Der Konflikt Kreisky - Wiesenthal: Neue Dokumente zeigen den brutalen Streit

Der Konflikt zwischen Bruno Kreisky und Simon Wiesenthal wurde brutaler ausgetragen, als bisher bekannt war. profil konnte vergangene Woche unter Verschluss gehaltene Dokumente einsehen.

Die Kapitulation bestand aus fünf handgeschriebenen Zeilen auf einem blauen Abrisskalender des ÖGB-Verlags: „Ich möchte feststellen, dass ich Herrn Wiesenthal nie als Nazikollaborateur bezeichnet habe, wie einige Agenturen fälschlicherweise mir zugeschrieben haben“, las Bruno Kreisky, damals fast 65, am 3. Dezember 1975 vor dem Nationalratsplenum vom Blatt. Ohne diese Krücke hätte er das Friedensangebot an den wohl unangenehmsten Gegner seiner Karriere nicht über die Lippen gebracht. Das blaue Blatt Papier mit Kreiskys Handschrift gibt es noch. Es ist Teil des Akts „Wiesenthal-Konflikt“, gelagert im Kreisky-Archiv im alten Parteihaus an der Rechten Wienzeile.

Ein ganzes Stockwerk des historischen Gemäuers nimmt der papierene Nachlass des zur Kultfigur abgereiften Ex-Bundeskanzlers ein: Hunderte Kladden mit Korrespondenz, Handschriften, Fotos und persönlichen Aufzeichnungen Bruno Kreiskys liegen hier, wo schon Victor Adler und Otto Bauer ihre Büros hatten. Sieben der Boxen enthalten ausschließlich Papiere aus dem Zeitraum Oktober 1975 bis Jänner 1976, aus jenen Wochen also, in denen Bruno Kreisky in einen unseligen Konflikt schlitterte, über dessen Ursachen bis heute gerätselt wird.

Einige der Dokumente waren auch dem israelischen Historiker Tom Segev bei den Recherchen für seine vergangene Woche erschienene Wiesenthal-Biografie zugänglich gewesen. profil konnte vergangene Woche als erstes Medium den gesamten Bestand einsehen.

Er bietet ein Bild eines Konflikts, in dem es um Ideologie, Geschichte, Herkunft und Religion ging. Mehr noch als jede Weltanschauung trennten Kreisky und Wiesenthal Klüfte, wenn es um das Verständnis ihres Judentums ging. Und der Kampf wurde brutaler ausgetragen, als bisher bekannt war.

Dabei war es keine echte Neuigkeit, was Simon Wiesenthal, „der Nazi-Jäger“, unmittelbar nach der von Kreiskys SPÖ im Oktober 1975 mit absoluter Mehrheit gewonnenen Nationalratswahl bei einer Pressekonferenz outete: Dass der von Kreisky als potenzieller Koalitionspartner ins Auge gefasste FPÖ-Obmann Friedrich Peter bei der SS gewesen war, war lange bekannt. Peter war in dem von den US-Besatzern eingerichteten Anhaltelager Glasenbach interniert gewesen. Mit seiner Vergangenheit schien er auch zehn Jahre danach noch nicht gebrochen zu haben: „Ich bin nicht jenen Kreisen zuzuzählen, die angeblich erpresst und gezwungen wurden. Ich bekenne auch heute, dass ich freiwillig zur SS gegangen bin“, diktierte er 1956 markig der rechtsradikalen Zeitung „Wikingruf“. 1969 wurde Peter – damals schon seit zehn Jahren FPÖ-Obmann – sogar von der Staatsanwaltschaft Graz einvernommen. Die Medien nahmen davon kaum Notiz. Auch das 1965 vom ÖGB-Verlag veröffentlichte Kriegstagebuch von Peters SS-Brigade konnte das Interesse der österreichischen Nachkriegsöffentlichkeit nicht wecken. Tausende Juden waren von Peters Einheit erschossen oder in die weißrussischen Pripjetsümpfe getrieben worden – meist Frauen und Kinder.

