Der Charakterdarsteller Josef Bierbichler im Interview

Der deutsche Charakterdarsteller Josef Bierbichler über das Wienerische als Verbrechersprache, Kollateralschäden im Theater und seine Rolle im Thriller „Brand“, der demnächst in Österreichs Kinos kommt.

Interview: Wolfgang Paterno

profil: In Wien wird, ähnlich wie in Bayern, viel und gern genörgelt. Sie müssen sich hier also wie zu Hause fühlen.
Bierbichler: Mit 30 verbrachte ich berufsbedingt einige Zeit in Wien, damals lernte ich die Stadt schätzen. Das Wienerische, wie Thomas Bernhard wohl sagen würde, ist die Sprache der Gangster. In diesem Dialekt lassen sich Verbrechen aller Art unglaublich gut besprechen, Betrügereien und Bluttaten wunderbar erörtern. Mit dieser Mundart, mit ihren vielfältigen Berührungspunkten zum Slawischen, kann man einiges erledigen.

profil: Und die Stadt selbst?
Bierbichler: Wien ist immer noch anders als viele andere Städte im deutschsprachigen Raum. München ist im Vergleich dazu eine Spielzeugmetropole. Um die Kaffeekultur etwa war es in Bayern lange furchtbar bestellt, einzig in Wien war damals eine anständige Melange zu bekommen. Dank den Türken! Obwohl: Als sie den Kaffee hierher brachten, wurden sie bereits als Feinde behandelt, heute sind sie wieder nur gelitten.

profil: In praktisch jedem Porträt werden Sie als Grantler vom Dienst, als Kraftkerl und Naturbursch beschrieben. Können Sie mit diesen Zuschreibungen etwas anfangen?
Bierbichler: Das höre ich auch immer, das bin ich aber nicht. Sobald ich entspannt dasitze, schaue ich vielleicht grimmig, in Wahrheit bin ich jedoch entspannt. Das hängt vielleicht damit zusammen, dass ich, wenn ich nicht gestört werden will, keine Skrupel habe, dies zu zeigen. Als Schutzmechanismus ist Freundlichkeit viel gefährlicher als Grant. In mein Restaurant „Zum Fischmeister“ kommen oft Gäste, die mit fragendem Blick in die Gegend starren: Wo hockt er denn, der Bierbichler? Da bin ich durchaus in der Lage, unnahbar zu wirken.

profil: Gerhard Polt, Karl Valentin, Herbert Achternbusch: Weshalb bringt gerade -Bayern immer wieder grandiose Querköpfe hervor?
Bierbichler: Weil im Freistaat stets Widerstand gegen das Katholische geleistet werden musste. Dazu kommt, dass die CSU in Bayern ein Ableger der katholischen Kirche ist, wobei ich, vor die Wahl gestellt, der -Kirche den Vorzug vor dieser Partei geben würde.

profil: Ein Autor wie Thomas Bernhard müsste Ihnen da liegen.
Bierbichler: Selbstverständlich. Bernhard würde ich auch schätzen, wenn er keine einzige Zeile gegen den Klerus verfasst hätte, allein schon seiner fantastischen Schreibe wegen.

profil: Haben Sie noch andere Lieblingsautoren aus Österreich?
Bierbichler: Stifter entdeckte ich auf seltsame Art, im Rahmen eines TV-Projekts, bei dem ich den Autor in Verkleidung und dem ganzen Drumherum spielte. Bereits das Drehbuch, dem die Erzählung „Der Kondor“ zugrunde lag, kam mir unglaublich sentimental und kitschig vor. Beim Drehen versuchte ich daher, den Schriftsteller auf subtile Weise zu denunzieren, ohne dass dies vom Regisseur bemerkt wurde. Als der Film schließlich im Fernsehen zu sehen war, wurde meine Rolle synchronisiert – eine fremde Stimme, die sich über einen Körper legt, kommt einem Akt der Kastration gleich. Deshalb klagte ich gegen das Projekt. Erst später erfuhr ich, dass der verantwortliche TV-Redakteur bereits am Schneidetisch meine böse Absicht erkannt hatte. Jahre -darauf, in Zeiten von Liebeskummer, las ich Stifters „Brigitta“. Diese wunderbare Erzählung passte damals genau zu meinem Empfinden. Die Kriterien für Qualität entwickeln sich bisweilen so. Zuerst tritt man daneben.

profil: Wie wählen Sie Ihre Rollen aus?
Bierbichler: Das weiß ich selber nicht. Ich habe auch nicht den Wunsch, eine bestimmte Theaterrolle noch unbedingt verkörpern zu müssen: Der Hamlet mit 80 – das muss nicht sein. Was mich am Spielen reizt, kommt mit der Beschäftigung. Wichtig ist, dass die Dialoge stimmen, dass sie Sinn ergeben. Ich kann auch nur aus mir heraus tätig werden. Jede Rolle, die ich zu spielen versuche, muss ich mir zuerst gleichsam anpassen. So dehne ich mein eigenes Ausdrucksspektrum. Sobald ich feststelle, eine bestimmte Regung, ein Charakterzug ist bei mir nicht vorhanden, sage ich die Rolle ab.

