Der Extremfall eines Autorenlebens:
Literaturnobelpreis an Herta Müller

Die deutsch-rumänische Schriftstellerin Herta Müller wird mit dem Nobelpreis ausgezeichnet. Wolfgang Paterno über den Extremfall eines Autorenlebens.

Selbst der Berliner Tapetenverkäufer reagierte umgehend. Als vergangenen Donnerstag bekannt wurde, dass die deutsche Schriftstellerin Herta Müller mit dem bedeutendsten Literaturpreis der Welt ausgezeichnet wird, war, nicht ganz uneigennützig, auf der Website www.drnice.net prompt zu lesen: „Literaturnobelpreis für Herta Müller.“ Die Raumgestaltungsfirma und Müller arbeiten seit Jahren eng zusammen: Die Autorin steuert Lyrisches bei, das Unternehmen produziert dann rund 2 mal 1,5 Meter große Text-Bild-Collagen. Die weithin sichtbare Möglichkeit zur Ausgestaltung des Eigenheims mit Müller-Texten steht jedoch in seltsamem Kontrast zu Werk und Person der literarischen Innenraumdesignerin.

Herta Müller führte lange eine Existenz am Rand. Über drei Jahrzehnte fristete sie ihr Dasein in der Diktatur des rumänischen „Conducator“ (Führer) Nicolaie Ceausescu. Auch in Deutschland, wohin sie am 1. März 1987 gemeinsam mit ihrem damaligen Mann, dem Schriftsteller Richard Wagner, als politischer Flüchtling dem Folterregime entkam, bewegt sie sich als literarische Einzelgängerin im Abseits. „Ich bin kein Star und mag auch nicht in die Öffentlichkeit gezerrt werden“, äußerte sich Müller noch einen Tag vor der Preisbekanntgabe des Osloer Komitees: „Ich mache meine Arbeit wie gewohnt im Stillen weiter.“

In einem von dem ehemaligen profil-Mitarbeiter Hans Weiss mitherausgegebenen Interviewband formulierte die Literatin, deren Bücher sich bislang kaum je in den Bestsellerlisten fanden, drei Jahre nach ihrer Flucht: „Schreiben scheint mir das Gegenteil von Leben zu sein. Und auch das Gegenteil von Nachdenken, das Gegenteil von Reden und das Gegenteil vom Umgang mit Leuten. Schreiben ist der Diskurs des Alleinseins.“ Einer der ersten, gleichsam in Jelinek’scher Diktion geäußerten Kommentare Müllers nach Erhalt der Nobelpreisnachricht lautete dann auch: „Ich brauche noch Zeit, es einzuordnen. Ich bin es nicht, es sind die Bücher. Und die sind fertig. Sie sind nicht meine Person.“

Die wenigen Porträtskizzen über die Poetin, die in Zeitungen und Buchbeiträgen verstreut erschienen, sind zaghafte Versuche einer Annäherung an jenen Sperrbezirk, den die Prosaistin um ihr privates Leben errichtet hat: „Herta Müller hat Augen wie Scheinwerfer, die jeder Nacht das Dunkel austreiben“, beschrieb eine Reporterin die Künstlerin: „Sie ist klein, zierlich zum Umpusten und in allem das Gegenteil eines Menschen, der in der Kindheit Kühe gehütet hat.“

Gleichwohl wird Herta Müllers Schreibarbeit seit Jahrzehnten von Biografischem, vielfach gebrochen und gespiegelt, geprägt: Der Themenkomplex Diktatur scheint der Zeitzeugin von Zersetzung und Zerstörung jedweder Menschlichkeit durch Stalinismus und Ceausescu-Tyrannei wie ein Gewicht um den Hals zu hängen. Der Dringlichkeit des Schreibens, dieser „einzigen inneren Daseinsmöglichkeit“ (Franz Kafka), verleiht Müller in ihren Romanen und Erzählungen ungeahnte neue Dimensionen.

Geboren wurde Müller 1953 in Nitzkydorf, einem Weiler im rumänischen Banat, zwei Autostunden von Budapest entfernt, als Tochter eines Lkw-Fahrers und Alkoholikers; Müllers Mutter, eine Bäuerin, wurde als so genannte „Volksdeutsche“ gegen Ende des Zweiten Weltkriegs zum Frondienst in ein sowjetisches Arbeitslager gezwungen. Später wurden in der Familie über die Zeit der Gefangenschaft nur spärliche Sätze gewechselt. „Dass ich Herta heiße, weil ihre beste Freundin im Lager so hieß und verhungert ist, hat meine Großmutter mir gesagt“, notierte Müller in dem 2001 entstandenen Essay „In jeder Sprache sitzen andere Augen“. Deutsch ist Herta Müllers Muttersprache, Rumänisch lernte sie mit 15, als Sprache der Schreckensherrschaft.

