Denker: Köpferollen

Wer sind die einflussreichsten Intellektuellen der Welt? Zwei Magazine und deren Leser versuchen, eine Antwort darauf zu geben. Die Verlierer: Frauen und Marxisten.

Noam Chomsky und Julia Roberts haben mehr gemeinsam, als man annehmen würde. Beide erfreuen sich an ihrer Elternschaft, beide sind zufrieden und glücklich, und beide achten nicht besonders auf ihre Kleidung. Julia Roberts allerdings wurde, wenn man der offiziellen Begründung Glauben schenken darf, aufgrund ebendieser Eigenschaften im vergangenen Mai vom amerikanischen Magazin „People“ zur schönsten Person des Jahres gewählt.

Der Linguist und Buchautor Noam Chomsky hingegen stand bei der Wahl der „50 Most Beautiful People“ nicht einmal zur Wahl, obwohl er Julia Roberts möglicherweise darin übertrifft, sich „ganz normal“ zu kleiden. Chomsky ging dafür bei einer anderen Kür als Sieger hervor: Er ist laut einer Internetabstimmung der Leser des angesehenen britischen Magazins „Prospect“ und seines amerikanischen Pendants „Foreign Policy“ weltweit die Nummer eins unter den Intellektuellen. Julia Roberts war nicht am Start.

„Prospect“ und „Foreign Policy“ bemühten sich, Kriterien für den Begriff des „öffentlichen Intellektuellen“ zu nennen, ehe sie hundert Vertreter dieser Spezies vorschlugen, die von den Lesern gereiht werden konnten. Ein öffentlicher Intellektueller sei demnach „jemand, der sich in seinem Bereich ausgezeichnet hat und dazu die Fähigkeit besitzt, Debatten außerhalb seines Fachgebietes zu beeinflussen und Ideen zu kommunizieren“. Das Ergebnis ist ein seltsames Bild der globalen Ideen-Community.

„Prospect“ leugnet die diversen Schieflagen der Liste gar nicht. Sie sei von angloamerikanischen Männern erstellt worden und reflektiere deren aktuelle Sichtweise der Welt, räumt der Publizist David Herman in einem Kommentar in „Prospect“ ein. Auffallend seien die Verlierer: die Frauen, der Marxismus, die Freudianer, Europa. Zehn Frauen, ein Häufchen traditioneller Linker und eine Hand voll Repräsentanten der einstigen Intellektuellenhauptstadt Paris müssen sich der Übermacht amerikanischer und britischer Männer beugen.

Wandel. Wirklich interessant erscheint die Liste aber vor allem im Vergleich mit ihrem imaginären Pendant aus den siebziger Jahren oder noch früheren Epochen. Auf einer historischen Liste wären wohl viel mehr französische Namen zu finden gewesen, allesamt vom Typus des aufbegehrenden Oppositionellen à la Emile „J’accuse“ Zola oder Jean-Paul Sartre. „Keine Liste im 20. Jahrhundert hätte so wenige Sozialisten und Kommunisten enthalten“, schreibt David Herman.

Die große Tradition der oppositionellen Intellektuellen, die sich für unpopuläre Anliegen einsetzen und politisch der revolutionären Linken nahe stehen, scheint vorbei. Eric Hobsbawm (Platz 18), 88, Gründer der britischen Kommunistischen Partei, Jürgen Habermas (Platz 7), 76, einst „neomarxistischer“ deutscher Denker, Antonio Negri (Platz 50), 72, linksextremer Aktivist und Autor, und Voting-Sieger Chomsky selbst, 76 und unbeugsam linksradikaler Establishment-Kritiker, lassen bereits durch ihr Alter erkennen, dass sich ihre Zunft langsam mit dem Aussterben anfreunden muss.

So gesehen sagt die „Prospect“-Liste sehr wohl einiges über den Geisteszustand der Welt aus. Sie dokumentiert den Sieg von Kapitalismus und Liberalismus – beides angelsächsische Erfindungen – über den Realsozialismus und wohl auch über die akademische Linke, die in Paris eines ihrer wichtigsten Zentren hatte. Heute lehrt der typische Intellektuelle auf einem Campus der amerikanischen Ostküste oder in den britischen Elite-Universitäten Cambridge und Oxford.

Die Liste zeigt auch, dass Frauen unverändert ein weit gehend einflussloser Teil der Menschheit sind. Die bedeutendste Denkerin laut Liste ist die Globalisierungskritikerin Naomi Klein auf dem enttäuschenden Platz elf.

Der Aufstieg der Dritten Welt ist hingegen unleugbar. Während unter Osteuropas Intellektuellen noch betretenes Schweigen herrscht und fast nur noch Zeitzeugen aus der Dissidenten-Ära übrig geblieben sind, haben fünf Chinesen, fünf Inder, fünf Afrikaner und zwei Peruaner den Sprung in die oberste Denkerklasse geschafft. Das mag mit dem schlechten Gewissen der angelsächsischen Verfasser zu tun haben und kam auch bei den Internet-Votern nicht besonders gut an: Die letzten sechs Plätze im Ranking werden ausschließlich von Asiaten belegt. Dennoch wäre eine ähnliche Dichte von nicht-westlichen Hirnen auf einer Intellektuellen-Liste vor zehn Jahren wohl noch unvorstellbar gewesen. Der Abstand zwischen den Welten wird kleiner.

Fazit: Die Liste ist ein Sammelsurium netter, oftmals betagter Herren, für die Weltveränderung nicht das allererste Anliegen darstellt und die ansonsten wenig gemeinsam haben.

