Der AUA-Skandal: Wie die ÖIAG die Privatisierung manipulierte

Dienstag vergangener Woche: Bei der mit der Abwicklung der AUA-Privatisierung befassten Investmentbank Merrill Lynch werden zu Mittag die verbindlichen Angebote der drei verbliebenen Bieter um die AUA-Anteile der staatlichen Industrieholding ÖIAG erwartet.

Die deutsche Lufthansa legt fristgerecht eine schriftliche Offerte für die sanierungsbedürftige österreichische Fluglinie. Auch der französisch-niederländische Luftfahrtkonzern Air France-KLM sendet ein Schreiben, allerdings ohne Angebot.

Air-France-Generaldirektor Jean-Cyril Spinetta erteilt der ÖIAG darin eine Absage. Das fünf Seiten umfassende Schriftstück macht deutlich, was bei der Mitte August eilig beschlossenen Privatisierung falsch gelaufen ist: Nicht alle Bieter sind gleich behandelt worden.

Dabei hätte alles so glatt laufen können. „Nach drei Wochen Due Diligence und Diskussionen mit AUA-Führungskräften wurden unsere ursprünglichen Ansichten bestätigt: Aus strategischer Sicht bedeutet eine Kombination von Austrian Airlines und Air France-KLM eine interessante Gelegenheit für beide Parteien“, resümiert Spinetta gleich zu Beginn seines Schreibens an die ÖIAG, das profil vollständig vorliegt. Und es wird noch besser: „Ansehen, Management und Geschäftsmodell von Austrian Airlines würden gemeinsam mit dem von Air France-KLM eine führende Kraft in der globalen Luftfahrtindustrie erzeugen.“ Mehr noch: „Innerhalb der vergrößerten Gruppe wäre Air France-KLM bereit, Austrian Airlines eine führende Rolle in Zentral- und Osteuropa sowie in gewissem Umfang auch in Zentral­asien und dem Mittleren Osten zu geben.“ Von den bei einem Zusammenschluss errechneten finanziellen Synergien würden darüber hinaus rund 70 Prozent bei der AUA liegen – und das vor allem durch Umsatzsteigerungen. Auch der Flughafen Wien würde nach Ansicht Spinettas von einer Übernahme der AUA durch Air France-KLM nachhaltig profitieren und „eine prominente und einzigartige Rolle in dieser rasch wachsenden Region spielen“.

Die Hymnen auf AUA und den Standort Wien werden aber von harscher Kritik am Bieterverfahren überschattet. Spinetta lässt in seinem Schreiben keinen Zweifel daran, warum Air France-KLM letztlich kein Angebot gelegt hat. Dem umsatzstärksten Luftfahrtkonzern der Welt wurden schlicht wesentliche Unterlagen vorenthalten. „Wie Sie wissen, fehlten einige Informationen, von denen wir glauben, dass sie entscheidend für eine tief gehende Analyse der Übernahme von Austrian wären“, heißt es wörtlich. Die Liste der Unwägbarkeiten und Risiken, die Spinetta in der Folge aufzählt, ist lang. Der aus seiner Sicht wichtigste fehlende Punkt: „die Kontrakte mit der Lufthansa“. Durchaus nachvollziehbar, schließlich kann Air France-KLM wohl nur in Kenntnis bestehender Verträge der AUA mit Lufthansa und dem Luftfahrt-Bündnis Star Alliance entscheiden, ob man die AUA aus der Flugallianz herauskaufen möchte. Die Kosten eines Umstiegs auf ein anderes Netzwerk, wie es Air France-KLM mit Sky Team anführt, werden alleine auf rund 100 Millionen Euro taxiert. Die ÖIAG hat damit Air France-KLM aber nicht nur essenzielle Informationen vorenthalten. Sie hat auch einem der Bieter einen Vorteil gegenüber der Konkurrenz verschafft. Die Lufthansa – die deutsche Airline galt übrigens schon vor Beginn des Privatisierungsverfahrens als Wunschpartner von ÖIAG-Chef Peter Michaelis – hatte als Vertragspartner der AUA natürlich zu jeder Zeit Wissen über alle wechselseitigen Abmachungen.

Das am Freitag vergangener Woche eingereichte finanzielle Gebot der Lufthansa soll sich auf gerade einmal einen Euro und die Übernahme der AUA-Verbindlichkeiten belaufen. Ein Luxus, den man sich als einziger Bieter leisten kann.

Michael Nikbakhsh, Josef Redl