Der liebe Gott und das Geld

Warum Österreichs Spitzenmanager so ungern über ihre Spitzeneinkommen sprechen.

Zu den interessanten Nebenresultaten der so genannten Kapitalismusdebatte zählte eine Veröffentlichung der Arbeiterkammer, wonach österreichische Manager zu den am besten verdienenden der EU gehören. Ich war darüber fast so erstaunt wie die meisten Leser. Denn noch jeder Manager, den ich im Verlauf von 45 Berufsjahren interviewt habe, hat mir sein Einkommen erstens verschwiegen und mir zweitens erklärt, es sei im europäischen Vergleich geradezu lächerlich.
In Wirklichkeit wäre etwas am Kapitalismus völlig schief, wenn Österreichs Manager nicht unter den besonders gut verdienenden wären – denn auch Österreichs Unternehmen gehören zur europäischen Spitzenklasse. (Dass keines von ihnen zu den ganz großen zählt, deren Namen man überall kennt, ist kein Nachteil: Kleine bis mittelgroße Unternehmen können wesentlich flexibler auf die Herausforderungen reagieren, die ständig sich verändernde Technologien und ein ständig sich ändernder Markt an sie stellen.)

Im Sinne von Helmut Gansterers „Good News“-Kolumne: Österreichische Unternehmen sind hervorragend. Das hat sicher eine Menge mit der Qualität seiner Fachleute, insbesondere seiner Ingenieure (ihrer besonders guten Ausbildung an den technischen Hoch- und Fachschulen) zu tun, aber es muss wohl auch etwas mit der Führung dieser Unternehmen zu tun haben. Warum also soll deren Bezahlung nicht gleichfalls hervorragend sein.

Und warum genieren sich österreichische Top-Manager mit wenigen Ausnahmen, sich auch zu ihren hohen Einkommen zu bekennen?

Die erste Begründung ist zweifellos unsere katholische Tradition. Dem katholischen Glauben war Geldverdienen immer suspekt: eine Tätigkeit, die Habgier und Egoismus signalisiert und von eigentlich gottgefälligem Tun ablenkt. Schon gar, wenn sie nicht mit Schweiß, sondern womöglich nur mit dem Erfassen einer Chance verbunden ist. Mit dem Zinsverbot schuf der Papst bekanntlich jene Nische, die gottlose Juden zu Geldverleihern werden ließ, wofür man sie hinterher besonders verachten konnte.

Nicht umsonst wurde der „Tanz um das Goldene Kalb“ als Schmähung Gottes betrachtet.

Genau umgekehrt die protestantischen Calvinisten, die Geldverdienen als gottgefällig ansahen und damit die weltanschauliche Basis des „Kapitalismus“ schufen. Allerdings stellt diese gängige Darstellung eine unzulässige, nicht unwesentliche Umfunktionierung des eigentlichen Grundgedankens Calvins dar: dass nämlich jedem Menschen vorherbestimmt sei, ob er zu den Auserwählten oder den Verdammten gehört, und dass man die Zugehörigkeit zu den Ersteren allenfalls an seinen gottgefälligen Taten erkennen kann. Auserwählt war demnach eigentlich, wer gemeinnützige Taten – etwa die Gründung eines Waisenhauses oder Spenden für das neue Kirchendach – vorweisen konnte. Aber beides ließ sich eben leichter bewerkstelligen, wenn man genug Geld zur Verfügung hatte. Bis am Ende die angehäuften Goldstücke zum vorrangigen Maßstab wurden.

In der Gegenwart hat dieses Missverständnis seine extremste Ausformung gefunden: reich = erfolgreich = gut.

Dagegen ist die Idee der sozialen Marktwirtschaft eine Art Rückkehr zum praktizierten Calvinismus auf dem Umweg über den Staat: Indem der freie Markt besonders viel Reichtum schafft, macht er es der Gemeinschaft leichter, ihn sozial zu verteilen.
Eines der Probleme der Gegenwart ist die schwindende Bereitschaft, diesen Aspekt eines weltanschaulich fundierten Kapitalismus anzuerkennen.

Eine zweite Begründung für die geringe Neigung der Österreicher, hohe Gehälter selbstbewusst zu nennen, ist der ausgeprägte Neidkomplex, der freilich mit der ersten Begründung zusammenhängt: Es wird als hoffärtig empfunden, aus der Menge ragen zu wollen, und verletzt die Sehnsucht nach brüderlicher Gleichheit.
Leider neigt die Sozialdemokratie dazu, diesen sowieso naturgegebenen Neidkomplex noch zu schüren, indem sie den christlichen Wunsch nach Brüderlichkeit zum Recht auf Gleichheit umfunktioniert hat.

Weil freilich allen politischen Funktionären, auch denen der ÖVP, die angeführten emotionalen Muster – Scheinheiligkeit und Neid – nur zu bekannt sind, haben in der Folge alle Beteiligten dazu beigetragen, die Einkommenswahrheit zu unterdrücken: In halbstaatlichen Institutionen führte man bis zu 17 Monatsgehälter ein oder erfand die abenteuerlichsten Pensionsregelungen, um die eigentlichen Einkommen zu verschleiern.

Und natürlich haben auch die Medien an dieser Verschleierung mitgearbeitet: Journalisten, die selbst groß verdienten, empörten sich über groß verdienende Beamte und Politiker. Dabei kennt unsere Branche sogar ähnliche zwangsweise Gehaltsvorrückungen (Quinquennien), wie sie für die Gehaltsschemata von Beamten charakteristisch sind.

Zusammenfassen lässt sich die österreichische Haltung zu hohen Einkommen etwa so: (Fast) alle, die sie beziehen, halten sie – ohne Grund – für zu niedrig. Trotzdem verbergen sie diese so weit wie möglich, weil (fast) alle anderen sie auf jeden Fall für zu hoch halten.

Im Übrigen erspart einem das katholisch geprägte Genieren eine calvinistische Tugend: nämlich als Mäzen aufzutreten und wenigstens einen Teil des hohen persönlichen Einkommens in Projekte zu stecken, die der Allgemeinheit zugute kommen.