Der genießende Kavalier

Österreich und Italien befinden sich im politischen Gleichschritt.

Eine Reaktion auf die Spaltung der FPÖ war überaus beeindruckend. Jene der Nobelpreisträgerin Elfriede Jelinek: „Der Kavalier schweigt und genießt“, antwortete sie kurz auf die aufgeregte Journalistenfrage, was sie denn zu den Turbulenzen bei den Freiheitlichen sage. Die Versuche anderer Kulturschaffender und Kommentatoren, rationale Tendenzen in dem sich entfaltenden Chaos zu entdecken, Prognosen zu wagen oder glaubwürdige Empörung zu artikulieren, wirkten seltsam uninspiriert und aufgesetzt im Vergleich zu Jelineks Lakonie. Die von Rechtskreisen ob ihrer links-linken elitär-unverständlichen Abgehobenheit gescholtene Literatin schien diesmal so recht dem Volk aus der Seele zu sprechen. Von der Politik, wie sie sich in den vergangenen Jahren präsentierte, seit Langem degoutiert, hatte das Volk diesmal wenigstens etwas zu lachen. Etwas zu genießen.

Ähnlich kavalierhaft genießend kann der international Interessierte über die Landesgrenzen hinaus gen Süden blicken. Fast zeitgleich mit den Regierungsturbulenzen in Wien ging es auch in Rom rund. Vom Hype um den Tod des Papstes in den Hintergrund der Aufmerksamkeit gedrängt, musste die regierende Rechtskoalition von Silvio Berlusconi eine verheerende Schlappe bei den Regionalwahlen einstecken. Während in Wien die Koalition von Wolfgang Schüssel durch den freiheitlichen Spaltpilz gefährdet ist, so ist es in Rom das abbröckelnde „Haus der Freiheit“, wie die Koalition an der Macht sich nennt, das dem regierenden Medienmilliardär und dem italienischen Volk zum Bewusstsein bringt, dass auch in Rom nichts ewig hält.

Auf jeden Fall wird am Tiber wie an der Donau heftig über vorverlegte Neuwahlen spekuliert. Und da wie dort hätten die Leute, die normalerweise nicht besonders wahlwillig sind, nichts dagegen, demnächst zu den Urnen gerufen zu werden. Das zeigen die Umfragen.

In beiden Ländern macht sich jedenfalls das Gefühl breit, dass eine Ära zu Ende geht. Eine politische Machtkonstellation, die, und das kommt vielen erst jetzt so recht wieder zum Bewusstsein, ganz schön verrückt war:

  • Da Schwarz-Blau mit dem starken Bin-schon-weg-bin-wieder-da-Mann in Kärnten, der Regierungskritiker vor den Kadi zerren will, Verfassungsrichter verspottet, mit seinen gestrigen Sprüchen und seltsamen Nahostreisen Österreich immer wieder in die internationalen Schlagzeilen bringt; mit einer freiheitlichen Regierungstruppe, deren Mediokrität und Dilettantismus durch eine bloße Ministeraufzählung augenfällig wird: Krüger, Sickl, Forstinger, Haupt, Schweitzer, Haubner – die Liste ist beliebig fortzusetzen; und mit einem Kanzler Schüssel, der zu allem schweigt, noch einmal mit der Haider-Truppe paktiert und am Ende seiner Kanzlerschaft zur originellen Erkenntnis kommt: „Haider ist eine konstruktive Persönlichkeit.“
  • Dort mit Berlusconi einer der reichsten Männer der Welt im Regierungspalast, der fast die Gesamtheit der italienischen Medien kontrolliert, der mit seinem operettenhaften Führergehabe an Mussolini erinnert, wegen Korruption in vielen Fällen angeklagt wurde, Gesetze beliebig durchdrückt, die ihm den Knast ersparen, und der andauernd von einer kommunistischen Richterverschwörung der ihn verfolgenden „roten Roben“ faselt; verbündet mit den ehemaligen Neofaschisten, welche paradoxerweise noch die vernünftigste und zivilisierteste Strömung in der Regierung sind, und mit Umberto Bossi, dem separatistischen rechtsradikalen Wirrkopf aus dem Norden. Und während Berlusconi allen alles versprach – eine blühende Wirtschaft und eine glänzende Zukunft –, hat die Regierung das Land in nur vier Jahren gründlich heruntergewirtschaftet.

Warum aber waren solche Verrücktheiten mehrheitsfähig? Warum schworen so viele Menschen auf Haider und Berlusconi?

Die letzte Dekade des vergangenen Jahrhunderts war eine ganz spezielle. Es gab Umwälzungen, die das Leben der Menschen tief greifend beeinflussten: Ostöffnung, Westintegration, Ausländerzustrom in Österreich, der Zusammenbruch des politischen Systems, das Verschwinden des traditionellen Parteienspektrums in Italien. Kein Zweifel, dass diese Transformationen, verschärft durch Modernisierung und das, was Globalisierung genannt wird, die Leute erschreckten, verunsicherten und fundamental verwirrten. Zur großen Konfusion kam aber die drückende Langeweile. Man hielt die fade Politik des sozialdemokratisch geprägten halblinken „Justemilieu“, das die rasanten Veränderungen recht und schlecht verwaltete, nicht mehr aus. Die Kombination von Verwirrtheit und Langeweile stand an der Wiege von Berlusconi und Schwarz-Blau.

Jetzt – eh schon erstaunlich spät – haben aber die Leute den berechtigten Eindruck, dass der Spuk zu Ende geht. Und zwar nicht durch leidenschaftliche Kämpfe gegen die Mächtigen – in beiden Ländern präsentiert sich die linke Opposition nicht gerade als kräftige Alternative –, sondern durch spektakuläre und skurrile Selbstdemontage der Regierenden. Und das Publikum schaut zu, halb erleichtert, halb belustigt. Und es sieht ganz so aus, als ob die rechten Regierungen, die Anfang dieses Jahrzehnts in Rom und Wien an die Macht kamen, demnächst im Gelächter untergingen.

Der Kavalier genießt. Als Volk wird der Kavalier aber in Österreich wie in Italien – früher oder später – doch sprechen. An den Urnen. Da dürfte er dann nach den Jahren der politischen Verrücktheit mit Gelassenheit für die Rückkehr zu einer faden Normalität votieren.