Der Austro-Serbe Marko Miloradovic über sich, die FPÖ und seine Heimat

Hunderte E-Mails, Blog-Einträge und Facebook-Messages: Mit dem profil-Leserbrief über seine Heimat Österreich traf Marko Miloradovic einen Nerv. Wer ist der junge Austro-Serbe?

Ich muss das loswerden. Weil ich ansonsten das Gefühl habe, dass mich dieser Brand, der sich beim Lesen der Zeitungen in mir entzündet hat, verbrennen könnte. Und deswegen muss ich dieses Gefühl wegschreiben, weil ich es leid bin zu schweigen.“

Ein Packerl Marlboro lag auf dem Tisch neben seinem MacBook, eine Zigarette verglühte gerade im Aschenbecher, als Marko Miloradovic im Innsbrucker Künstlercafé Treibhaus aufgebracht in die Tasten hieb: Die Kandidatur von Barbara Rosenkranz wollte er nicht hinnehmen, ihr Verhältnis zum Verbotsgesetz, ihr Herumgeeiere beim Thema Gaskammern, ihre fehlende Distanzierung zu den rechten Reden ihres Mannes. Vor allem aber, dass das dritte Lager den Begriff „Heimat“ besetze und ihm, einem Österreicher mit serbischen Wurzeln, das Recht darauf verwehre: „Ich will auch stolz sein dürfen auf meine Heimat, ich will ein Patriot sein, ohne dafür ins rechte Eck gestellt zu werden. Ich will die Berge hier genauso lieben dürfen wie jeder andere Österreicher.“

Wie vielen er mit seinem Leserbrief , abgedruckt im profil vor zwei Wochen, aus der Seele sprach, ahnte er damals noch nicht: Seit der Veröffentlichung erreichten ihn hunderte E-Mails und Gratulationen auf ­Facebook. Sein Leserbrief wurde in Online-Foren gepostet und auf Blogs kommentiert. Der Publizist Robert Misik verlas ihn in seinem Video-Blog auf der Homepage des „Standard“. Marko Miloradovic wurde über Nacht zum Helden im Web 2.0.

Der Innsbrucker hatte aus seiner Meinung noch nie ein Hehl gemacht.
Nicht in der Familie, nicht im Freundeskreis. Auch nicht an der Universität: Schon in der ersten Jus-Vorlesung legte sich der nunmehr 22-Jährige mit dem Vortragenden an, weil dieser die Fristenlösung infrage gestellt hatte und seine Studienkolleginnen nur eingeschüchtert nickten. Als Kind hatte der Austro-Serbe Karl Marx gelesen, als Teenager Bücher über Volkswirtschaft, um mehr über die Welt, in der er lebt, zu lernen. „Er war schon ein bisserl komisch als Kind“, hänselt ihn seine Mutter. „Aber lieb.“ Er wolle Gerechtigkeit, und zwar für alle, sagt er. Bereits mit 14 Jahren überlegte Miloradovic, welche Partei sein Anliegen am ehesten vertrete: Die ÖVP sei es nicht, die Grün-Wähler könnten sich selbst helfen, die FPÖ habe die falschen Werte – „blieb die SP֓, meint der Student. Als er mit 16 den Vorsitz der Tiroler Jungsozialisten übernahm, bestanden sie de facto aus ihm und seinen Stellvertretern. Mittlerweile zählen die Jusos 3000 Anhänger. Vor einigen Monaten gab Miloradovic den Vorsitz ab. „Aber auch als Privatmensch will ich nicht schweigen. Diesen Leserbrief habe ich für keine Partei, in keiner Funktion geschrieben, sondern nur für mich“, meint er und zieht an seiner Zigarette.

„Ich glaube, ich muss nicht viel über die niederösterreichische Landesrätin schreiben, (…) aber ich möchte auf etwas eingehen, was Barbara ­Rosenkranz und ihre Partei immer wieder für sich einnehmen wollen und auch bei dieser Wahl als ,Trumpf‘ ausspielen werden: die Heimat.
Ich heiße Marko Miloradovic. Ich wurde in einem Land geboren, das es nicht mehr gibt, weil es in einem brutalen Krieg auseinandergerissen wurde. Heute heißt das Land wieder Serbien. Ich bin 22 Jahre alt und lebe, seitdem ich denken kann, in meiner Stadt, in meinem Innsbruck. Ich bin Österreicher und Serbe. Für mich ist das kein Widerspruch, kein Integrationsunwille, sondern mein Leben.“

Er war noch ein Kleinkind, als seine Eltern 1991 aus Ostserbien nach Österreich flüchteten. Der Krieg war ihnen zu nahe gekommen. Ohne ein Wort Deutsch zu sprechen, begann Miloradovics Mutter bei einer Innsbrucker Eisdiele zu arbeiten; der Vater verdingte sich alsbald am Bau. Die erste Zeit im Kindergarten sei furchtbar gewesen, erinnert sich Miloradovic. Bald aber verstand er Deutsch, in der Volksschule sprach er es fließend. Mittlerweile beherrscht er nicht nur Serbokroatisch, Deutsch und Englisch, ­sondern auch Italienisch und Russisch. Jedes Jahr besucht er seine Verwandten in Serbien, lebt gern zwischen den Kulturen und in einem entsprechend bunten Freundeskreis: alteingesessene Österreicher, wie er sie nennt, und Migranten, Arbeiter und Akademiker, Moslems, Katholiken, Serbisch-Orthodoxe. „Das ist ein Vorteil für die Gesellschaft – warum ist das für manche so schwer zu verstehen? Wovor haben sie Angst?“

Miloradovic motzt wie ein Österreicher und kokettiert mit dem Machismo der Serben. „Ich bin beides. Beim Skifahren halte ich zu Österreich, beim Fußball zu Serbien.“ Österreich mache es Migranten schwer, sich einzugliedern und aufzusteigen. Als in der Volksschule Berufswünsche diskutiert wurden, zeigt der Serbe auf: Arzt. Ihm wurde gesagt, er solle doch lieber Arbeiter werden. Mittlerweile studiert er Jus. Die Kultur in Österreich liebt er nur bedingt, vieles sei rückständig: „Es gibt klare Rollenbilder, von denen nicht abgegangen wird. Identität wird über realitätsferne Dinge gestiftet: Religion, Trachtentänze und Andreas Hofer.“

Er glaubt, den Grund dafür zu kennen:
„Es wird viel von oben delegiert, wenig kommt von unten. Dadurch fehlt die Protestkultur und die Kritikfähigkeit. Wer bemängelt, gilt als Nestbeschmutzer. Auch wenn die Kritik berechtigt ist. Das führt zum Stillstand.“ Den will er auch abseits der Parteipolitik nicht hinnehmen.

„Das geht an Rosenkranz & Co: Ich werde den Teufel tun. Mein Nachname endet mit -ic, (…)Ich habe das gleiche Recht, die Berge um Innsbruck zu lieben, genauso wie ich weiter über die österreichische Fußballnationalmannschaft motzen werde. Ihr seid nicht jene, die die Heimat gepachtet haben. Die anderen sind auch noch da. Mit dem gleichen Recht nehmen wir uns die Landschaft, den Kafka, die Mentalität und nennen es ,unser‘. Wir nehmen uns auch das Recht, dieses Land und seine weit verbreitete braune Kruste zu hassen, weil wir es lieben – ohne Flagge, ohne falschen Stolz, ohne Nostalgie und ohne Rassismus.“