Der Kunstfund in München und die Dynastie Gurlitt: Jäger, Sammler, Kollaborateure, Profiteure

Der in München beschlagnahmte Kunstfund rückt die deutsch-österreichische Familie Gurlitt ins Zwielicht. Sie profitierte massiv von den Raubzügen des NS-Regimes und begründete im Nachkriegs-Österreich das Linzer Lentos Museum.

Alberich ist in der germanischen Mythologie der König des Elfen- und Zwergengeschlechts. Im Nibelungenlied hütet er deren Schatz und kann sich mit einer Tarnkappe unsichtbar machen. Für den Wiener Rechtsanwalt Alfred Noll, Spezialist für Kunstrestitutionsfälle, ist der 80-jährige Cornelius Gurlitt ein Alberich, der sich jetzt die Tarnkappe aufsetzt, wobei noch immer offen ist, wer in diesem Justizthriller den Part des Siegfried übernimmt und ihn aus seinem Versteck holt.

Der abgetauchte Hüter eines erst jetzt bekannten „Nazi-Schatzes“ und Sohn des so legendären wie anrüchigen Kunsthändlers Hildebrand Gurlitt hätte nämlich aus juristischer Sicht, soweit bekannt, kaum Grund, sich vor den Behörden zu verstecken. Anwalt Noll: „Es existiert bislang überhaupt kein einziges Indiz dafür, dass Cornelius Gurlitt nicht der rechtmäßige Eigentümer dieser Bilder ist. Er hat sie von seinem Vater geerbt, punktum.“
Der Medienhype um die 1506 Bilder, deren Beschlagnahme bereits 2012 erfolgte, aber erst in der vergangenen Woche bekannt wurde, stellt die legendäre deutsch-österreichische Kunsthändlerdynastie Gurlitt ins Scheinwerferlicht: Sie hatte sich mit dem NS-Regime trotz ihrer partiellen jüdischen Abstammung arrangieren und aus der Verfemung der Moderne (siehe Kasten „Entartete Kunst“) satte Profite ziehen können.

Die Chronik der Ereignisse, die die Medien der vergangenen Woche bestimmte: Am Montag der Vorwoche hatte das deutsche Magazin „Focus“ über den „Nazi-Schatz“ in einer 80 Quadratmeter großen Wohnung in München Schwabing berichtet. Seitdem tauchen täglich neue Details über den abgetauchten Wohnungsbesitzer, den 80-jährigen Cornelius Gurlitt, und die ebenso mysteriöse wie völlig offene Geschichteseiner Kunstwerke auf. So sollen die deutschen Behörden laut der „Bild“-Zeitung schon im Jahr 1967 bei den Gurlitts nachgeforscht haben: Sie suchten exakt nach jenem Spitzweg-Gemälde, das die Nazis einem Juden in Leipzig geraubt hatten – und das jetzt mit Meisterwerken von Picasso, Matisse, Chagall unter den 121gerahmten und 1285 nicht gerahmten Werken gefunden worden ist.
Die vor zwei Jahren verstorbene Mutter von Cornelius Gurlitt habe, berichtete „Bild“, die Behörden damals schriftlich angelogen. Sie hatte ihnen nämlich mitgeteilt, „alle Geschäftsunterlagen und Bestände unserer Firma sind am 13. Februar 1945 – bei einem Großangriff auf Dresden verbrannt“. Rechtsexperten folgern aus dieser Irreführung nun, dass die Gurlitts um die anrüchige Herkunft ihrer Bilder genau Bescheid wussten und damit ihren Anspruch auf gutgläubige Ersitzung des jetzt entdeckten Kunstdepots verloren haben könnten.

Der Sammler der jetzt aufgetauchten Werke war der prominente Kunsthändler Hildebrand Gurlitt. Bereits er hatte die Geschichte in die Welt gesetzt, seine Sammlung sei im Feuersturm in Dresden verbrannt. Dem steht freilich entgegen, dass die Alliierten nach dem Krieg seinen umfangreichen Bestand überprüften – und mit zwei Ausnahmen – im Dezember 1950 an den Sammler zurückstellten.

Hildebrand Gurlitt, Vater des schlagzeilenträchtigen Münchners Cornelius Gurlitt undCousin des „österreichischen“ Wolfgang Gurlitt, ist das Paradebeispiel einer ab- und umwegigen Karriere vor, während und nach dem Nationalsozialismus. Zwar verlor der „rassisch nicht Einwandfreie“ schon 1930 seine Stelle als Museumsleiter in Zwickau, daraufhin gelang aber auch ihm ein bemerkenswerter ideologischen Spagat: Der frühe Förderer des deutschen Expressionismus avancierte zu einem von vier Chefverkäufern der „entarteten Kunst“ im Ausland, um für das NS-Regime dringend benötigte Devisen zu lukrieren. Zugleich war Hildebrand Gurlitt einer der erfolgreichsten Kunsthändler für den „Sonderauftrag Linz“: Laut dem Linzer Historiker Walter Schuster lieferte er dort noch im März 1944 Ölgemälde um mehr als 1,2 Millionen Reichsmark ab. Im Juni 1944 kaufte er allein in Paris Kunst um drei Millionen Reichsmark für das „Führermuseum“.

Wegen seiner jüdischen Herkunft verlief auch der Entnazifizierungsprozess nach Kriegsende reibungslos: 1947 begann der Vater von Cornelius Gurlitt wieder seinen Geschäften nachzugehen – hilfreich dabei waren seine Kenntnisse über den Verbleib nicht mehr „entarteter“ Kunst; 1956 starb er bei einem Verkehrsunfall.

Dass er tausende Werke seinem Sohn Cornelius anvertraut hatte, soll die Familie gewusst haben. Das britische Boulevardblatt „Daily Mail“ machte in Barcelona einen Ekkehart Gurlitt ausfindig, demzufolge Cornelius Gurlitt den Verwandten sogar das eine oder andere Kunstwerk geschenkt habe. Man sei darauf nicht stolz gewesen, sagte der Spanier: „An den Gemälden klebt Dreck.“

Der untergetauchte Cornelius Gurlitt habe, so zitiert „Daily Mail“ den spanischen Verwandten, in der Familie als „verwirrter Sonderling“ gegolten. Als sei die ganze Story um den „Nazi-Schatz“ an Kunstwerken noch nicht abgründig genug, soll der „Verwirrte“ noch eine Sensation im Köcher haben. Seinem Verwandten in Barcelona hat er laut dessen Aussage anvertraut, er wisse, wo sich das sagenumwobene „Bernsteinzimmer“ befindet. Die Kenntnis um das Geschenk des preußischen Königs an den russischen Zaren aus dem Jahr 1716 wolle er aber erst vor seinem Tod lüften. Das Bernsteinzimmer ist seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs spurlos verschwunden.

Die Familiengeschichte der deutsch-österreichischen Kunsthändlerdynastie Gurlitt – deren prominenteste Mitglieder trotz der NS-rassistischen Klassifizierung als „Mischling zweiten Grads“ ob ihres strategischen Geschicks zu Handlangern und Profiteuren des NS-Kunstraubs wurden – sei exemplarisch dafür, dass „uns das Thema der Raubkunst ewig begleiten wird“, so der amerikanische „Monuments Men“-Historiker Robert Edsel.

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