In dem jüngst publizierten Lagerbericht „Atemschaukel“, einer zentralen Arbeit ihres so schmalen wie gewichtigen Werkkatalogs (Müller publizierte bislang vier Romane sowie etliche Prosabände, Essays und Gedichtcollagen), thematisierte und literarisierte die Schriftstellerin das Schicksal jener verschleppten Deutsch-Rumänen erstmals eingehender, wobei auch hier, wie in anderen Arbeiten dieser Autorin, die Klarheit und Kälte der Beschreibung den Grad der Wahrnehmungsschärfe zuweilen ins Schmerzhaft-Deutliche steigert. Müller kombiniert Lakonik und Lyrik, dokumentarisches und metaphorisches Schreiben. Auf der Suche nach einer Sprache für das Unsagbare, für das Durchbuchstabieren von Verzweiflungszuständen entspringen dem Schreiben der Dichterin mitunter Wortneuschöpfungen wie „Hungerengel“ oder „Himmelmuttermal“.

Nach ihrem Studium arbeitete Herta Müller als Übersetzerin technischer Gebrauchsanweisungen in einem Maschinenbaubetrieb. „Ich konnte diese desolate, verrostete eiserne Welt nicht mehr sehen“, erinnerte sie sich später an die ihr von Staats wegen zugewiesene Tätigkeit. 1979 wurde die Autorin aus der Fabrik entlassen, weil sie sich geweigert hatte, der geforderten Bespitzelungstätigkeit für die staatlich sanktionierte Terrorbehörde Securitate nachzukommen. Seit ihrer Gymnasialzeit war Müller loses Mitglied der so genannten Aktionsgruppe Banat, eines Freundeskreises von Schriftstellern, die verfolgt und schikaniert wurden – einer wurde vom rumänischen Geheimdienst umgebracht, die Todesumstände eines anderen sind nach wie vor unklar. Nach ihrer Versetzung und einem Arbeits- und Publikationsverbot betätigte sich Müller kurz als Deutschlehrerin und Kindergärtnerin.

Damals begann sie, aus existenzieller Notwendigkeit, mit dem Schreiben: „Ich hatte nie vor, ein Buch zu schreiben, ich habe das nicht gewollt“, erinnerte sie sich in einem Interview. „Mein erstes Buch habe ich 1978 geschrieben. In einer Zeit, als mir der ganze Lebenslauf aus der Bahn geraten ist: der Konflikt mit dem Geheimdienst. Eine kaputtgegangene Beziehung. Der Tod meines Vaters.“ Müllers Debüt, der Erzählband „Niederungen“ (1982), erschien, nachdem das Manuskript drei Jahre beim Verlag gelegen hatte, zunächst verstümmelt und sinnentstellt – bis vor zwei Jahrzehnten existierte, keine Flugstunde von Wien entfernt, in Rumänien ein Staatsgebilde, in dem selbst ein Wort wie „Koffer“ in literarischen Texten das verschärfte Misstrauen der Zensoren erregte. Das Gepäckstück wurde zum Reiz­signal, weil jeder Gedanke an Ortsveränderung tabuisiert werden sollte.

Der Verlockung, Erzählstoffe kurzfristiger Marktgängigkeit zu unterwerfen, Form und Inhalt ihrer literarischen Arbeit für die Bestsellerlisten aufzubereiten, ist Müller nie erlegen. Den Extremfall ihres Lebenslaufs, den fremden Blick auf die Welt verkaufte sie nie als Tugend. „Plötzliche Sinnsuche, das nervliche Fieber, das Frösteln des Gemüts bei der Frage: Was ist mein Leben wert?“, notierte sie in der Essaysammlung „Der König verneigt sich und tötet“ (2003). Die Antworten darauf finden sich in Romanen wie „Herztier“ (1994), dem poetisch-stringenten Versuch über die Freundschaft in Zeiten der Willkürherrschaft, oder in der Emigrations- und Fluchtfabel „Der Mensch ist ein großer Fasan auf der Welt“ (1986); gemeinsam mit dem 1992 publizierten Roman „Der Fuchs war damals schon der Jäger“, Müllers Porträt der von Korruption und Despotie beherrschten rumänischen Gesellschaft unter Ceausescu, bündeln sich „Herztier“ und „Der Mensch ist ein großer Fasan auf der Welt“ zu einer Trilogie des Entsetzens, zu einem gewaltigen Massiv der Furcht.
„Das Kriterium der Qualität eines Textes ist für mich immer dieses eine gewesen: kommt es zum stummen Irrlauf im Kopf oder nicht?“, formulierte Müller einst. Und weiter: „Jeder gute Satz mündet im Kopf dorthin, wo das, was er auslöst, anders mit sich spricht als in Worten. Und wenn ich sage, dass mich Bücher verändert haben, dann geschah es aus diesem Grund.“

Herta Müller hat, zuweilen unter Lebensgefahr, versucht, ihrem selbst auferlegten Anspruch ans Schreiben, Buch um Buch, gerecht zu werden, so konsequent wie kompromisslos. Ihr Literaturnobelpreis ist nun tatsächlich der Lohn der Angst.