Der Adel und die Nazis, Teil 2:
Reich im Reich

Verlierer oder Gewinner? Anbiederung an die neue nationalsozialistische Herrschaft der Gemeinheit oder Gegnerschaft?

Für Ernst August Herzog zu Braunschweig und Lüneburg war das keine Frage. Der Herzog aus dem Geschlecht der Welfen – nach eigener Darstellung ist es das älteste Fürstenhaus Europas – erhob den rechten Arm zum „Führergruߓ und zeigte sich bei Empfängen in SA-Uniform. Im oberösterreichischen Gmunden, wo er ausgedehnten Besitz hat, war die NS-Kreisleitung angetan: „Er bejaht den nationalsozialistischen Staat, die Kinder gehören einer nationalsozialistischen Jugendorganisation an.“ Solcherart empfahl sich der Herzog in der „Ostmark“ als vertrauenswürdiger Ariseur.
Enkel Ernst August Prinz von Hannover, vermählt mit Caroline von Monaco, bereitet die Geschichte des strammen Großvaters bis heute Probleme. Im Zuge der Arisierung hatte der 1942 die Mehrheit am österreichischen Bauunternehmen Porr AG erworben. Die Porr AG baute in Auschwitz für die IG Farben, das Konzentrationslager stellte die Arbeiter. Ab 1944 war die Porr AG im Konzentrationslager Gusen II tätig, mit KZ-Häftlingen wurden Stollen für die unterirdische Rüstungsproduktion errichtet. Wieweit der Herzog davon unterrichtet war, ist offen, die historische Einordnung jedoch eindeutig. Zeitgeschichter Bertrand Perz bezeichnet die Porr AG als „in die gewaltsame Expansion des NS-Staates involviert“.

Adel und Nationalsozialismus waren zwei Welten. Der deutsche Historiker Stephan Malinowski zerstörte in seinem Werk „Vom König zum Führer“ im Vorjahr die Legende, Hitler-Attentäter Graf Stauffenberg habe die typische Haltung Adeliger zum Dritten Reich verkörpert. Malinowskis Forschungen dokumentierten die vielfache Wahlverwandtschaft klar: Selbst Familien des deutschen Hochadels wie Hohenlohe stellten zahlreiche Parteimitglieder. In Österreichs Adel traf das neue „Führertum“ auf große Reserviertheit und aktiven Widerstand. Doch Adelige zählten auch zu jenen, die dem NS-Regime als illegale SA- und SS-Anführer den Weg ebneten, einige waren aktiv an Judendeportationen beteiligt (Titelgeschichte „Der Adel und die Nazis“, profil 22/04). Auch die Wirtschaftsmaßnahmen des NS-Regimes spalteten die adelige Gesellschaft: Angehörige von Adelshäusern beteiligten sich an der „Entjudung“ im Dritten Reich. Andere wurden Ziel umfangreicher Enteignungen durch die NS-Machthaber.

Kapitalkräftig. Der Herzog von Braunschweig stieg bereits im Sommer 1938 in das Rennen um ein österreichisches Vorzeigeunternehmen ein: die „Garvenswerke“, spezialisiert auf hochwertige Pumpen, weltweiter Exporteur und als wichtiger Devisenbringer das erste Unternehmen, das die NS-Machthaber arisieren wollten. Das Inhaber-Ehepaar Ella und Alfred Götzl bewohnte auf der Wiener Hohen Warte jene Villa, die später österreichische „Präsidentschaftsvilla“ werden sollte.
Der Herzog von Braunschweig veranschlagte sein Investment in die „Garvenswerke“ mit 1,5 Millionen Reichsmark und deponierte: „Mittel werden vorgestreckt durch das Gesamthaus Braunschweig-Lüneburg, dessen Chef ich bin.“

Den Zuschlag bekam jedoch ein Mitbewerber aus ebenfalls bekanntem Adelshaus: der Großgrundbesitzer und Industrielle Georg Graf Schönborn-Buchheim. Der war zwar nicht Mitglied der NSDAP. Für „den arischen, kapitalkräftigen und in der Industrie sehr bewanderten Herrn Georg Graf Schönborn-Buchheim“ votierte jedoch der damals noch nicht auf großdeutsche Linie gebrachte Bund der österreichischen Industriellen.

