Der Busen im Wandel der Zeit

Es beginnt mit einer einfachen Frage: Wozu Brüste? Die Antwort fängt beim Menschenaffen an, hört bei Sigmund Freud noch lange nicht auf und fügt sich leider zu keinem eindeutigen Endergebnis.

Die eigentliche Frage lautet aber ohnehin: Wozu noch ein Buch über Brüste Auch diese Frage lässt sich auf recht unterschiedliche Weise beantworten, meistens hängt das von Ausrichtung und Zielgruppe eines Verlegers ab. Paula Lambert und Helmut Ziegler bringen "Brüste. Das Buch" bei Rogner & Bernhard heraus, was schon auf einen gewissen Qualitätsanspruch hindeutet.

Dieser wird auch ohne Umschweife eingelöst, aber mit einigem Ausschweifen: In dem glänzend recherchierten, charmant formulierten (und überraschen textlastigen) Band wird mit großer Liebe zum Detail und Zug zur anschaulichen Anekdote über die Biologie, Psychologie, Kunstgeschichte und Politik des Buches informiert.

Ein (lückenhafter) Überblick:

Brüste neigen zu historischem Wachstum
Die deutsche Durchschnittsbrust misst laut dem Textilforschungsunternehmen Hohenstein aktuell 98,7 Zentimeter und damit 2,3 Zentimeter mehr als 1994 und vier Zentimeter mehr als 1983.

Frauen neigen zu historischer BH-Anhäufung
Vor 60 Jahren besaß die Durchschnittsfrau 1,2 BHs, heute immerhin 15,6.

Schaulust, historisch
Security brauchte auch die New Yorker Bankangestellte Francine Gottfried im September 1968. Schon wenige Tage nach ihrem Dienstantritt an der Wall Street hatte sich in der Gegend herumgesprochen, dass die damals 20-Jährige erstens einen bemerkenswerten Busen besaß und zweitens täglich um 13.15 Uhr zum Dienst erschien. Am 18. September nahmen rund 2000 interessierte Männer die Gelegenheit war, sich eigenäugig davon zu überzeugen, tags darauf zog das Spektakel schon 5000 Schaulustige an. Am 20. September warteten 10.000 Männer vergeblich auf ihr "Sweater Girl". Zu diesem Zeitpunkt hatte Gottfrieds Chef seiner neuen Mitarbeiterin bereits nahegelegt, heute doch besser zuhause zu bleiben. Kommentar der Betroffenen: "Ich denke, die Männer sind alle verrückt."

Schaulust, orientalisch
In Saudi-Arabien gibt es aktuell rund 7300-Lingerie-Geschäfte, in denen bis 2011 ausschließlich männliche Verkäufer tätig sein durften. Inzwischen werden auch Women-only-Fachgeschäfte toleriert, die allerdings über den erheblichen Mehraufwand an Security-Personal klagen, das gegen schaulustige Passanten eingesetzt werden muss.

Schaulust, minutiös
Der Software-Entwickler Craig Hosodas veröffentlichte 1999 das Standardwerk "The Bare Facts Videoguide", eine Enzyklopädie oberweitenaffiner Filmszenen. Textbeispiel: "True Romance, 1993. Darstellerin: Patricia Arquette, Zeit: Minute 11. Kurz Brüste, während sie mit Christian Slater im Bett liegt. Nur auf der DVD der Kinofassung: rechte Brust noch zweimal und Teile der linken Brust."

Schaulust, metaphorisch
Dass man sich dem Sujet auch noch wortgewandter widme kann, demonstrierte Johan Wolfgang Goethe in seinen Wahlverwandtschaften": Fern wie von einer Bergesspitze erschienen dem Hauptmann Tal und aufgespitzte Höhen dieser Hügel, Vulkanen gleich, die er auf seinen Reisen erfahren, wie sich aus schlafenden Hügeln die Feuerglut rosafarben am Gipfel entlud, alles Leben verbergend unter erstarrendem Grau."

Schaulust, abgeschmettert
Ein von der Redaktion abgelehntes "Wetten, dass...?"-Angebot aus dem Jahr 2002. Holger K. bot an: "Wetten, dass ich die Haarfarbe beliebig vieler Frauen nur durch das Ertasten ihrer Brüste bestimmen kann?"

Paula Lambert, Helmut Ziegler: Brüste. Das Buch. Rogner & Bernhard, 300 Seiten, 29,95 Euro.