Der Kampf um die verlorene Ehre

Auslandsdemokraten Nicht nur in Österreich, auf der ganzen Welt erleben die „Democrats Abroad“ derzeit regen Zulauf. Innerhalb eines Jahre ist die Zahl der Länderorganisationen von 32 auf rund 70 angestiegen, sogar im Irak gibt es sie: Die „Donkeys in the Desert“ – die „Esel in der Wüste“ – haben sich nach dem traditionellen Wappentier der Demokraten benannt. Am Parteitag in Boston galten die „Democrats Abroad“ als 51. Bundesstaat und hatten neun Delegiertenstimmen zu vergeben. Zuständig für den Kerry-Wahlkampf in Europa ist übrigens Johns Schwester Diana Kerry. Sie hat im Mai Österreich besucht und dabei so manchen Auslandsamerikaner für sich und ihren Bruder begeistert.

Kristin Smeral hat sich grob verschätzt. Gerade hat die junge Vorsitzende des österreichischen Ablegers der US-Demokraten einige Kaffeetische für ein knappes Dutzend Gäste zusammengeschoben. Doch der Andrang zum Hinterzimmer des Wiener Café Prückel ist merklich größer als erwartet. „Bin ich hier bei den Democrats Abroad?“, lautet die meist etwas unsichere Frage der Eintretenden, die mit einem „Welcome!“ aus mehr und mehr Kehlen beantwortet wird. Auch an den Nebentischen werden leere Korbstühle rar, als sich der Raum innerhalb kürzester Zeit mit gut 40 Leuten aller Altersklassen füllt – vom Schüler über die Technikerin bis zum Methusalem mit Pferdeschwanz.

Schon bei den ersten Wortmeldungen wird klar, was sie alle zusammengebracht hat: George W. Bush, oder präziser, die Abneigung gegen ihn und seine Politik. Viele der Anwesenden leben schon seit Jahren in Österreich und pflegen normalerweise nur wenig Kontakt zu anderen US-Bürgern. Doch nun wollen sie endlich Gleichgesinnte und Leidensgenossen treffen, wollen ihrem Unmut Luft machen und sich versichern, dass sie nicht die einzigen Amerikaner sind, die den Mann im Weißen Haus für eine Katastrophe halten und ihn von dort verjagen wollen.

Da ist der Hausmann Joey Green, eigentlich ein Fan des grünen Kandidaten Ralph Nader, der sich diesmal jedoch verpflichtet fühlt, für Kerry zu werben. Da ist Tim Dee, ein Pensionist, der im November zum ersten Mal seit über 30 Jahren wählen geht, weil Bush allzu viel Schaden angerichtet habe. Da ist Bill Quam, der gerade die „Democrats Abroad“ in Bratislava gegründet hat und dafür großen Applaus erntet. Und da ist Maximilian Zinn-Zinnenburg, ein österreichischer Politikstudent, der schon einmal für den Wahlkampf eines Republikaners gearbeitet hat und sich nun als Freiwilliger der Kerry-Kampagne in Washington D. C. anschließen wird.

John F. Kerry spricht den Anwesenden mit dem zweiten Teil seines Wahlslogans aus der Seele: „Stronger at Home, respected in the World.“ Einer nach dem anderen beklagt wortreich Amerikas Verlust von Ansehen, der im Ausland zuerst zu spüren ist. „Wir verlieren nicht nur Respekt – wir züchten Hass!“, fürchtet der junge Shareef
Fahim, der aus Ägypten stammt. „Die Leute in den USA wissen das nicht einmal, sie haben keine Ahnung, was in der Welt los ist!“, klagt eine ältere Lehrerin. Und der bärtige Harold Otto fordert: „Wir müssen das den Amerikanern zuhause klar machen!“ Köpfe nicken zustimmend, Arme werden zum Zeichen von beabsichtigten Wortmeldungen in die Höhe gereckt, und die Stunden vergehen wie im Flug.

Etwas bestimmter als zuvor und mit neuem Schwung treten Kerrys Jünger schließlich in die Dunkelheit hinaus, die das Café umhüllt. Demnächst wollen sie einander wieder treffen, um sich gemeinsam Michael Moores Kinofilm „Fahrenheit 9/11“ anzusehen, und bis dahin eifrig Wähler werben.

Zurück bleiben Kristin Smeral und eine Hand voll Mitstreiter, erschöpft, aber zufrieden, und fabrizieren auf den nun leeren weißen Tischchen Kerry-Ansteck-Buttons.
Das Treffen hat ihre Erwartungen bei weitem übertroffen: „So viele Leute waren noch nie da“, freut sich Kristin. Sie und ihre Freundin Antje Lewis hatten die österreichische Dependance der „Democrats Abroad“ erst im vergangenen Dezember initiiert – im Alleingang und mit privatem Geld. Inzwischen, erzählen sie stolz, zählen die österreichischen Democrats mehr als 300 Mitglieder und haben über 600 Auslandsamerikanern bei der komplizierten Registrierung für die Präsidentschaftswahl geholfen.

Das könnte sich noch auszahlen: Schließlich hat Al Gore im Jahr 2000 gegen George W. Bush in Florida nur um 537 Stimmen verloren.