Der ewige Jude

Überlegungen zu den „dramatischen“ Ergebnissen einer neuen Umfrage zum Antisemitismus.

Alles ist relativ – auch Antisemitismus. Wenn der ORF es als „dramatisch“ bezeichnet, dass gemäß einer Umfrage des American Jewish Committee nur sechs Prozent der Österreicher Juden sehr und zwölf Prozent einigermaßen sympathisch finden, so ergab eine profil-Umfrage vor dreißig Jahren noch, dass zehn Prozent der Österreicher einem Juden nicht einmal gern die Hand geben wollten. Der zweite, laut ORF „dramatische“ österreichische „Ausreißer“ innerhalb der sechs Länder (Österreich, Polen, England, Frankreich, Schweden, USA) umfassenden Untersuchung ist keiner: 44 Prozent halten einen neuen Holocaust für durchaus möglich. Aber in den USA sind es auch immerhin 41 und in Polen und Schweden je 40 Prozent. Vor allem aber lässt die Antwort auf diese Fragestellung keinerlei Rückschlüsse auf den eigenen Antisemitismus zu: Man kann einen neuerlichen Holocaust für durchaus möglich halten, obwohl man persönlich alles versuchte, ihn zu verhindern.

Viel eher als Antisemitismus scheint mir Realismus aus den hohen Prozentsätzen zu sprechen. Denn dass das antisemitische Potenzial weltweit ein nach wie vor gewaltiges ist, scheint mir evident.

Die vorliegende Untersuchung ist in keiner Weise in der Lage, es auszuloten.

Kaum jemand gibt auf die Frage, ob er Juden „sehr“ oder „eher“ sympathisch findet, eine ehrliche Antwort (und im Übrigen gibt es einen Philosemitismus, der ganz nahe an den Antisemitismus grenzt, indem auch er den Juden außergewöhnliche Eigenschaften zuschreibt).

Noch weniger kann man eine ehrliche Antwort auf die Frage erwarten, ob einem Juden „sehr“ oder „eher“ unsympathisch sind: Ein beziehungsweise vier Prozent der Österreicher fühlen angeblich so – genau wie die Polen –, gegenüber ein und fünf Prozent der Engländer, aber null und ein Prozent der Franzosen.

Ich glaube, alle vier Länder recht gut zu kennen, und würde den polnischen Antisemitismus noch deutlich vor den österreichischen und weit vor den (durchaus nicht unerheblichen) englischen reihen.

Viel eher gibt darüber nämlich eine andere Fragestellung Aufschluss: wie viel Prozent der Bevölkerung an das Stereotyp glauben, dass die Juden „nach wie vor zu viel Einfluss“ auf den Gang der Welt haben. Dem stimmen in Polen gleich 22 Prozent der Befragten entschieden und 34 Prozent eher zu; in Österreich sind es 15 und 30 Prozent vor Deutschland mit zwölf und 24 Prozent. In Schweden, Frankreich und den USA liegen die Prozentsätze deutlich darunter.

Eigentlich sollte es niemanden erstaunen, dass der Antisemitismus trotz der Erfahrung des Holocaust allenthalben nach wie vor erheblich ist: Schließlich haben die christlichen Kirchen zweitausend Jahre Zeit gehabt, ihn in der Seele der Menschen zu verankern, indem sie die Juden als die Mörder Gottes verteufelt haben.

Dem steht nur gerade ein halbes Jahrhundert der zögernden Abkehr von diesem Standpunkt gegenüber: Noch bis 1950 entkamen die wichtigsten Judenmörder des NS-Regimes über die so genannte „Klosterroute“ nach Südamerika. Erst unter Johannes XXIII. erfolgte eine wirkliche Distanzierung von der Verteufelung der Juden. Und ein offizielles Eingeständnis des eigenen Versagens – Papst Pius verlor während des ganzen Krieges kein Wort zum Judenmord – gab es meines Wissens nie.

Man kann nicht erwarten, dass knappe fünfzig Jahre zweitausend Jahre auslöschen.
Wie sehr Antisemitismus Teil der europäischen Kultur ist, kann jeder beim Lesen großer russischer Romane oder derzeit im Kino bei Shakespeares „Kaufmann von Venedig“ sehen: Der Jude Shylock bringt dort alle nur denkbaren Argumente gegen den Antisemitismus vor – stellt ununterbrochen die Frage, was ihn denn von jedem anderen Menschen unterscheide, dass man ihn derart verfolge. Doch dann gibt das Stück die gleiche Antwort wie Dostojewskis „Schuld und Sühne“: Der Jude ist hartherzig – will nicht darauf verzichten, einem Christen das Herz aus dem Leib zu schneiden, weil der die Schulden nicht bezahlen kann, die er aus Edelmut auf sich geladen hat.

Knappe fünfzig Jahre christlicher Distanzierung vom Antisemitismus können nicht imstande sein, zweitausend Jahre antisemitischer Indoktrinierung auszulöschen.

Aber müssten nicht die Bilder von Auschwitz, Treblinka oder Mauthausen ausgereicht haben – schon gar in Österreich und Deutschland, wo man um die eigene Mitschuld wusste?

Ich fürchte, dass das einen wichtigen psychologischen Mechanismus außer Acht lässt. Gerade weil das Verbrechen an den Juden so ungeheuerlich war, muss – gerade in Deutschland und Österreich – der unterbewusste Versuch stattfinden, es wenigstens ein ganz klein wenig begreiflicher zu machen: indem man sich daran klammert, dass die Juden eben doch gewisse Eigenschaften haben, die sie unsympathischer als andere machen. Nur wenn man ihnen eben doch mehr Geiz, Verschlagenheit oder Hochmut als anderen bescheinigt, kann man den Vätern und Großvätern eher nachsehen, dass sie zugesehen haben, wie man jüdische Geschäfte zertrümmerte und jüdische Nachbarn aus ihrer Wohnung vertrieb, um sie in Viehwaggons zu pferchen.

Auschwitz kann den Antisemitismus nicht auslöschen, weil es ihn als „Milderungsgrund“ für unvergessene Mitschuld immer auch neu erschafft.