Der Angekommene

Wie man einen Big Boss richtig darstellt – eine Anleitung.

„Ich bin Hamlet, wenn ich Hamlet spiele“
Oskar Werner

Falls Sie immer schon einen Weltwirtschaftsboss spielen wollten, sich aber nicht zu fragen trauten: Hier finden Sie eine Anleitung in leicht fasslichen Schritten.
Auf die unvermeidliche Frage der Nörgler, ob ich als Journalist und daher Hungerleider legitimiert sei, den Weg zu Macht und Reichtum zu weisen, antworte ich: Selbstverständlich. Um ehrlich zu sein: Ich kenne keinen Befugteren. Außerdem irritiert die Frage. Kein Wegweiser geht den Weg, den er weist.

Nur um die Zweifler zu besänftigen: In den siebziger Jahren gefiel es den Aktionären, mich in die Führung des „trend“ zu rufen. Mein Dank lag weniger in harter Arbeit. Ich ging unverzüglich auf Weltreisen, von denen ich bis heute nicht zurückkehrte. In Europa, Amerika und Asien würde ich finden, was mich an der Wirtschaft einzig interessierte: die Typen, die es geschafft hatten. Und zwar so richtig, bis ganz nach oben, im Weltmaßstab. Ich hielt es wie Vladimir Nabokov mit seinen Schmetterlingen: je berühmter das Tier, desto lieber.
Heute kenne ich viele von ihnen. Ich weiß jetzt, wie man wenigstens an jeden Dritten herankommt, verrate es aber nicht. Hingegen erkläre ich gern das homogene Muster, nach dem die meisten Weltwirtschaftsführer gestrickt sind.

Lektion 1: Luxus & Dienstleistungen zählen zu den Fallen, in die Amateur-Darsteller tappen. Beispielsweise die vielen Mittelmanager, die in Gegenwart von Frauen gerne Weltspitze-Topmanager spielen. Sie verhalten sich dramatisch falsch. Nämlich so, wie sie das Verhalten der wirklich Großen vermuten: von oben herab. Schwerer Fehler. Die Amateure geben sich im gelegentlichen Luxus von Business-Class, Hotelsuite oder Stretch-Limousine übertrieben heimelig. Als Parvenus behandeln sie Chauffeure und Kellnerinnen schlecht. Sie lassen sich während des Dinners anrufen und krähen ins Handy: „Man wird von meinen Anwälten hören.“ Eine Lachnummer, mit der man sich bis zur Kenntlichkeit enthüllt als einer, der noch einen weiten Weg vor sich hat. Bis auf wenige Ausnahmen sind die wirklich Angekommenen eher genügsam. Vor allem sind sie nur zu anderen Mächtigen schroff, ansonst freundlich, ohne peinlich jovial zu wirken, und eher leise.

Die zwei Leisesten und Höflichsten, die ich kennen lernte: Benoit Mandelbrot, Erfinder der Fraktalen Geometrie, der durchs IBM-Headquarter in Armonk, Vermont, wie ein großväterlicher Diener wandelte, und Karl Kahane, einer unserer Industriellen von Weltformat. Allerdings: Mandelbrot wurde totenbleich, wenn er einen dummen Satz hörte. Noch dramatischer war Kahanes Metamorphose: Eben noch hatte er mit einer wunderbaren, beinah versunkenen Höflichkeit den Sessel des weitaus jüngeren Besuchers zurechtgerückt, um sich dann, als ihm dieser einen Wunsch nicht erfüllen mochte, zu verwandeln. Das kleine Kaminzimmer im Herzen seiner Privatbank wurde zur Tropfsteinhöhle. Die Aura des zierlichen alten Herrn fror zum Schrecken des Eises und der Finsternis.

Lektion 2: Weltspitze ohne Leidenschaft für den Unternehmensgegenstand ist undenkbar. So wie im Öl eines Gemäldes von Franz Ringel alles drin ist, was man als Freund von ihm zu wissen glaubt, ist bei den Big Bosses das Unternehmen im Blut gelöst. Das hat etwas von Obsession und manchmal die seltsamsten Folgen.

Auch dazu zwei Beispiele. In einem der ersten Interviews, die Bill Gates gab, war er nicht so souverän wie heute. Kritik an Microsoft tat ihm noch so weh, dass er sich wie geistesgestört die Arme gekreuzt vor die Brust warf und aus der Hüfte vor- und zurückpendelte. Manuel Cutillas zeigte seine Obsession anders. Als CEO des weltweit größten Spirituosenherstellers Bacardi trank er im „Bella Vista“ zu Nassau, Bahamas, immer ein großes Glas des alten, braunen Luxus-Bacardis, obwohl er davon zuverlässig ohnmächtig wurde. Der Gedanke, zum Digestif beispielsweise ein leichtes Campari-Soda zu wählen, war ihm fremd.

Lektion 3: Die wirklichen Weltspitzen unter den Führungskräften sind zwar kaum zu bremsen, wenn sie über ihr Produkt philosophieren. Noch lieber aber hören sie zu – aus angelernter Klugheit. Sie wissen: Ihre Zeit ist knapp. Wenn sie selbst reden, hören sie ex logo nichts Neues. Lehre daraus: Spielen Sie den guten Zuhörer, wenn Sie einen Top-Boss darstellen wollen. Oder erzählen Sie gute nützliche Geschichten, wenn Sie sein Herz oder seine Brieftasche gewinnen wollen.

Das ist mir nicht immer gelungen, aber gottlob bei zwei Wichtigen. David Ogilvy, unter den Pionieren der Werbung der Einzige, dessen Name frisch blieb, litt mich ein ganzes Wochenende in seinem französischen Schloss Touffou, weil wir fast kein Wort über Werbung verloren, sondern über Adam Smith (den er als Schotte liebte), Karl Marx und französische Maler sprachen. Der Zweite war Ryuzaburo Kaku, der legendäre Canon-Präsident, der zur Verblüffung seiner Mitarbeiter unser Dinner ausdehnte bis Mitternacht, weil wir nicht über Kameras und Kopierer sprachen, sondern über siebzehnsilbige Haikus und die komplizierte Kleiderordnung bei japanischen Liebesakten, wie sie die Holzschnitte zeigen.
Daraus leiten wir den vorletzten Tipp ab: Die Angekommenen und Abgehobenen reden gern auch übers elementare Leben, das ihnen fast schon verloren ging.

Letzter Tipp, um glaubwürdig einen Big Boss darzustellen: Spielen Sie einen Psychosomatiker und Hypochonder. Wenn man so viel erreicht hat, fällt man tief und glaubt, besonders viel zu verlieren, wenn man krank wird und stirbt.