profil: Ende Mai kommt Ihre jüngste Filmarbeit in die Kinos, die Psychostudie „Brand“, in der Sie einen Schriftsteller verkörpern, der an der Liebe allmählich irrwird. Wie gestaltete sich die Zusammenarbeit mit Regisseur Thomas Roth?
Bierbichler: Bei gewissen Action-Szenen gerieten wir uns in die Haare, ein oder zwei Sachen haben wir anders gemacht, wie er es ursprünglich geplant hatte. Roth kann -Dialoge schreiben, er kennt sich mit seinem Stoff aus.

profil: „Brand“ ist Ihr erster Film seit zwei Jahren.
Bierbichler: Ich kann es mir leisten, nicht alles machen zu müssen, und diesen Umstand nutzte ich weidlich aus. Das könnten sich übrigens viele meiner Kollegen auch leisten, weil man mit unverschämt viel Geld für das Aufsagen von wenigen Sätzen an einem Drehort entlohnt wird. Von wegen harter Arbeit: Bei Dreharbeiten hockt man meistens im Wohnwagen und verbringt -seine Zeit mit Nichtstun. All jene, die fortlaufend Schrott fabrizieren, müssten das aus rein ökonomischen Gründen also nicht -machen.

profil: Können Sie Ihrer Bekanntheit auch positive Seiten abgewinnen?
Bierbichler: Eigentlich will ich verschwinden, obwohl sich das mit meinem Beruf wohl nur schwer verträgt.

profil: „Ich möchte noch mal etwas machen, wo ich mich am Schluss selber aufessen kann“, merkten Sie einst in einem Interview an. Wie ist das zu verstehen?
Bierbichler: Die Idee, sich selber zu verspeisen, kam mir nach dem Film „Das große Fressen“, in dem vier Freunde durch übermäßige Nahrungsaufnahme kollektiven Suizid begehen wollen. Man brauchte für die Selbstverspeisung einen hervorragenden Arzt und einen guten Koch. Der Mediziner trennt einem schmerzlos Gliedmaßen ab, der Küchenchef verkocht die Zutaten. Man ist also in Form eines Gelages tagelang mit sich selbst beschäftigt.

profil: In der Kinoadaption von Wolf Haas’ „Der Knochenmann“ kamen Sie Ihrem Vorhaben zumindest nahe: Als Gastwirt Löschenkohl verarbeiteten Sie darin Ihre Mitmenschen zu Gulasch.
Bierbichler: Im Selbst-Aufessen steckt die Metapher der freiwilligen Selbstzerstörung – siehe Fukushima und Tschernobyl. Sich selbst aufzuessen wäre immerhin ein genussvoller Weg, aus der Welt zu scheiden. Dar-aus ließe sich ein richtiger guter Film machen: Einige Freunde treffen sich zum letzten Abendmahl. Man plaudert angeregt über Kunst und Kultur, verzehrt dabei Fuß oder Hand.

profil: In Ihrem 2001 erschienenen Buch „Verfluchtes Fleisch“ bezeichnen Sie das Theater als „Abtritt, den ich fand und der mich vor einem Leben im eigenen Kot rettete“. Haben Sie sich mit Ihrer -Profession inzwischen ausgesöhnt?
Bierbichler: Theater ist für mich keine Ersatzreligion. Ich hege eher eine Abneigung gegen den Berufsstand. Schauspieler werden dafür bezahlt, sich mit dem Leben auseinanderzusetzen, mit den Bedingungen der Existenz. Andere können dem, wenn überhaupt, erst nach Feierabend oder im Urlaub nachkommen. Dieses Privileg wird von vielen Kollegen nicht erkannt und gewürdigt – daraus entsteht bei mir eine gewisse Verachtung, die mit der Arbeit an sich nichts zu tun hat.

profil: In Wien wären Sie als Theaterstar wohl längst zum Publikumsliebling avanciert.
Bierbichler: Hier gibt es ja den Satz: Bitte keine Regie, ich bin Publikumsliebling.

profil: Wären Sie gern einer?
Bierbichler: Eine grausliche Vorstellung! Es ist nicht arrogant, dies zu sagen, weil ich jene Form von Aufmerksamkeit, die Schauspielern auch abseits der Bühne oft entgegengebracht wird, für grundfalsch, für einen Kollateralschaden der Branche halte. Vor Jahren besuchte ich mit dem Dichter Wolf Wondratschek eine Theaterkneipe, die längst nicht mehr existiert. Hinten in einer Ecke saß Pierre Brice, umweht von der Gewissheit des eigenen Ruhms. Keine Ahnung, wie er sich in die verrauchte Kaschemme verirrt hatte. Wondratschek bemerkte ihn anfangs nicht. Als Brice das Lokal schließlich verlassen wollte und sich an uns vorbeizwängen musste, sprang Wondratschek plötzlich auf und wiederholte wie in Trance: „Da ist Winnetou! Da ist Winnetou!“ Wie ein Bub, dem unerwartet ein lang gehegter Traum in Erfüllung gegangen ist. Das war unglaublich ehrlich, absolut unverstellt. Das hatte Gehalt. Ich gehe deshalb nie in TV-Shows, ich arbeite nicht an meiner Prominenz. Grüߒ Sie, Herr Bierbichler! Was machen S’ denn als Nächstes? Auf diese Art von Zuneigung kann ich verzichten. Jeder Schauspieler, der einen Film über die Flucht aus -Schlesien gemacht hat, verwandelt sich umgekehrt in einen Fachmann für Fluchtfragen. Das ist nur mehr zum Fremdschämen.