Der Beben-Prophet

Italien. Wenige Wochen vor dem verheerenden Erdbeben von l’Aquila traf profil jenen streitbaren Wissenschafter, der behauptet, er könne tektonische Erschütterungen voraussagen.

Von Thomas Migge, l’Aquila

Giampaolo Giuliani haust mit seiner Frau und seinen fünf Kindern in einem Zelt in einiger Entfernung von seinem Wohnhaus. Drinnen sorgt ein kleiner Ofen für Wärme, denn in den mittelitalienischen Abruzzen kann es auch im April nachts noch bitterkalt werden.
„Ich wusste ja, was kommt, und so bereitete ich mich darauf vor“, sagt der technische Assistent am staatlichen nuklearphysischen Ins­titut, das im Inneren des 3000 Meter hohen Bergs Gran Sasso untergebracht ist. Hauptstadt der Region ist das in der Nacht vom 5. auf den 6. April von einem Erdbeben der Stärke 6,3 auf der Richterskala schwer betroffene l’Aquila. Mehr als 260 Menschen kamen dabei ums Leben, tausende wurden obdachlos.
Der Mann steht jetzt im Zentrum einer Polemik, weil er das Erdbeben voraussagte. Und zwar um eine ganze Woche. Als profil ihn vor der Katastrophe in seinem Haus auf dem Gran Sasso traf, lächelten Italiens habilitierte Erdbebenexperten über den Mann, der nie an einer Universität studiert hat. Jetzt fragen sich Millionen Italiener, warum der Zivilschutz nicht auf Giulianis Vorhersagen reagierte.
„Kommen Sie mit in meinen Keller, und ich erkläre Ihnen, wie das geht“, sagte er beim Besuch von profil vor einigen Wochen, als sein Haus noch nicht von Rissen in den Wänden gezeichnet war. Auf den Tischen steht neben mehreren Computern ein 70 mal 70 Zentimeter großer Kasten mit Bleiummantelung. „Das ist das Ei des Kolumbus für Erdbebenprognosen“, frohlockte Giu­liani.
Der Kasten ist ein Gerät, mit dem Gammastrahlen erfasst werden. Der Erfinder nennt ihn „Radometer“. Damit könne er feststellen, wie viel Radon aus dem Erdboden strömt. „Dieses radioaktive Element wird in der Erdkruste erzeugt und strömt überall auf der Erde an die Oberfläche“, erklärt Giuliani. „Es ist ein geruchloses Edelgas und für die menschliche Gesundheit in hohen Dosen gefährlich.“

Im Keller. Die sechs Jahre dauernden Tests des Technikers zeigten, dass das Radometer in einem möglichst tief gelegenen Keller aufgestellt werden muss. Der Raum sollte schlecht gelüftet sein, damit das Radon ungestört aus dem Erdreich die sechs Zentimeter dicken Wände des hermetisch abgeschlossenen Bleikastens durchfließen kann. Dieser enthält ein digitales Oszilloskop, ein Messgerät zur optischen Darstellung voneinander unabhängiger Spannungen in einem zweidimensionalen Koordinatensystem.
Auf Giulianis Computerbildschirmen lassen sich anhand des so genannten Verlaufsgrafen die verschiedenen Radonströme darstellen, die aus der Erde aufsteigen. Der Erfinder misst einzig und allein den Austritt dieses Gases aus der Erde.
In den letzten Jahren hat Giu­liani in der gesamten Region Abruzzen Testserien durchgeführt, um den durchschnittlichen Radonfluss an die Erdoberfläche zu ermitteln. Im bergigen l’Aquila etwa liegt dieser Mittelwert bei 70 Becquerel pro Kubikmeter. Ein Becquerel ist ein Radioaktivitätsmesswert, der Auskunft über die Anzahl der Atome gibt, die pro Sekunde zerfallen.
„Meine Beobachtungen haben gezeigt, dass immer dann, wenn mindestens dreimal innerhalb ­weniger Stunden der Mittelwert deutlich überschritten wird, wir innerhalb der nächsten sechs
bis 24 Stunden mit einem Erdbeben rechnen müssen.“ Je nachdem wie weit der Mittelwert überschritten wird, „kann ich auch Prognosen über die Schwere des bevorstehenden Bebens treffen“.
Obwohl Italiens professionelle Erdbebenexperten Giulianis Prognosemethode als unwissenschaftlichen Unfug abtun, traten viele der von ihm prognostizierten Beben tatsächlich ein. Auch jenes Beben am 31. Oktober 2002 im ­süditalienischen San Giuliano di Puglia, bei dem 27 Kinder unter dem Dach ihrer Schule begraben wurden.
„Auch dieses Mal habe ich schon Tage vor dem Drama alle Ämter angerufen und gewarnt“, sagt Giuliani verzweifelt, „denn meinem Gerät zufolge stand zwischen dem 5. und 7. April ein schweres Beben bevor.“ Doch wieder wurde er nicht erhört, sagt Giuliani. Noch ist nicht erwiesen, ob der Wissenschafter tatsächlich rechtzeitig beim Zivilschutz anrief.
Fest steht nur, dass Guido Bertolaso, Chef des italienischen Zivilschutzes, ziemlich genau eine Woche vor dem Beben die Arbeit Giulianis öffentlich kritisierte. Dieser Tüftler aus l’Aquila sei ­einer, „der unnötigen Alarm schlägt“, denn Erdbeben, so Bertolaso, ließen sich nun mal nicht vorhersagen.
Ob der „Beben-Prophet“, wie ihn Italiens Medien nun nennen, auch in Zukunft seine Erdbebenprognosen publik machen wird? „Na klar, denn schließlich geht es doch darum, Menschenleben zu retten, und da kann ich doch wider besseres Wissen nicht meinen Mund halten!“