Der andere Herr Karl: Unbehagen über die Seligsprechung erfasst nun die Innenpolitik

Der Auftritt wird pompös. 200 Habsburger – so viele sah man wohl seit dem Ende der Monarchie nicht mehr auf einem Fleck – werden kommenden Samstag im römischen Palazzo Taverna zum Abendempfang bitten.

Der Anlass rechtfertigt den Aufwand: Immerhin wird nur Stunden später der letzte Kaiser selig gesprochen, den die 640 Jahre lang Mitteleuropa beherrschende Dynastie hervorgebracht hat: Karl I. von Österreich. 4000 Pilger werden zuvor einer Karl-Gedenkmesse in der Kirche San Paolo fuori le Mura beiwohnen.

Sonntag Früh, 9.30 Uhr, schaltet sich der ORF mit einer mehrstündigen Live-Übertragung vom Petersplatz dazu, bevor um 13 Uhr ein Empfang der österreichischen Botschaft beim Heiligen Stuhl in der Vorhalle des päpstlichen Audienzsaals beginnt. Der Botschafter Ungarns – Karl war dort König – klinkt sich mit einem Empfang um 15 Uhr in die Feierlichkeiten ein. Dankgottesdienste runden am Montag das 3-Tage-Fest ab.

Viel Stress für die Politikerdelegation, die sich beim Seligsprechungsspektakel in die Pilgerschar mischen wird: Nationalratspräsident Andreas Khol, Gesundheitsministerin Maria Rauch-Kallat, Tirols Landeshauptmann Herwig Van Staa, Volksanwalt Ewald Stadler, FPÖ-Bundesrat John Gudenus und natürlich der ÖVP-Nationalrat Vinzenz Liechtenstein – er ist schließlich ein Enkel des letzten Kaisers.

Zu viel republikanische Ehrerbietung, wie die SPÖ meint. Der Kaiser sei immerhin an Gräueltaten beteiligt gewesen und habe nie die Republik anerkannt, moniert SPÖ-Klubchef Josef Cap: „Das ist Habsburgs Geschichtsklitterung, dafür darf sich ein Parlamentspräsident nicht hergeben.“

Andreas Khol fährt freilich auf Ersuchen des Bundespräsidenten nach Rom. Kaisersohn Otto Habsburg-Lothringen und dessen Spross Karl hatten – an der Pforte von Fischer-Sprecher Bruno Aigner eingeholt – persönlich in der Hofburg vorgesprochen und den Präsidenten eingeladen.

Hoheiten. Eine pikante Mission: Heinz Fischer war Mitte der sechziger Jahre als Sekretär im SPÖ-Klub aktiv an den Versuchen seiner Partei beteiligt gewesen, die von der ÖVP unterstützte Einreise Ottos in Österreich zu verhindern. Der Präsident wies Habsburgs Einladung nach Rom freundlich, aber bestimmt zurück: Als Nichtkatholik sei er kaum der rechte Repräsentant bei einer Seligsprechung, er wolle sich aber um eine würdige Vertretung bemühen. In Khol fand Fischer den Richtigen. Der Nationalratspräsident besprach sich mit dem Kanzler und sagte dann zu.

Wenig beeindruckt von der Beatifikation Karls zeigt sich FPÖ-Klubobmann Herbert Scheibner: „Ich bin dagegen, dass man die Familie Habsburg ständig madig macht – aber muss man sie deshalb gleich selig sprechen?“

Der Direktor des Kunsthistorischen Museums, Wilfried Seipel, goss weiteres Öl ins Feuer. Der Unglücksrabe hatte am Mittwoch bei der Präsentation einer hingebungsvollen Karl-Biografie dessen Sohn Otto etwas zu salbungsvoll begrüßt: „Im Schatzhaus der kaiserlichen Sammlungen stehe ich nicht an, das Oberhaupt der Familie Habsburg als Seine Kaiserliche Hoheit begrüßen zu dürfen.“

Postwendend setzte es eine parlamentarische Anfrage der SPÖ-Abgeordneten Christine Muttonen an Unterrichtsministerin Elisabeth Gehrer, ob sie das Verhalten ihres Schützlings republikanisch finde. Gehrer war erst im Juli mit einer ähnlichen Anfrage konfrontiert gewesen, als der Direktor der HTL Mödling Otto bei einem Festakt als „Seine Kaiserliche Hoheit“ angesprochen hatte.

Sprachprobleme. „Kaiserliche Hoheit“ hauchte auch FPÖ-Vizekanzlerin Susanne Riess-Passer – beileibe keine Monarchistin – 2001 bei der goldenen Hochzeit der Habsburgs. Nur lokalen Wirbel gab es, als der Reichenauer Bürgermeister Hans Leodolter (ÖVP) im Vorjahr die ehrerbietige Anrede wählte. Otto sei schließlich in Reichenau geboren, rechtfertigte sich der Stadtvater.