Das Ehepaar Götzl konnte emigrieren, der Großteil des Erlöses aus dem Zwangsverkauf von Werk und Villa ging auf Sperrkonten zugunsten des Dritten Reichs. 1948 wurde zwischen Schönborn-Buchheim und dem ehemaligen Besitzer des Unternehmens ein Vergleich unterfertigt. Vier Jahre später bestätigte der in Australien lebende Alfred Götzl, „dass nunmehr kein Saldo mehr zwischen uns besteht“, und schloss mit besten Empfehlungen an „Seine Hochgeboren“.
Über Strohmänner ließ ein anderes Großunternehmen in adeligem Besitz Betriebe jüdischer Eigner aufkaufen: die Elbemühl AG, an der Fürst Franz Josef von Liechtenstein 99 Prozent der Aktien hielt. Der große Papierproduzent war vom massenhaften Verbot auf dem Drucksektor 1938 besonders schwer getroffen. Als Ersatz wurden aus jüdischen Zwangsverkäufen Papierproduktionen sowie zahlreiche belletristische und Theater-Verlage erworben. In einer Festschrift 1940 hieß es, nun werde „den ostmärkischen Dramatikern eine im Rahmen des größeren Reiches wesentliche Heimstatt“ aufgebaut.

Großariseur. Die Einkaufwelle des Konzerns – im Aufsichtsrat saßen die Prinzen Hans und Ulrich Liechtenstein – stieß selbst bei seinen Direktoren auf Widerspruch. Einer von ihnen empfahl Gauleiter Josef Bürckel, „den Fürsten zu veranlassen, die Druckereien an die NSDAP abzugeben“. Als Begründung schrieb er, die Mutter des Fürsten sei eine Erzherzogin aus dem Hause Habsburg. Bürckel entsprach dem denunziatorischen Schreiben nicht. Einer der „arisierten“ Verlage befand sich noch in den sechziger Jahren im Besitz der Elbemühl AG.

Das Resümee im Historikerbericht der Republik über die NS-Zeit: „Der Fürst von Liechtenstein als Eigentümer der Elbemühl AG profilierte sich gerade auch wegen seiner Schwierigkeiten, in die er durch den ,Anschluss‘ und seine politischen Folgen geraten war, als erfolgreichster ,Groß-Ariseur‘ auf dem Papiersektor.“

Hilda Gräfin Attems ordnete sich in die NS-Gemeinschaft mit den Worten ein: „Meine politische Einstellung war schon seit dem Jahre 1930 nationalsozialistisch und war ich schon lange vor dem Umbruch illegales Parteimitglied.“ – Sie bewarb sich 1939 um die Antiquitäten- und Kunsthandlung des Ignatz Pick in der Wiener Landesgerichtsstraße. Bisher, so die 49-Jährige, sei sie nur kunstgewerblich tätig gewesen, ihre Kunstkenntnis habe sie auf Reisen mit dem Vater nach Italien und Dalmatien erworben. Mit Gräfin Attems trat Maria Korb-Weidenheim als Käuferin auf, auch sie stellte sich als „illegales Parteimitglied“ vor. Als Kaufpreis für die Kunsthandlung wurden rund 19.000 Reichsmark festgesetzt, Stücke wie drei Makart-Skizzen waren im umfangreichen Inventar mit zwei Reichsmark bewertet. Ignatz Pick verstarb 1941 mittellos im Rothschild-Spital. Seine Erben wurden 1948 in einem Vergleich mit 68.000 Schilling abgefunden. Wiens Kulturstadtrat Andreas Mailath-Pokorny stellte im Vorjahr fest, dass sich bis heute Werke aus der privaten Kunstsammlung von Ignatz Pick in städtischen Sammlungen befinden.

Zuverlässig. Der Dichter Heimito von Doderer (NSDAP-Mitgliedsnummer 1.526.987 aus dem Jahr 1933) arisierte im Mai 1938 das Atelier des Werbetexters Gregor Sebba in Wien-Josefstadt. Prinzessin Marie Fürstenberg erstand 1939 ein Haus in Wien-Wieden, zu dessen Verkauf Adele Fischel, Tochter eines Mitbegründers der Hirtenberger Patronenfabrik, gezwungen war. Nora Gräfin Herberstein und Elsa Thurn-Valsassina arisierten 1940 das Anwesen der Alice Winter in der Chimanistraße 3 in Wien-Döbling.