Davon wisse er nichts, hatte sich der FPÖ-Obmann vor den Behörden gerechtfertigt, da sei er auf Urlaub gewesen. Schwer zu erklären, war­um er dann einer jener 31 Männer war, die in der 5000 Soldaten umfassenden SS-Brigade mit dem Eisernen Kreuz ausgezeichnet wurden, einer der 28, die man für eine höhere „Führerausbildung“ erkor.

Die Sozialdemokraten redeten sich Peter dennoch schon seit den frühen sechziger Jahren schön. Wie sie mochte der 1921 in Attnang-Puchheim geborene Sohn einer roten Eisenbahnerfamilie die ÖVP nicht. Deren Spitzen waren für ihn die Nachfolger der Austrofaschisten, die schon sein Vater gehasst hatte. Der um zehn Jahre ältere Sozialdemokrat Bruno Kreisky wiederum hatte im Ständestaat die Zelle mit jungen Nationalsozialisten geteilt.

Gemeinsamkeiten.
Man hatte zumindest einen gemeinsamen Gegner – das ist nicht wenig in Österreichs Innenpolitik. Die SPÖ testete die Tragfähigkeit eines möglichen Regierungsbündnisses. Im Streit um das Einreiseverbot für Otto Habsburg schlug sich Peters FPÖ 1963 erstmals auf die Seite der SPÖ. Als die ÖVP 1966 die absolute Mehrheit errang, saßen Sozialdemokraten und Freiheitliche gemeinsam auf der Oppositionsbank.

In der Nacht des 1. März 1970 – wenige Stunden zuvor war die SPÖ bei den Nationalratswahlen relativ stärkste Partei geworden – betrat ein später Besucher die SPÖ-Zentrale in der Wiener Löwelstraße. Nur im Erkerzimmer des zweiten Stocks, in dem Bruno Kreisky auf Friedrich Peter wartete, brannte noch Licht. Das hier abgeschlossene Geschäft war nicht wirklich unmoralisch: Peter sagte zu, eine SPÖ-Alleinregierung ein Jahr lang zu unterstützen, wenn im Gegenzug das kleine Parteien krass benachteiligende Wahlrecht reformiert werde.

Kreisky schlug ein, Peter hielt Wort.
Kreiskys erste Regierungserklärung vom 27. April 1970 liest sich wie ein Persilschein für den neuen Partner: Es sei ein „unveräußerliches Recht in der Demokratie, seine politischen Auffassungen immer wieder im Lichte der Erfahrungen und Erkenntnisse zu überprüfen. Das muss auch für die Zeit vor 25 Jahren gelten“, heißt es da.

Auch nachdem die SPÖ 1971 die absolute ­Mehrheit erreicht und eine Alleinregierung gebildet hatte, hielt die Mesalliance einigermaßen: Peters FPÖ trug wichtige Justizreformen mit und schickte sich sogar an, der Fristenlösung zuzustimmen, bevor sie doch Angst vor allzu großer Nähe zu den ­Roten bekam.

Unweit von Peters oberösterreichischer Heimat lebte in Linz-Bindermichl seit Kriegsende ein Mann, dessen Leben radikal anders als jenes des Eisenbahnersohns Friedrich Peter verlaufen war. Am Silvestertag 1908 in eine galizische Händlerfamilie geboren, war Simon Wiesenthal ein Altösterreicher aus einem der typischen jüdischen Stetl. In Prag hatte er Architektur studiert, sein Büro in Lemberg musste er 1939 nach der sowjetischen Besetzung Ostpolens schließen. Die Sowjets ermordeten seinen Stiefvater. Bis zu seinem Lebensende sollte der Nazi-­Jäger ein entschlossener Antikommunist bleiben.

