„Der Konsument wird irregeführt“

Der Grazer Lebensmittelchemiker Werner Pfannhauser über Nahrungsmittel mit gesundheitlichem Zusatznutzen. Werner Pfannhauser, 64, ist Vorstand des Instituts für Lebensmittelchemie und -technologie an der TU Graz.

profil: Funktionelle Lebensmittel versprechen einen gesundheitlichen Zusatznutzen. Ist dieser tatsächlich immer gegeben?
Pfannhauser: Es wird damit leider viel Schindluder getrieben. Die Wirkung ist manchmal wissenschaftlich nicht belegt.
profil: Wenn etwa bei der Activia-Studie ein paar hundert Probanden das Joghurt essen und dann befragt werden, ob sie sich besser fühlen …
Pfannhauser: … besteht die Gefahr, dass sie sich die Wirkung einbilden. Daher müsste man mit Joghurts ohne Wirkstoff vergleichen und Marker verwenden, mit denen sich eine eventuelle Wirkung objektiv messen lässt. Bei manchen Studienergebnissen wird der Konsument leider auch in die Irre geführt.
profil: Wie könnte man dem vorbeugen?
Pfannhauser: Eine EU-Regelung, die nur noch klare, belegbare Aussagen erlaubt, ist höchst überfällig. Auf der anderen Seite muss man berücksichtigen, dass ein Lebensmittel kein Arzneimittel ist.
profil: Sie meinen, dass man bei Lebensmitteln keine klinischen Tests verlangen kann?
Pfannhauser: Ja, weil das ein unverhältnismäßig riesiger Aufwand wäre. Man muss einen Mittelweg gehen.
profil: Omega-3-Fettsäuren schützen vor koronaren Herzerkrankungen. Ist deren Beigabe in Nahrungsmitteln sinnvoll?
Pfannhauser: Ja, durchaus. Sie kommen zwar in großer Menge in Meeresfischen vor, aber es gibt Leute, die nicht so gern Fisch essen. Daher ist die Einnahme über Kapseln oder funktionelle Lebensmittel sinnvoll.
profil: Wie erkennt man, ob die enthaltene Menge überhaupt wirkt?
Pfannhauser: In einer durchschnittlichen Portion des Lebensmittels müssen mindestens 15 Prozent der empfohlenen Tagesdosis einer Substanz enthalten sein, damit es in der Produktwerbung genannt werden darf.
profil: Es heißt, die in manchen funktionellen Lebensmitteln enthaltene Substanz Lycopin schütze vor Prostatakrebs.
Pfannhauser: Lycopin, der rote Farbstoff der Tomate, ist ein Karotinoid, also eine Vitamin-A-Vorstufe. Studien haben klar eine Schutzwirkung vor Prostatakrebs nachgewiesen. Die Substanz wirkt als Antioxidans und schützt auch das Herz-Kreislauf-System.
profil: Reicht es denn nicht, regelmäßig frisches Obst und Gemüse zu essen?
Pfannhauser: Kaum jemand isst so oft Frischobst und Gemüse wie nötig, daher kann eine zusätzliche Zufuhr von Antioxidantien durchaus sinnvoll sein.
profil: Manchen Lebensmitteln wird Folsäure zugesetzt, die für Schwangere gut sein soll.
Pfannhauser: Folsäure ist das einzige Vitamin, an dem laut Ernährungsbericht in unserem Land Mangel herrscht. Starker Folsäuremangel am Beginn der Schwangerschaft kann zu Missbildungen des Fetus führen. Aber entscheidend ist der Folsäurestatus vor der Schwangerschaft.
profil: Kann eine Überdosierung solcher Lebensmittelzusätze schädliche Nebenwirkungen haben?
Pfannhauser: Da ist noch viel Forschung nötig. Aber man wird davon ausgehen müssen, dass auch da zu viel schädlich ist.