Die Liste adeliger Ariseure ließe sich fortsetzen. Jeder von ihnen wurde dem unterzogen, was die Nazis unter Prüfung der politischen Zuverlässigkeit verstanden. Melanie Habsburg-Lothringen, geborene Reichsfreiin von Risenfels, bewarb sich am Silvestertag des Jahres 1941 um „käufliche Erwerbung einer jüdischen Liegenschaft von Friedrich Israel Karbach“ in Wien- Alsergrund. Über Melanie Habsburg befand ein NS-Blockleiter. Er beschrieb sie bis in ihre intimsten Usancen und nannte ihre Spenden für die NS-Volkswohlfahrt „im Verhältnis zu ihrem Einkommen fast lächerlich“. Der Kauf wurde bewilligt. Friedrich Karbach und seine Frau Anna starben im KZ Theresienstadt. 1951 wurde ein Rückstellungsantrag seiner Kinder endgültig abgelehnt.

Allein für Wien schätzte die Historikerkommission unter ihrem Vorsitzenden Clemens Jabloner den Wert arisierten Liegenschaftsbesitzes auf umgerechnet rund eine halbe Milliarde Euro. Als Nutznießer wurde in erster Linie der traditionelle Mittelstand Wiens bezeichnet. Der Anteil Adeliger ist nicht quantifizierbar.

Enteignet. Ebenso wenig erfassbar ist der Umfang, in dem Adelige während der NS-Zeit enteignet wurden. Öffentliche Aufmerksamkeit hat in jüngster Zeit das Haus Habsburg auf sich gezogen: Als letzter dreier konkurrierender Gruppen im ehemaligen Erzhaus hat Karl „Kari“ Habsburg, der älteste Sohn von Familienchef Otto, die Rückgabe von Schlössern und Wäldern des habsburgischen Familienversorgungsfonds gefordert.

Eine der größten Enteignungen hatte die Erzherzöge Ernst und Max von Hohenberg betroffen. Sie waren am 1. April 1938 ins KZ Dachau deportiert worden, und das „Deutsche Reich“ bemächtigte sich ihrer ausgedehnten Domäne Eisenerz-Radmer in der Steiermark. An der politischen Verfolgung der Brüder gab es keinen Zweifel. Die Kommandantur des KZ Sachsenhausen hatte am 12. April 1943 bestätigt: „Der Häftling Ernst von Hohenberg hat vom 23.3.40 bis zum heutigen Tage im Konzentrationslager eingesessen. Ihm wurde aufgegeben, sich sofort bei dem Leiter der Stapo-Leitstelle Wien zu melden.“ Für die Rückgabe des fast 20.000 Hektar großen Besitzes setzte sich Minister Peter Krauland ein, 1949 wurden die Hohenbergs wieder Eigentümer.

Wie brisant die Verwicklung Adeliger in der Geschichte war, zeigte sich in den fünfziger Jahren an der Rückgabeforderung Ernst Rüdiger Fürst Starhembergs. Auf Starhembergs Besitz in Linz war eine Kaserne für die „SS-Totenkopfverbände“ errichtet worden (heute Auhofkaserne). Nach massivem Druck der SPÖ – für die der ehemalige Heimwehrführer und Vizekanzler eine Zentralfigur des Austrofaschismus war – verwehrte 1952 die so genannte „Lex Starhemberg“ jede Rückgabe. Die Novelle wurde vom Verfassungsgerichtshof aufgehoben. 1962 bekam der Sohn des inzwischen Verstorbenen nach langem juristischem Kampf einen Großteil des 18 Hektar umfassenden Grundbesitzes zurück, der Rest wurde mit 80 Schilling je Quadratmeter entschädigt. Im Bericht der Historikerkommission schreiben dazu Peter Böhmer und Roland Faber: „Das war ein durchaus realistischer Verkaufswert und für Starhemberg keineswegs ungünstig.“