Als Hitler-Deutschland die Sowjetunion überfiel, wurde auch Simon Wiesenthal in den Strudel des Grauens gezogen. Er ging durch die Konzentrationslager Auschwitz, Groß-Rosen und Buchenwald. Das Kriegsende erlebte er in Mauthausen. Seine Familie war fast zur Gänze ausgerottet, nur seine Frau Cyla, eine entfernte Verwandte Sigmund Freuds, hatte durch Zufall überlebt. Die Wiesenthals blieben in Linz, 1946 wurde ihnen eine Tochter geboren.

Der Zuwanderer erregte rasch das Interesse der österreichischen Behörden. Der erste Bericht, den die Staatspolizei über Simon Wiesenthal anlegte, stammt aus dem Mai 1950. Er ist Teil jener Akten, die sich Bruno Kreisky 1975 während des Konflikts mit Simon Wiesenthal aus dem Stapo-Archiv kommen ließ und die profil vergangene Woche im Kreisky-Archiv einsehen konnte. Der Neu-Linzer sei „stark deutschfeindlich eingestellt“, heißt es da ­abschätzig. „Er sieht seine hauptsächliche Aufgabe darin, NS-Kriegsverbrecher aufzuspüren.“ Noch ­etwas fanden die Staatspolizisten heraus: Wiesenthal wurde vom israelischen Geheimdienst bezahlt (Tom Segev bestätigt das in seinem Buch), womöglich auch vom französischen. Als er 1953 um die österreichische Staatsbürgerschaft ansuchte – zuständig war der oberösterreichische Landeshauptmann Heinrich Gleissner (ÖVP) –, legte die Staatspolizei deshalb vorerst ihr Veto ein. Erst nach einem Gespräch Wiesenthals mit Stapo-Chef Maximillian Pammer ging die Sache über die Bühne.

Bruno Kreisky ließ sich 1975, am Höhepunkt des Konflikts, auch diesen Akt aus dem Innenministerium kommen und murmelte danach am Rande ­einer Pressekonferenz, bei der Verleihung der Staatsbürgerschaft an Simon Wiesenthal sei nicht alles mit rechten Dingen zugegangen.

Während Friedrich Peter Karriere in der Politik machte – 1958 wurde er FPÖ-Obmann –, baute Simon Wiesenthal nach seinem Umzug nach Wien seine Organisation zum Aufspüren von NS-Kriegsverbrechern aus. Seine eigenen politischen Ambitionen lebte er in der Wiener Israelitischen Kultusgemeinde IKG aus, wo er sich in den sechziger Jahren an die Spitze der rechten, der ÖVP nahestehenden Fraktion setzte. Die Mehrheit in der IKG hatte der SPÖ-affine „Bund werktätiger Juden“, dem mit Wiesenthal ein schwieriger, zu Untergriffen neigender Gegner erwuchs. Die Akten im Kreisky-Archiv enthielten ein Schreiben der „Werktätigen Juden“ an SPÖ-Zentralsekretär Willi Liwanec aus dem Jahr 1964, in dem sie sich bitter über „positive Wiesenthal-Berichte in unserer ,Arbeiter Zeitung‘“ beschwerten.

Dossiers.
Vier Jahre später geriet Wiesenthal ins Zentrum einer unangenehmen Affäre: Der ehemalige Staatspolizist Johann Ableitinger beschaffte für alle möglichen „Interessenten“, darunter auch ausländische Geheimdienste, gegen Bezahlung Aktenmaterial seiner ehemaligen Dienststelle. Auch Wiesenthal zählte zu Ableitingers „Kunden“. Ein parlamentarischer Untersuchungsausschuss wurde eingesetzt, die SPÖ hielt in ihrem Minderheitsbericht fest, Wiesenthal habe „auf unerlaubtem Weg Material an israelische Agenten“ geliefert. Die Mehrheitspartei ÖVP schonte Wiesenthal.

