Der Fall Kampusch im Kino - ohne jeden Eigensinn

Der Fall Kampusch, jetzt auch im Kino: Regisseurin Sherry Hormann findet in „3096 Tage“ keine Form für die Leidensgeschichte des Entführungsopfers.

Etwas ist anders als sonst, wenn vor Beginn einer Pressevorführung der Medienbetreuer jener Frau, deren Leben der Film behandelt, auf den Kritiker zutritt, um schnell noch mitzuteilen, dass er für Fragen und Informationen selbstredend gerne zur Verfügung stehe. Man merkt, der Fall ist heikel, auch sechseinhalb Jahre nach seinem offiziellen Ende. Denn es geht um Natascha Kampusch, die sich zwischen 1998 und 2006 als Kidnapping-Opfer in der Gewalt eines gestörten niederösterreichischen Kleinbürgers befand, eingesperrt in ein Kellerverlies, geschlagen, genötigt, ausgehungert und vergewaltigt. Aber ihre Leidensgeschichte endete, anders als im Kino, nicht mit der Flucht vor dem Entführer. Seit sie in Freiheit lebt, sieht sie sich einer neuen Art der Peinigung ausgesetzt: der Hetze eines inquisitorischen Boulevardjournalismus, der Kampuschs gespenstische Story für seine Fotostrecken und Talkshows gut brauchen kann.

Falscher Ton
Der Film „3096 Tage“ (ab 28.2. im Kino) fügt der Causa Kampusch nur ein weiteres Kapitel hinzu, allerdings ein signifikantes: Denn im Spielfilm gerinnt jedes „authentische“ Erlebnis unweigerlich zu einem Stück Fiktion, schließlich wird nicht dokumentiert, sondern gespielt, fantasiert, inszeniert. Und dann entscheidet nur die Position, aus der ein Film geschrieben und gedreht wurde, über die Legitimität des Unterfangens. In dieser Hinsicht wirkt „3096 Tage“, auch wenn sich Regisseurin Sherry Hormann („Wüstenblume“) alle Mühe gibt, nicht in die offensichtlichsten Fallen ihres Materials zu tappen, verfehlt. Denn der falsche Ton, den die Bernd-Eichinger-Produktion von Anfang an besitzt, ist unüberhörbar; er beginnt bei der sorglosen deutschen Synchronisation der für den Weltmarkt vorsorglich in Englisch gehaltenen Dialoge – und endet in den seltsam ausführlichen Sex- und Prügelszenen, deren mehrfache Wiederholung inhaltlich nichts beizutragen hat, außer eben: ein paar medial verwertbaren „spektakulären“ Bildern.

Der Däne Thure Lindhardt spielt den Entführer zwar etwas überdeutlich als eiskalten Neurotiker, der seine Sexualpanik und Minderwertigkeitsgefühle sadistisch an jenem Kind abreagiert, das er zu besitzen meint. Aber die beiden Kampusch-Darstellerinnen Amelia Pidgeon und Antonia Campbell-Hughes meistern ihre Parts mit erstaunlicher Leichtigkeit. „Es war klar: Nur einer von uns beiden würde überleben. Am Ende war es ich, nicht er.“ Mit diesen dramatischen Worten startet und schließt der auf Kampuschs Autobiografie basierende Film „3096 Tage“. Dabei ist übermäßige Dramatik nicht das Problem der Inszenierung, die etwa auffällig zurückhaltend mit stimmungsverstärkender Musik umgeht. Das Problem ist die Weigerung Hormanns, ihrem Stoff eine eigene Form zu geben, einen Weg zu finden, der das kaum Fassbare dieses Berichts nicht im Sinne der Mehrheitsfähigkeit verflachen würde. „3096 Tage“ besitzt entschieden zu wenig Eigensinn: Eine Schreckenserzählung dieser Kategorie lässt sich nicht erzählen wie alle anderen Kinogeschichten auch.