Der Kampagnenjournalismus schwächelt

Beispiel EU-Vertrag: Selbst die „Krone“ stellt nicht mehr viel auf die Beine.

Am Tag danach gab sich der Herausgeber müde, aber zufrieden. Mit dem Beschluss des Nationalrats über den EU-Vertrag sei bloß eine Schlacht verloren gegangen, aber noch lange nicht der Krieg, feuerte Hans Dichand am Mittwoch seine Leser an: „Stets habe ich Mitstreiter gefunden, aber noch nie so viele wie jetzt“, schrieb der 87-jährige Zeitungszar. „Es kam zu friedlichen Demonstrationen von zehntausenden unserer Millionenleserschaft.“
„Millionenleserschaft“ stimmt, „zehntausende“ ist stark übertrieben: Laut Polizei kamen zur ersten großen Protestkundgebung gegen den von der „Kronen Zeitung“ so hingebungsvoll bekämpften EU-Reformvertrag rund 5000 Menschen. Am Freitag darauf waren es 2500, und am Vorabend der Ratifizierung durch den Nationalrat versammelten sich nur noch 1500 zum letzten Protest auf dem Ballhausplatz. Ob man davon auch noch den ebenfalls aufmarschierten Trupp Neonazis abziehen will, ist Geschmackssache.
1500 bis 5000 Demonstranten – das ist nicht wenig. Aber nur zum Vergleich: 1993 protestierten rund 250.000 Menschen bei dem von der „Krone“ verhöhnten „Lichtermeer“ gegen das Anti-Ausländer-Volksbegehren der FPÖ.
Recht schief ist denn auch der Vorwurf des „Krone“-Europa-Ideologen Hans-Peter Martin, die Brüssel-hörigen Medien hätten den Widerstand totgeschwiegen. Vorgetragen in einem Blatt, nach dem laut jüngster Medienanalyse 42 Prozent der österreichischen Zeitungsleser greifen, wirkt das drollig.

Es haben ja beide etwas davon: Hans-Peter Martin, als Einmannfraktion in der Europapolitik eine Quantité négligeable, verfügt in der „Krone“ über eine mächtige Bodenstation. Die „Krone“ wiederum hat ein Thema, mit dem sie sich als politische Macht jenseits des Parteiensys­tems in Erinnerung bringt. Vor allem aber hat sie wieder einen Außenfeind, dem sie sich im Namen ihrer Leser entgegenwerfen kann. Sie will ja nicht nur Zeitung, sie will seit jeher Schutzmacht sein: gegen Hainburg, gegen Temelin, gegen die Waldheim-Gegner und jene, die die Soldatengeneration nicht würdigen; gegen die Bildung einer schwarz-blauen Regierung und gegen deren Kritiker in Europa; gegen die Gentechnik und jetzt eben gegen den EU-Vertrag.
Kommt der Feind von außen, ist er groß, mächtig und fremd – umso besser, weil dann Niederlagen weniger peinlich wirken. Verliert man tatsächlich, nimmt man die Lieblingsstellung der Österreicher ein: die Opferpose.
So risikolos solcher Journalismus also ist, so schrill ist seine Tonlage. In dem vom Herausgeber selbst geleiteten und in Kampfzeiten auf vier Seiten erweiterten Leserbriefteil ist da schon einmal die Rede von den „rückgratlosen rot-schwarz-grünen EU-Schleimern“, vom „Tag des Verrats“. Alles ist in Gefahr: unser Wasser, unser Recht, „in den eigenen vier Wänden“ zu rauchen, das „Erbe unserer Väter“, unsere Demokratie. Das besitzanzeigende Fürwort ist wichtig: „Uns“ wird schon wieder etwas weggenommen. Ein Leserbriefschreiber wähnt sogar schon die „Besatzungsmächte“ vor den Toren Österreichs, weil ja der Staatsvertrag verletzt werde. „Verfassungsbruch im Parlament!“, plärrte die „Krone“ am Tag nach der Ratifizierung und erklärte damit die besten Verfassungsrechtler der Republik zu Laien.

Auf den Fotos von den Demonstrationen sind viele Menschen zu sehen, die zuvor wohl noch nie auf einer Demo waren: Grauköpfe meist, oft um die sechzig. Vielleicht sind sie gerade in Pension gegangen, haben ein hartes Arbeitsleben hinter sich und müssen nun mit einer 1000-Euro-Rente zurechtkommen. Ein neues Auto wird sich nicht mehr ausgehen, und die Möbel werden auch noch länger halten müssen. Für einen Urlaub reicht es kaum, vielleicht bezahlt die Krankenkassa eine Kur. Vorteile der Osterweiterung, starker Euro, offene Grenzen, schnurrende Wirtschaft? Sie haben wenig davon. Sie lesen von Managern mit Millionengagen, von Briefkästen in Liechtenstein und von korrupten EU-Beamten. Sie hören von einer Bankenkrise in den USA und fürchten um die eiserne Reserve am Sparbüchl. Sie erschrecken jeden Tag an der Supermarktkassa. Und sie warten auf jemanden, der ihnen das alles erklärt. Die „Krone“ tut das. Auf ihre Weise halt. Aber das hat nicht mehr den alten Schwung der Kampfzeiten, als selbst die Tierecke in den Dienst der Sache gestellt wurde. Bleischwer lagen sie da, die Expertisen der in ihrer Zunft isolierten Juristen, die sich in den Dienst der „Krone“ gestellt hatten. Fruchtlos mühten sich die Reporter ab, von einer „breiten Ablehnungsfront“ zu erzählen, die es nicht gab. Der schwerste Schlag: Die Politik scheint sich erstmals nicht mehr vor der „Krone“ zu fürchten und tut, was sie für richtig hält. Es glimmt ein kleines Licht der Hoffnung auf: Hat dieser Form des Kampagnenjournalismus das Stündlein geschlagen? Wird die „Krone“ zur ganz normalen Zeitung? Wir wünschen es ihr. Und uns.