Der verlorene Krieg

Warum Bush die Israelis zu ihrem verrückten Militärabenteuer im Libanon ermutigt hat.

Der Krieg dürfte schon verloren sein. Nach einem Monat haben die Israelis keines ihrer Kriegsziele erreicht. Niemand redet mehr in Israel von der Eliminierung der Hisbollah oder der Zerstörung der Raketen, deren Abschuss die nordisraelische Bevölkerung immer wieder terrorisiert. Da helfen keine propagandistischen Siegesmeldungen. Vergangene Woche gingen mehr Raketen auf israelische Städte nieder als zuvor. Und der Vormarsch der israelischen Armee im Südlibanon stockt: Die Eliteeinheiten werden von wohl ausgebildeten Kämpfern der hochgerüsteten Schiiten-Miliz in schwere Gefechte verwickelt.

Die Militärexperten sind sich einig: Eine Guerilla wie die Hisbollah ist von einer konventionellen Armee nicht zu schlagen. Selbst wenn man die Hisbollah-Kämpfer hinter den Litani-Fluss zurückdrängt und ihre Infrastruktur schwer beschädigt: Von jenseits des Flusses können sie immer noch Raketen gegen Israel abfeuern. Und dass der Südlibanon von einer Besatzungsmacht nicht wirklich kontrolliert werden kann, wissen die Israelis selbst am besten. Deswegen haben sie ja im Jahr 2000 nach 18-jähriger Präsenz ihre Truppen von dort abgezogen.

Der Krieg ist verloren. Vor allem auch politisch und moralisch. Dabei schien zu Beginn alles so klar zu sein. Israel musste zurückschlagen, als die Hisbollah mit den Ermordungen und Entführungen von israelischen Soldaten und dem Abschuss von Raketen über die Grenze hinweg – zweifellos Aktionen, die als Kriegsverbrechen eingestuft werden können – Jerusalem provozierte. Aber, so schreibt Nehemia Strassler in der israelischen Zeitung „Haaretz“ treffend: Die israelische Armee hätte nach zwei oder drei Tagen, zu einem Zeitpunkt, als die ganze Welt, sogar einige arabische Regime, sich darin einig war, dass Israel das Recht habe, eine robuste Antwort auf die Hisbollah-Aktionen zu geben, die Militäraktion stoppen sollen.

Die israelische Regierung konnte und wollte das nicht. Sie schlitterte in diesen Krieg hinein, den sie nicht gewinnen kann. Das massenhafte Bombardement libanesischer Städte und Dörfer und der Tod von hunderten, wenn nicht tausenden Zivilisten ließ die Stimmung kippen. Die Öffentlichkeit in der Welt ist über die Unverhältnismäßigkeit der israelischen Kriegsführung empört. Und der Hisbollah fliegen die arabischen Sympathien zu. Selbst die libanesischen Christen und Sunniten unterstützen sie voll.

Für die glorreiche israelische Armee aber, die seinerzeit 1967 mit drei regulären arabischen Heeren in sechs Tagen fertig wurde, ist der glücklose Waffengang gegen den „Terrorismus“ im Libanon, der jetzt bereits an die vier Wochen dauert, eine einzige Blamage. Ein Imageverlust sondergleichen, der – selbstbeschädigend – die Abschreckungswirkung dieses fast mythisch gepriesenen stärksten Heeres der Region schwächt.

Hier soll nicht diskutiert werden, welcher Teufel – Ignoranz, Arroganz oder ideologische Verwirrung – Premier Ehud Olmert und Verteidigungsminister Amir Peretz geritten hat, dieses Militärabenteuer im Libanon zu beginnen. Interessant ist aber, warum die USA die Israelis dabei nicht nur nicht gebremst, sondern geradezu ermuntert haben.

Dahinter steckt offenbar ideologische Verblendung. Und die hat einen Namen: „Krieg gegen den Terror“. Die israelische Militärintervention wird von George W. Bush als Teil dieses Kriegs interpretiert – und Jerusalem ist das nur zu recht. Diese Idee kann aber unsinniger nicht sein.

Zunächst ist Terror eine Taktik. Gegen Taktik führt man keinen Krieg. Und die Gleichsetzung der libanesischen Hisbollah und der palästinensischen Hamas mit der al-Qa’ida von Osama Bin Laden verstellt den Blick auf die Realitäten. Die Hisbollah übt Terror aus, gewiss. Das ist aber nicht alles: Sie ist – gleichzeitig – eine soziale Organisation, ein Ins-trument iranischer und syrischer Politik, eine Guerilla, aber gleichfalls eine libanesische politische Partei, die -demo-kratisch legitimiert ist. Die islamistische Hamas verwendet terroristische Mittel: Aber sie ist auch die von den Palästinensern gewählte regierende Mehrheitspartei und -eine -Widerstandsbewegung gegen das israelische Besatzungs-regime.

Diese Organisationen, so widerlich sie einem sein mögen, in einen Topf mit al-Qa’ida – eine bloße Terrorsekte, gegen die wirklich nur militärisch vorgegangen werden kann – zu werfen führt zu folgenschweren Fehleinschätzungen, zur Reduktion des Politischen aufs rein Militärische. Und, wie man sieht, zu verrückten und gefährlichen Kriegen.

Auch der jetzige furchtbare Libanon-Krieg wird irgendwann zu Ende gehen. Und wenn Israel nicht siegreich aus dem Waffengang hervorgeht, ist das zwar bitter, stellt aber nicht jene Apokalypse dar, die jetzt prognostiziert wird. Die israelische Bevölkerung ist durch die Aktionen von Hamas und Hisbollah bedroht. Der israelische Staat in seiner Exis-tenz aber mitnichten. Die kann aber langfristig nicht durch Waffen allein gesichert werden. Sondern nur durch Politik: Natürlich müssen Israel, die USA und Europa mit „Terroristen“ reden und verhandeln – mit Hamas, mit Hisbollah, aber auch mit „Schurkenstaaten“ wie dem Iran und Syrien.

Wieder schreibt Uri Avnery, der große Alte der israelischen Linken, dass „man Frieden nicht mit Freunden, sondern mit Feinden macht“. Und seien sie noch so erbitterte. Viel Chance, im Nahen Osten beherzigt zu werden, hat diese wichtige Erkenntnis freilich derzeit nicht.