Die Urenkel von Emile Zola, Karl Marx und Sigmund Freud heißen Umberto Eco (Platz 2), Christopher Hitchens (Platz 5) und Amartya Sen (Platz 8) und teilen mit ihren Urgroßvätern außer der Intellektualität wenig. Ein Universalgelehrter wie Eco, dessen Themenvielfalt in seinen Publikationen nur die Marke „Eco“ zusammenhält, ein Renegat wie der britische Kolumnist Christopher Hitchens, der erst als Linksradikaler Karriere machte, ehe er sich mit seinen linken Mitstreitern überwarf, weil er den US-Krieg im Irak befürwortete, oder Benedikt XVI. (Platz 17), der einzige Unfehlbare unter den Intellektuellen, zeigen, wie schwierig es ist, Verallgemeinerndes über hundert global tätige Freigeister auszusagen, außer dass viele voneinander überhaupt nichts halten und keiner bekennt, dass ihm die Liste irgendetwas bedeutet.

Trotz ihrer tendenziellen Schwäche schaffen es die aktivistischen Linken, ihre Repräsentanten bei der Abstimmung an die Spitze zu hieven, und sie machen auch den größten Lärm. Chomsky bezeichnet den Historiker und Autor Michael Ignatieff (Platz 37) als „Müllspender“, Chomsky hasst Hitchens und umgekehrt, die australische Feministin Germaine Greer (Platz 49) hält es schlicht für „absurd und völlig ungerechtfertigt“, dass ihr Name in der Liste auftaucht.

Medienprofis. Wie üblich wird auch die Tatsache kritisiert, dass die Medien wesentlichen Anteil daran haben, wer als einflussreicher Intellektueller wahrgenommen wird und wer nicht. Natürlich bevorzugen die Medien lautstarke Intellektuelle wie Noam Chomsky, der mit schlagzeilentauglicher Intensität auf seine Gegner losgeht und dabei so gut wie jeden US-Präsidenten seit dem Zweiten Weltkrieg als „Kriegsverbrecher“ brandmarkt.

Allerdings: Wie sollte die Öffentlichkeit einen Intellektuellen sonst wahrnehmen, wenn nicht via Medien? 25 der Top-100-Weisen wurden von profil in den vergangenen Jahren bereits interviewt, drei weitere – Peter Sloterdijk, Slavoj Zizek und Timothy Garton Ash – schrieben für profil Essays.

Kann sich also die Welt im Großen und Ganzen an ihrer Riege der „Most Intellectual People“ ebenso erfreuen wie an den „Most Beautiful People“, von ein bisschen Sexismus mal abgesehen?

Nein. Denn die Intellektuellen-Liste weist einen wesentlichen Mangel auf. Sie verheimlicht, dass der Abstieg von Marxismus und Psychoanalyse nicht der einzige Trend ist, der die Geisteswelt beherrscht. Die bestimmende Strömung, deren globaler Einfluss weit größer ist als die eleganten Tiraden der Chomskys, Hitchens’ und Kleins, ist der Islamismus, genauer: die Neu-Interpretation des Koran als radikal-politische Handlungsanleitung.

Die Liste der Männer, die mit dieser Idee in den vergangenen Jahren die Welt verändert haben, erstellen keine klugen Denker-Magazine, sondern die westlichen Geheimdienste: Osama Bin Laden, saudiarabischer Islamist, dessen bisher veröffentlichte Statements demnächst als Buch erscheinen; Ayman al-Zawahiri, ägyptischer Ideologe der al-Qa’ida; Maulana Sami ul-Haq, pakistanischer Gelehrter, dessen Seminar die „Universität des Dschihad“ genannt wird; Abu Qatada, aus Jordanien stammender radikaler Prediger des Islamismus in Großbritannien. Die Liste ist lang.

Diese Männer werden gesucht oder sitzen bereits in Haft. Sie werden vieler Verbrechen beschuldigt. Sie befürworten Terror. Dennoch handelt es sich zumindest bei einigen von ihnen um genuine Denker, die an einer Ideologie arbeiten, die viele Menschen erreicht.

„Prospect“-Chefredakteur David Goodheart versucht, eine Grenze zu ziehen, die islamistische Denker aus dem Kreis der Intellektuellen ausschließen soll. Sie seien „intellektuell nicht kreativ“, weil ihre Koran-Interpretation durch Buchstabenglauben charakterisiert sei, und er hält sie für „primär politische Terroristen“ (siehe Interview). Doch diese Argumente befriedigen nicht. Auch Paul Wolfowitz ist primär ein politisch handelnder Weltbank-Chef, und der Buchstabenglauben hindert den Papst nicht daran, sich auf der Intellektuellen-Liste wiederzufinden.

Gut und Böse können keine Kriterien für intellektuelle Tätigkeiten sein. Bestimmt wäre es peinlich gewesen, wenn Osama Bin Laden oder einer seiner Mitstreiter an prominenter Stelle im Ranking gelandet wäre, aber schließlich waren auch Hitler und Stalin schon „Mann des Jahres“ des US-Magazins „Time“.

Die Islamisten würden die Frauenquote weiter senken, den Begriff des Intellektuellen arg in Verruf bringen und womöglich in den Augen der entsetzten Öffentlichkeit scheinbar den Terror legitimieren. Also darf ein Islamist nicht Top-Intellektueller werden, egal, ob es der Realität entspricht. Eher löst Noam Chomsky Julia Roberts als Nummer eins der „Most Beautiful People“ ab.

Von Sebastian Heinzel und Robert Treichler