Feindvermögen. Carl Maria Graf von Abensperg-Traun lebte bis 1938 das Leben eines gut situierten Großgrundbesitzers und passionierten Jägers: Sein „Gut Wiesen“, knapp 500 Hektar Wald in der Lobau, war seit 1638 in Familienbesitz. NS-Führer Hermann Göring „besichtigte“ das Revier und gab Auftrag, es zu kaufen, allenfalls zu enteignen. Abensperg-Traun sah keinen Ausweg, verkaufte und erwarb mit dem Erlös eine Liegenschaft in Wien-Mariahilf – sie hatte dem Gewerkschaftsbund gehört und war von der „Deutschen Arbeitsfront“ (DAF) enteignet worden. Wie viele andere, die von der DAF gekauft hatten, musste Abensperg-Traun diese Immobilie entschädigungslos zurückstellen. Seine Forderung auf Rückgabe von „Gut Wiesen“ blieb erfolglos. Die Finanzprokuratur stellte zwar fest, dass Abensperg-Traun es „nur unter den Ereignissen des Jahres 1938 verkauft hat“, bot aber lediglich 500.000 Schilling als Entschädigung an. Ende 1959 wurde der Vergleich perfekt. In ihm verzichtete die Familie auch auf die Begehungs- und Abschussrechte in ihrem ehemaligen Revier in der Lobau.

Eines der abenteuerlichsten Kapitel in der Geschichte Adel und Nationalsozialismus schrieb Leopold Freiherr von Popper-Podhragy. Sein aus jüdischer Familie stammender Großvater wurde als größter Holzindustrieller der Monarchie geadelt, das Vermögen betrug rund zehn Milliarden Goldkronen. Den 1918 abgesetzten Kaiser Karl kannte er aus einem der Clubs, in denen man einander in k. u. k. Zeiten traf, dem Automobil- und Aeroclub. Popper-Podhragy wurde zu einem der führenden Legitimisten und mehrmals von der Gestapo verhaftet, einem Hochverratsprozess entging er 1939 durch Flucht. Der Familie gehörten das Bankhaus Korti & Co, Grundstücke in Baden und fast der halbe Schafberg in Wien. Die Nazis erklärten den Besitz zum „Feindvermögen“ und zogen ihn über ein Pflegschaftsverfahren ein. Das frühere Bauland auf dem Schafberg wurde von Wiens NS-Bürgermeister in Grünland für Schrebergärtner umgewidmet. Nach 1945 bekam Popper-Podhragy die Gründe samt den Pachtverträgen der Kleingärtner zurück und verkaufte sie zum Lebensunterhalt sukzessive ab. Auch die Gemeinde Wien kaufte – und widmete danach einen Teil wieder in teures Bauland zurück. Entschädigung für die Wertminderung wurde abgelehnt. Mitte der sechziger Jahre beschied die Gemeinde: „Die 1939 durchgeführte Umwidmung der Baulandflächen ist zweifellos unter unglücklichen politischen Umständen erfolgt, sie liegt aber durchaus auf der Linie, die heute ebenso wie früher verfolgt werden muss.“ Leopolds 40-jähriger Sohn Johannes Popper-Podhragy fordert jetzt Entschädigung als NS-Opfer. Zur schillernden Vergangenheit seines Vaters zählt nicht nur die Ehe mit der umjubelten Kammersängerin Maria Jeritza. Sie beinhaltet auch die Arbeit in einem Geheimdienst bis 1938 und Widerstand in der Emigration.

Auf der Liste österreichischer Adeliger, auf deren Besitz der NS-Staat griff, stehen viele weitere bedeutende Namen. Die Freiherren Alphonse und Louis Rothschild, die als Einzige aus dem jüdischen Adel der „Hofgesellschaft“ angehört hatten und deren Großbesitz als einer der ersten beschlagnahmt worden ist. Fürst Adolphe von Schwarzenberg – aus dem Ertrag seiner Güter wurde das neue Theater in der „Führerstadt“ Linz gebaut.

Johannes Popper-Podhragy ist außer dem Archiv wenig von seinem Vater geblieben: „Ich setze jetzt Teil für Teil der Geschichte zusammen, in der man uns so viel vorbehalten hat.“

Literatur: Böhmer/Faber: „Die Erben des Kaisers“, Ueberreuther, 2004; Böhmer/Faber: „Die österreichische Finanzverwaltung und die Restitution entzogener Vermögen“, Oldenbourg 2003; Felber/Melichar/Priller/Unfried/Weber: „Ökonomie der Arisierung. Teil 2“, R. Oldenbourg Verlag (erscheint im Sommer); Sophie Lillie: „Was einmal war“, Czernin Verlag 2003; Walzer/Templ: „Unser Wien“, Aufbau-Verlag 2001.

Nächste Woche: Adelige als Informanten der Gestapo