Im Wahlkampf 1970 agitierte die ÖVP unverhohlen gegen Bruno Kreiskys jüdische Herkunft. „Ein echter Österreicher“ hieß es auf dem Plakat von ÖVP-Kanzler Josef Klaus. Gleichzeitig wurde Kreisky zugetragen, dass auch Simon Wiesenthal gegen ihn Stimmung mache. In den Aufzeichnungen im Kreisky-Archiv findet sich etwa ein Vermerk, wonach der Verleger Fritz Molden Kreisky über ein Gespräch mit Wiesenthal informiert habe: Der Nazi-Jäger habe gemeint, ein Bundeskanzler Kreisky würde Israel schwer schaden, seine Wahl müsse daher auf jeden Fall verhindert werden.

Als Kreisky im April 1970 Kanzler wurde, schlug Wiesenthal erstmals ernsthaft zu: Er steckte dem „Spiegel“ ein Dossier, wonach vier Mitglieder der roten Minderheitsregierung ehemalige Nationalsozialisten seien. Das stimmte tatsächlich. Landwirtschaftsminister Hans Öllinger, der Kreisky von der Kärntner SPÖ empfohlen worden war, entpuppte sich als ehemaliger SS-Mann und musste zwei Wochen nach der Angelobung zurücktreten. Sein Nachfolger Oskar Weihs war schon vor 1938 illegales ­NSDAP-Mitglied gewesen, Bautenminister Josef Moser der Hitler-Partei sofort nach dem Anschluss beigetreten. Im Fall des kürzlich verstorbenen Verkehrsministers Erwin Frühbauer war Wiesenthals Verdikt ungerecht: Der damals 18-Jährige hatte als Soldat an der Ostfront gedient, als der Kompaniekommandant die gesamte Einheit im April 1944 zum Beitritt in die NSDAP verdonnerte: „Um dem Führer zum Geburtstag eine Freude zu machen.“

Kreisky und die SPÖ tobten.
Am SP-Parteitag nach der gewonnenen Wahl verstieg sich der damalige Zentralsekretär Leopold Gratz zu düsteren Drohungen: „Es wird sich bald zeigen, ob dieser Staat die Feme-Organisation des Ingenieur Wiesenthal noch braucht!“ Dachte Kreisky wirklich daran, Wiesenthals Dokumentationszentrum zu schließen?

Der neue Kanzler war jedenfalls fest davon überzeugt, dass Wiesenthal braune Flecken nur bei den Sozialdemokraten suchte. So hatte der Nazi-Jäger zweifelsfrei Informationen über die illegale NSDAP-Mitgliedschaft des legendären ÖVP-Finanzministers Reinhard Kamitz gehabt (der war sogar SS-Anwärter gewesen), hatte davon aber nie Gebrauch
gemacht.

Im Mai 1970 erteilte Kreisky Innenminister Otto Rösch diskret den Auftrag, die Vergangenheit aller Mitglieder der eben abgetretenen ÖVP-Regierung zu durchleuchten. Der entsprechende Bericht der Staatspolizei findet sich im Kreisky-Archiv – aber er ist eher mager. Zu Ex-Kanzler Josef Klaus heißt es etwa, dieser habe laut internen NS-Berichten „versucht, sich den Zielen der NSDAP anzupassen“, Justizminister Hans Klecatsky war bei der HJ – das war es dann auch schon.

Zwei Wochen später, im Juni, berichtete ein ­Bekannter Kreisky über seine Unterhaltung mit ­Wiesenthal während eines Flugs nach Zürich. Wiesenthal habe angekündigt, er werde sich weiterhin mit der Vergangenheit der SPÖ-Minister beschäf­tigen und sich dabei auf Justizminister Christian ­Broda konzentrieren. Dieser sei bekanntlich 1943 von der Gestapo wegen Widerstandstätigkeit festgenommen, aber schon nach drei Monaten freigelassen worden. Das könne nicht mit rechten Dingen zugegangen sein.
Einen ähnlich bösen Vorwurf sollte fünf Jahre später Bruno Kreisky gegen Wiesenthal selbst ­erheben.


Im nächsten profil:
Wiesenthal schlägt zu. Rechte für Kreisky. Die SPÖ wird unruhig.