„Österreicher wissen nicht mit Otto Habsburg umzugehen“ titelte die „Stuttgarter Zeitung“ im November 2002 eine Reportage von der Feier des 90. Geburtstags Ottos. Als „Hoher Herr“ hatte ihn damals Kardinal Christoph Schönborn angesprochen. „Lieber Otto von Habsburg“ hatte ihn Kanzler Schüssel tituliert. Bloß Ex-Präsident Valery Giscard d’Estaing aus dem Revolutionsland Frankreich beließ es damals bei einem schlichten „Lieber Doktor Otto Habsburg“.

Am weitesten wagte sich Gesundheitsministerin Rauch-Kallat vor. Dem Haus Habsburg sei „aus ideologischer Verblendung tiefes Unrecht geschehen“, nahm die Ministerin in einer Rede bei Habsburgs goldener Hochzeit in Mariazell Bezug auf die Verbannung der Kaiserfamilie.

Tatsächlich ist der bald selige Karl selbst schuld an der Härte der Republik. Karl hatte am 11. November 1918 seinen Verzicht auf die Regierungsgeschäfte erklärt. Vier Monate später verließ er unter britischem Geleit Österreich und wiederrief vor Passieren der Grenze seine Verzichtserklärung. Der Nationalrat verabschiedete daraufhin ein strenges Gesetz, in dem alle Adelstitel abgeschafft und die Besitzungen des Erzhauses Kriegsopfern und Waisen überschrieben wurden. In der Folge unternahm Karl zwei Restaurationsversuche in Ungarn. Noch 1957 erinnerte das SPÖ-geführte Innenministerium, die korrekte Anrede des Kaisersohns habe „Dr. Otto Habsburg-Lothringen“ zu lauten.

Der seit 1949 um Karls Seligsprechung kämpfenden „Kaiser-Karl-Gebetsliga“ – derzeitiger Präsident: Kurt Krenn – ist nun jedenfalls Erfolg beschieden. 50.000 Dokumente sowie 2000 Berichte über Gebetserhörungen hatten Karls Kämpen im Vatikan eingereicht und ein Wunder nachgeschoben: die Heilung einer von Krampfadern geplagten polnischen Nonne in Brasilien, nachdem sie 1960 Karl um Fürbitte ersucht hatte. Im Dezember 2003 verpasste der Vatikan dem Mirakel den Prüfstempel.

Entscheidender waren die wahrscheinlich von Kaiserwitwe Zita (1892–1989) ausgehenden Aktivitäten im Hintergrund. Zita hatte selbst mehr als tausend Seiten zum Akt Karl beigesteuert und sofort nach dem Tod ihres damals erst 35-jährigen Gatten im April 1922 mit dessen Rehabilitierung begonnen.

Der junge Kaiser war tatsächlich nicht so kriegsgeil wie seine Generalität, aber zu schwach, um eine entscheidende Wende zum Frieden herbeizuführen. Typisch für ihn ist das schwerste Versagen in seiner Karriere: Vor der 12. Isonzoschlacht im Oktober 1917 hatte er deutsche Hilfstruppen angefordert, die Giftgas einsetzten und die Italiener überrannten. Den Gaskrieg hätten bloß die Deutschen geführt, argumentierte die Familie später immer wieder, verschwieg dabei aber, dass Karl den Oberbefehl innehatte und die Österreicher wenige Monate später an der Piave ebenfalls Gasgranaten abfeuerten, deren Inhalt sich aber bereits zersetzt hatte.

Martyrium. Karls Tod wurde zum Martyrium hochstilisiert: „Er besiegelte seine Einswerdung mit Christus durch sein Lebensopfer für seine Völker“, heißt es in einem Gebetsbüchlein der Gebetsliga. Die Exiljahre wurden – hier scheint wieder Zita Regie geführt zu haben – als Kreuzweg interpretiert. Schon bald nach Karls Tod auf Madeira tauchte ein wohlgesetzter Brief der Habsburg-Haushälterin Anna Kubaczek auf, in der diese die Schwere der Verhältnisse beklagt: In bitterer Armut habe man in einem bescheidenen Haus auf einem ständig feuchten Berg über Funchal Zuflucht gefunden. Wegen der harten klimatischen Verhältnisse habe sich Karl durch eine Verkühlung mit nachfolgender Lungenentzündung den Tod geholt.

Tatsächlich lebte die Kaiserfamilie mit zwölf Bediensteten in einer geräumigen Villa in einem riesigen Park. Der ungarische Graf Hunyadi und der portugiesische Graf Almeida zählten, neben anderen Adeligen, zu den Financiers. Den Hausrat steuerte das Hotel Reids aus Funchal bei – damals eine der nobelsten Adressen der Welt. Um den kranken Karl bemühten sich drei Ärzte. Für die Menschen dieser Zeit herrschte auf der „Quinta do monte“ unvorstellbarer Luxus.

Auch die Verkühlung im rauen Exilklima dürfte keine gewesen sein. Otto Habsburg deutete in einem Gespräch mit dem für sein neues Buch recherchierenden Schriftsteller Gerhard Roth an, sein Vater sei an Spanischer Grippe verstorben, einer damals in ganz Europa grassierenden Infektionskrankheit.

Und noch etwas eröffnete Habsburg Roth in Pöcking: Die Anrede „Kaiserliche Hoheit“ sei eigentlich inkorrekt, da er streng genommen ja nur ein Erzherzog sei.