Der Bulle von Ybbs

Alfred Gusenbauer macht es seiner Partei nicht leicht. Nach dem Sager von Argentinien hat der Kanzler Erklärungsbedarf.

Eine der gefürchteten Fragen bei Deutsch-Schularbeiten lautete: „Was will uns der Dichter damit sagen?“ Denn mühsam ist es nachzuvollziehen, was sich jemand beim Abfassen eines auf den ersten Blick sinnentleerten Textes gedacht haben mag. Bei Äußerungen von Bundeskanzler Alfred Gusenbauer ist es oft nicht viel anders. Was mag ihm etwa durch den Kopf gegangen sein, als er im argentinischen Parlament – angeblich scherzhaft – anmerkte, er sei verwundert, hier Abgeordnete anzutreffen, jene in Österreich seien nach 16 Uhr längst nicht mehr auf ihrem Posten?
Eine knifflige Frage. Denn es kann ja niemand ernsthaft annehmen, dass just der Bundeskanzler, ein Langzeitpolitiker mit dreißig Jahren Berufserfahrung, dem dummen Vorurteil anhängt, Politiker würden nichts arbeiten, dafür aber viel verdienen. Es ist geradezu undenkbar, dass ausgerechnet er nicht weiß, wie viele Abgeordnete aus von Wien weiter entfernten Bundesländern während der politischen Saison ein Leben aus dem Koffer führen; dass ihm unbekannt ist, dass die meisten Mandatare einen „Zivilberuf“ ausüben – und das manchmal gar nicht so „nebenbei“. Auch in Gusenbauers Fraktion sitzen Angestellte, Ärzte, Anwälte, Bürgermeister und Betriebsratsobleute, die allesamt nach 16 Uhr noch den Finger krumm machen. Was bleibt somit als Erklärung für diese Äußerung? Mag sein, dass uns der Kanzler damit sagen will, er fühle sich mitunter von seinen Leuten alleingelassen, er habe das Gefühl, seine Parteifreunde säßen oft auf den Rängen und sähen zu, wie er sich abstrampelt. Möglich, dass er auf diese Weise ausdrücken will, dass ein Spitzenjob in der Politik auch eine gewisse Einsamkeit mit sich bringt.
Aber das muss er sich mit seinen Genossen ausmachen. Die werden ihm nach seiner Rückkehr aus Südamerika sicher ausreichend Gelegenheit dazu geben.

Als sich Alfred Gusenbauer vor etwa eineinhalb Jahren anschickte, das wichtigste politische Amt der Republik zu übernehmen, waren die Randbedingungen nicht schlecht: Der designierte Kanzler, ein gebildeter und sprachgewandter Mann, kannte das politische Geschäft, seine Autorität in der SPÖ war durch den Wahlsieg erstmals unumstritten. Die Wirtschaftsforscher prophezeiten fette Jahre. Unangenehmes, wie etwa die Pensionsreform, hatte schon die Vorgängerregierung erledigt.
Wenn also seine Partei heute an der 30-Prozent-Marke kratzt – und das nicht selten von unten – und ein Kanzlerbonus selbst bei genauem Hinsehen nicht auszumachen ist, dann muss das auch etwas mit Alfred Gusenbauer zu tun haben und nicht nur mit der Raffinesse, mit der ihm die ÖVP das Leben schwer macht. Genauer: damit, dass er in regelmäßigen Abständen und zur ungünstigsten Zeit in Fettnäpfe tappt (wobei dafür – zugegebenermaßen – der Zeitpunkt nie wirklich günstig ist). Nehmen wir zum Beispiel den vergangenen Dezember: Endlich hatten sich seine Umfragewerte nach gelungenen Auslandsauftritten einigermaßen verbessert, da tappte Gusenbauer in die unangenehme Upgrading-Affäre. Im Frühjahr kam die ÖVP wegen der parteipolitischen Instrumentalisierung des Innenministeriums in eine arge Bredouille – aber der Kanzler stahl ihr mit seinem „Gesudere“-Sager die öffentliche Aufmerksamkeit. Jetzt zerreißt es die Volkspartei soeben in der Frage der Gesundheitsreform – aber Gusenbauer setzt das Thema „Faulheit der Abgeordneten“ auf den Tagesplan der Zeitungen. Leicht macht es der SPÖ-Vorsitzende seinen Freunden damit nicht. Wie sollen sie ihren Wählern erklären, dass sie sich ihr Geld mit ehrlicher Arbeit verdienen, wenn selbst der Kanzler andeutet, sie seien nach 16 Uhr irgendwo, nur nicht hinter ihrem Schreibtisch? Der muss es doch schließlich wissen. Oder?

Der Schlüssel für das Verständnis von Gusenbauers Verhalten liegt in der durchaus glaubhaften Erklärung seines Pressesprechers, der Kanzler habe das doch nur „scherzhaft“ gemeint. Gusenbauer scherzt, wie er wahrscheinlich auch damals bei den Jusos gescherzt hat. Etwas grob, etwas ungerecht, aber gut genug für den kleinen Lacher nach dem SJ-Vorstand. Sicher nicht gut genug fürs internationale Parkett.
Der Kanzler sei halt sehr volksnah, wird von seiner Umgebung nach dem Hoppala von Buenos Aires als Parole ausgegeben, und es stimmt ja: Alfred Gusenbauer ist weitgehend derselbe geblieben, das Amt hat ihn kaum verändert. Manchmal arrogant, oft leutselig, die steife Kanzler­pose ist ihm jedenfalls unbequem. Er klagt über die Medien, die bloß „Haltungsnoten“ vergeben, aber nicht zum Kern der Politik vordringen würden. Das mag im Einzelfall stimmen. Aber auch die Wähler legen ihrer Wahlentscheidung nicht immer die letzten drei Novellen des Sozialversicherungs-Änderungsgesetzes zugrunde. Das mit dem Up­grading merken sie sich, den „Gesudere“-Sager auch. Die Meldung aus Argentinien muss Gusenbauer vorerst einmal mit seinen Abgeordneten besprechen.