Der Aufsteiger

Auch wenn einer seine Chancen nützt, soll er seiner Kaste nicht entkommen.

Der Parteivorsitzende hat, heißt es, etwas Parvenühaftes. Ein Parvenü ist ein Aufsteiger, ist einer, der es aus Eigenem zu etwas gebracht hat, im Gegensatz zu denen, deren Altvordere es bereits zu etwas gebracht haben.

Also. Der Parvenü kennt sich aus mit edlen Weinen, obwohl seine Alten vermutlich bestenfalls einen weißen Spritzer von einem Radler unterscheiden können. Das hat etwas Belächelnswertes, weil edle Weine eigentlich für edle Konsumenten bestimmt sind.

Edel ist der Mensch nicht infolge persönlicher Verdienste, sondern infolge genetischer Lagerung in alten Familien, deren Noblesse darin besteht, dass sie sich schon vor Generationen einen Platz an der Sonne gesichert haben (mit welchen Methoden, wird nicht diskutiert).

Der Parvenü gibt den Feinschmecker, was wahrscheinlich eine Heuchelei ist in Anbetracht seiner herkunftsbedingt sicherlich groben Geschmacksnerven und ganz bestimmt ein Verrat an den Würstelständen, an denen seinesgleichen normalerweise verkehrt.

Die Outfits des Parvenüs sind insofern egal, als sie so oder so peinlich sind, entweder weil Maßgeschneidertes in seinem Fall eine Anmaßung darstellt oder weil seine schlecht sitzenden Anzüge zeigen, dass er auf Hacklerklamotten geprägt ist.
Der Parvenü soll angeblich hochintelligent, hochgebildet und geistreich sein. Soll sein. Das soll signalisieren: Nix Genaues weiß man nicht. Was man wissen will und demzufolge zu wissen vermeint, ist, dass er in puncto Lifestyle die Grenzen seiner Kaste überschreitet. Zu dieser Grenzüberschreitung gehört auch sein Umgang mit der intellektuellen Schickeria, der, bei allem Verständnis für möglichen Lustgewinn durch Gedankenaustausch mit Gleichgebildeten, ja doch eine egoistische Distanzierung von der schlichten Welt seiner Kindheit bedeutet. Das ist einfach nicht nett, wenn einer wie der lieber mit einem – womöglich berühmten! – Künstler über Kunst plaudert, statt mit erdigen Typen erdige Sprüche zu wechseln.

Wenn ein anderer, dessen Altvordere sich schon teure Weine leisten konnten, edle Tropfen trinkt, dann zeugt das von Lebensart. Und wenn so einer einen weißen Spritzer nicht von einem Radler unterscheiden kann, dann zeugt auch das von Lebensart, weil nämlich alles, was so einer tut oder nicht tut oder nicht kann, immer vor dem Hintergrund des guten Stalls gesehen werden muss, der ihn als höherwertiges Zuchtprodukt ausweist. So einer darf sich von den einfach Gestrickten distanzieren, sogar wenn er selber einfach gestrickt im Geiste ist, weil die Zugehörigkeit zu seiner Kaste ja nicht durch Geistesleistungen, sondern kraft Geburt erworben wird.

Das Aufsteigerverhalten des Parvenüs wird milder beurteilt, wenn er politisch dort unterschlüpft, wo der Erhalt des Kastenwesens angesagt ist, denn dann ist es Mimikry, die die Bejahung des Kastenwesens signalisiert, während es andernfalls, wenn der Parvenü sich politisch der gesellschaftlichen Veränderung verpflichtet hat, zum Territorialanspruch wird.

Natürlich herrscht ja eigentlich längst Chancengleichheit bei uns! Unsere Chancengleichheit geht so: Hier hast du deine Chancen, aber auch wenn du sie nützt, kannst du deiner Kaste nicht entkommen.

Tatsächlich könnte man fragen, ob oder wie sehr die Politik der Partei, die sich der gesellschaftlichen Veränderung verpflichtet hat und der der Vorsitzende vorsitzt, der Erreichung von egalité und liberté bzw. der Befreiung durch Egalität dient (Egalität im Sinne der Abschaffung des Kastenwesens) – aber diese Frage wird nicht gestellt.
Der medialen Berichterstattung (und dem öffentlichen Diskurs) geht es nicht um die Erreichbarkeit von liberté durch egalité, weswegen es gleichgültig scheint, ob über dem Konsum bürgerlicher Genüsse politische Ziele aus den Augen verloren werden oder nicht. Stattdessen wird die Aufgabe politischer Ziele einfach behauptet, und als Indizien werden genannt: gut essen, gut trinken, selbstbewusst auftreten. Und obwohl dem Aufsteiger damit persönlicher Verrat an seinen politischen Zielen vorgeworfen wird, schließt dieser Vorwurf keine allgemeine Wertschätzung der angeblich aufgegebenen Ziele mit ein. Im Gegenteil, indem der Vorsitzende zum Möchtegernüberläufer gestempelt wird, wird zugleich behauptet, dass der Mensch das Kastenwesen brauche, und sei es nur dazu, um sich nach der Zugehörigkeit zu einer höheren Kaste zu sehnen.

Dass der Parvenü männlich ist, ist übrigens kein Zufall. Der Aufsteiger mag nicht angesehen sein, doch die Aufsteigerin ist so gut wie nicht vorgesehen, einmal aus Gründen des Kastenwesens und zusätzlich aus Gründen des Geschlechts. Zwar kommt es vor, dass Mädchen aus armen Verhältnissen mehr erreichen, als ihnen an der Wiege gesungen wurde, aber trotzdem werden sie in der gesellschaftlichen Hierarchie nicht einmal benannt. Die Aufsteigerin ist keine eigene Kategorie. Nach wie vor wird unter gesellschaftlichem Aufstieg für Frauen die Einheirat in eine höhere Kaste verstanden (wobei geflissentlich unterschlagen wird, dass üblicherweise höhere Söhne höhere Töchter ehelichen), nicht aber, dass Arbeitertöchter sich an die Spitze von Parteien setzen.

Zurück zum Parteivorsitzenden und ohne Schmäh: Dass seine politischen Qualitäten diskutiert werden, ist nicht nur legitim, sondern demokratisch notwendig. Ihn darauf zu reduzieren, dass er ohne silbernen Löffel auf die Welt kam, ist jedoch überflüssig und mies.