Der Kampf um Najaf

Gegen die irakischen Schiiten können die Amerikaner nicht siegen.

Die Schiiten waren Amerikas Hoffnung. Sie könnten das Rückgrat des befreiten Irak werden. Dachte man in Washington nicht ohne Grund.

Die Schiiten, die sechzig Prozent der irakischen Bevölkerung stellen, wurden von Saddam Hussein besonders malträtiert. Gewiss: Die USA unter George Bush Vater haben die Schiiten einstmals im Stich gelassen. Nach dem ersten Golfkrieg 1991 hatte man sie aufgerufen, sich gegen den Diktator zu erheben. Als sie das dann taten, sah die US-Armee, die gerade gesiegt hatte, zu, wie Saddam den Aufstand blutig niederschlug. Automatisch proamerikanisch würden sie also nicht sein. Aber, so kalkulierte man: Die majoritären Schiiten, die jahrzehntelang von der Macht in Bagdad ausgeschlossen waren, hätten das allergrößte Interesse an Demokratie und Wahlen. Weil die Mehrheitsregel sie automatisch zur politisch beherrschenden Gruppierung machen würde.

Anfangs schien die amerikanische Rechnung auch aufzugehen. Während im sunnitischen Zentrum des Landes Chaos herrschte, sich die Angriffe gegen die Besatzung und jene, die mit ihr zusammenarbeiten, multiplizierten, blieb der schiitische Süden zunächst relativ ruhig. Zwar wurden einige prowestliche Ayatollahs umgebracht. Aber der allseits anerkannte spirituelle Führer der Schiiten, Großayatollah Ali al-Sistani, verurteilte den gewaltsamen Widerstand gegen die US-britischen Okkupanten.

Die Schiiten waren die Hoffnung der Amerikaner. Jetzt sind sie ihr Albtraum. Und der Albtraum hat einen Namen: Moqtadar al-Sadr.

Bis vor wenigen Monaten schien dieser Ayatollah niedrigen Ranges ein marginaler islamischer Rappelkopf, ein Radikalinski, der gegenüber dem gemäßigten und friedlich gesinnten schiitischen Establishment keine Chance hatte.

Das hat sich gründlich geändert. Ihm ist es gelungen, die unterprivilegierten Schichten der Schiiten gegen die Besatzung zu mobilisieren und seine so genannten Mahdi-Milizen aufzubauen. Aber stark ist er nicht durch die Kampfkraft seiner bewaffneten Kombattanten, die vergangene Woche den Angriffen auf die für die Schiiten heilige Stadt Najaf, in der sie sich verschanzten, widerstanden. Stark ist al-Sadr durch seine Politik der Symbole. Da ist er, was immer man von ihm halten mag, ein Meister.

Seine Mannen haben sich in die prachtvolle Moschee mit dem Grabmal von Imam Ali zurückgezogen. Ali, der Schwiegersohn Mohammeds, der von seinen Feinden umgebracht wurde, ist nach schiitischer Version der oberste Heilige nach dem Propheten. Al-Sadr hat nun versprochen, bis zu seinem letzten Blutstropfen zu kämpfen. Und reiht sich damit ganz bewusst in die lange Reihe von schiitischen Märtyrern ein. Da ist er auch familiär belastet: Sein Vater, ein allgemein verehrter Ayatollah, wurde 1999 wegen Anti-Saddam-Predigten ermordet, so wie dessen Vater zwanzig Jahre zuvor. Auch er hatte sich gegen den Diktator gestellt.

In den Gefechten in Najaf wurde Moqtadar al-Sadr vergangenen Freitag verletzt. Wie schwer stand bei Redaktionsschluss noch nicht fest. Aber wie immer dem auch sein mag: Er hat sich in eine Position manövriert, in der er, oder zumindest das, wofür er steht, eigentlich nicht verlieren kann: Wenn er im Kampf in dieser heiligen Stadt getötet wird, dann ist er ein Märtyrer, und tausende und abertausende Schiiten werden die Waffe in die Hand nehmen, um ihn zu rächen. Ziehen sich aber das US-Militär und die irakischen Regierungstruppen, wie schon im April einmal, zurück und schließt man neuerlich einen Waffenstillstand mit al-Sadr, dann ist er ein Held, der erfolgreich den fremden Besatzungsmächten getrotzt hat.

Der letzte Waffenstillstand hat ihm schon einiges Prestige gebracht: In einer Meinungsumfrage im vergangenen Mai lagen al-Sadrs Popularitätswerte bereits bei 68 Prozent – die des US-Militärs im Land bei zehn Prozent.

Natürlich können die Amerikaner – gemeinsam mit den irakischen Regierungstruppen – die Mahdi-Milizen in Najaf militärisch niederringen. Das wäre aber – und das scheint Washington inzwischen zu ahnen – ein Pyrrhussieg. Denn jetzt schon handelt es sich im Süden nicht mehr nur um vereinzelte Akte von Terror oder sporadische Freischärlergefechte. Es hat sich eine veritable Widerstandsbewegung entwickelt, in allen größeren Städten des Südens und in den schiitischen Vorstädten Bagdads – eine Mischung aus Volksaufstand und Guerillakampf. Die Amerikaner gehen mit aller Härte gegen diese Bewegung vor: mit Bomben aus der Luft, mit Raketen und mit breit angelegten Panzerangriffen. Vergangene Woche fanden dabei hunderte Iraker den Tod. Und jeden Tag wird die Bewegung breiter und populärer.

Es ist geradezu unheimlich anzusehen, wie die Koalition, die immerhin den Irak von einem ruchlosen Diktator befreit hat, immer mehr die Kontrolle über das Land verliert. Wichtige Städte im sunnitischen Gebiet hat man schon aufgegeben. Falluja etwa, ein Zentrum des sunnitischen Widerstands, hat man einem ehemaligen Saddam-General überantwortet – der aber dort nichts zu sagen hat: Die Stadt ist in der Hand von mit al-Qa’ida verbündeten Fundis. Und nun brechen sukzessive die schiitischen Gebiete weg.

So sehr man Verständnis aufbringen kann für den Widerstand gegen die ausländischen Besatzer: Freude über die Entwicklung ist aber nicht angebracht. Die Führung der Resistance liegt in der Hand von islamistischen Radikalen. Und der friedliche Weg zu einem stabilen und womöglich halbwegs demokratischen Nach-Saddam-Irak scheint immer mehr und für lange Zeit blockiert zu sein.