übersehen ganz, dass er hinter das Tor flankt. Instinktfußballer, die es früher gegeben hat, wie Prohaska oder Jara, findest du so nicht. Die zwei haben 50 Kilo gewogen – wenn es geregnet hat. Die würden heute durchfallen, weil sie nicht athletisch genug sind. Es heißt immer, dass wir vor dem Jahr 2000 keine Nachwuchsarbeit hatten. Den Satz muss man sich auf der Zunge zergehen lassen. Weil 1998 waren wir, glaub ich, an 24. Stelle auf der Weltrangliste.

profil: Was müsste denn passieren, damit das Nationalteam wieder besser wird?
Constantini: Der ÖFB sagt immer, die Bundesligatrainer sind schuld, weil sie zu wenig Junge einsetzen. Aber als Profitrainer muss ich denen wieder sagen: Meine Herren, nur mit Jungen gewinnst du keinen Krieg. Ich bin ein schwerer Verfechter von zwei, drei Alten in jeder Mannschaft. Hab auch mit dem Pepi Hickersberger schon darüber geredet.

profil: Ist das ein Plädoyer für Ivica Vastic?
Constantini: Nein, weil ich gebe ja keine Tipps. Die Frage ist auch, ob eine Gemeinschaft besser ist, wenn alle lieb sind. Oder ob es besser ist, wenn ein paar Brandherde in der Mannschaft sind, solche mit Feuer im Arsch, Entschuldigung.

profil: Wie gehen Sie als Trainer mit Widerspruch um?
Constantini: Der Spieler, der dir als Trainer wehtut, tut meistens auch dem Gegner weh.

profil: Wigan-Legionär Paul Scharner wird möglicherweise nicht bei der EURO spielen, weil er den ÖFB kritisiert hat. Ist das gerechtfertigt?
Constantini: Der Scharner hat in meiner Zeit bei der Austria immer gespielt, obwohl er eine Gratwanderung für jeden Trainer war. Aber er hatte eine Einstellung, dass ich gesagt habe, den muss ich spielen lassen. Der hat halt seinen Plan. Als der Paul nach England ging, hat er bei Wigan unterschrieben. Aber er wollte nicht in Wigan wohnen, sondern am Weg nach Manchester, ungefähr auf halber Strecke. Damit er nicht mehr übersiedeln muss, wenn er später für Manchester spielt. Das kann man blöd finden oder verrückt. Nur: Der spielt und verdient Geld und lacht alle aus, die ihn auslachen.

profil: Wie ging es Ihnen nach der Niederlage der Nationalmannschaft gegen Deutschland? Haben Sie sich über das 0:3 auch so gefreut wie die meisten Fans?
Constantini: Ich hab mich über eine Niederlage noch nie gefreut. Und das Schlimme dabei ist, dass wir uns über etwas gefreut haben, was eigentlich die Basis ist: Wir haben uns gefreut, weil alle Vollgas gegeben haben. Das ist eigentlich das ­Mindeste.

profil: Wie ist derzeit Ihr Verhältnis zum ÖFB?
Constantini: Ganz normal. Vor Kurzem hab ich den Stickler beim Länderspiel in Innsbruck getroffen. Er gibt mir die Hand und sagt, oh, da muss ich aufpassen, wenn ich dir die Hand gebe. Darauf sag ich, das ist ja eine Ehre für mich, wenn du Angst hast, dass da gleich eine Diskussion entsteht.

profil: Nach dem Tod von Ernst Happel wären Sie gerne sein Nachfolger als Teamchef geworden. Warum hat das nicht geklappt?
Constantini: Ja klar wäre ich es gerne geworden. Aber im Grunde war es logisch, dass sich der ÖFB für den Prohaska entscheidet. Austria Wien ist mit ihm schon zweimal Meister gewesen, und ich habe bis dahin noch nie einen Verein alleine trainiert. Und nach dem Baric war es halt wieder nichts. Für mich ist das okay. Klar ist der Teamchefposten eine geile Geschichte. Aber es geht mir so auch ganz gut.

profil: Hätten Sie den Job noch immer ­gerne?
Constantini: Den Teamchef tät ich machen. Da bin ich aber nicht allein. Wenn du heute 20 Trainer fragst, ob sie Teamchef werden wollen, sagen offiziell alle nein. Aber alle 20 würden es machen.

profil: Ernst Happel hat nach seinem Tod eine Art Spielanweisung hinterlassen. Auf dem Zettel stand, der Fußball soll frech, aggressiv und offensiv sein. Wenn man sich den Stil des regierenden Europameis­ters und des Weltmeisters anschaut, ist das Konzept überholt.
Constantini: Ich glaub, dass der Ernstl immer zeitgemäß ist. Das ist bei einem Trainer oft auch eine Frage der Ausstrahlung. Du kannst ein Taktik-Professor sein, und bei den Spielern kommt nichts an. Der Ernstl hätte heute auch keine Probleme, sondern die Spieler hätten ein Problem, wenn sie nicht rennen. Ich hab einen Trainer gekannt, der sich vor dem Spiel zwei Valium reingehaun hat und den Spielern gesagt hat: Burschen, bleibts cool. So geht’s jedenfalls nicht.

Interview: Rosemarie Schwaiger