Der vergewerkschaftete Lehrer

Die Schulreformer machen rundum vernünftige Vorschläge – wann begreifen das auch die Standesvertreter?

Die Ärztekammer ist gegen die von den Sozialpartnern vorgeschlagene Gesundheitsreform, die Lehrergewerkschaft, voran die Vertretung der AHS-Lehrer, ist gegen die von der Expertenkommission vorgeschlagene Schulreform – das spricht dafür, dass beide Papiere in die richtige Richtung weisen. Alles, was die Expertenkommission unter Bernd Schilcher vorschlägt, hat Hand und Fuß: Dass es einen statt dreier verschiedener Schulerhalter geben soll, sparte ebenso Verwaltungsaufwand wie die Idee, dass der Bund alleine für die Gesetzgebung zuständig sein soll. Eigentlich gehörten sämtliche unnützen Länderkompetenzen abgeschafft, aber es wäre schon ein großer Vorteil, wenn wenigstens wichtige Teile an die Schulen selber wanderten: Natürlich sollten die Direktoren ihre Lehrer selbst anstellen und kündigen können (und zu Recht will Ministerin Claudia Schmied die dadurch mächtigeren Direktoren dann nur befristet bestellen).

Dass ein 25-jähriger AHS-Lehrer nur rund 1900 Euro (ein Pflichtschullehrer nur rund 1600) verdient, während er mit 55 Jahren für denselben Unterricht bis zu 4900 Euro (bis zu 3400 Euro) bekommt, ist ebenso absurd wie die kaum geregelten Arbeitszeiten, die offenlassen, ob der Betreffende seine Tätigkeit auf 20 Unterrichtsstunden in der Woche beschränkt (und damit, die Ferien eingerechnet, die zweifellos höchsten Stundenlöhne Österreichs kassiert) oder ob er sich wirklich bis in den späten Nachmittag mit Vorbereiten, Korrigieren und Weiterbildung beschäftigt. Die Gehaltsdifferenz zwischen älteren und jüngeren Lehrern ist meines Wissens nirgendwo anders so hoch, die Lehrverpflichtung nirgends so niedrig. (Denn außer in Deutschland und der Schweiz kennt man nur Ganztagsschulen.)

Schließlich gibt es meines Wissens auch nirgendwo sonst eine Lehrerausbildung, die, wie bei Österreichs AHS-Lehrern, auf eine eingehende pädagogische Unterweisung und Eignungsprüfung verzichtet: Spanische „Professoren“, um nur ein Beispiel zu nennen, müssen während ihrer Universitätsausbildung monatelang Probeunterrichtsstunden absolvieren. Damit sind für Österreichs Schulwesen die großen ­Unterschiede von Person zu Person charakteristisch: Lehrer, die sich unglaublich einsetzen – schwachen Schülern kostenlos nachhelfen, Exkursionen veranstalten, Theateraufführungen organisieren usw. –, und solche, die einem erklären, dass schon das Austeilen von Schulmilch oder Büchern „wirklich zu viel verlangt“ ist. Ich glaube, dass der große Unterschied im Engagement darin zu begründen ist, ob jemand eigentlich den Wunsch hatte, Lehrer/-in zu werden, oder ob er/sie irgendein Fach studiert und dann das Lehramt nur gewählt hat, weil es die längsten Ferien ermöglicht. Deshalb hat die Expertenkommission natürlich auch Recht, wenn sie Eignungstests und eine pädagogische Grundausbildung fordert, der die Fachausbildung nachgeordnet ist. Ein Physiklehrer (Professor) ist nicht dazu da, zu forschen oder ein Gerät zu entwickeln, sondern Kindern Basisphysik beizubringen. Natürlich muss er zu diesem Zweck die elektromagnetische Wechselwirkung kennen – aber entscheidend ist, dass er die Kinder dafür gewinnt, sich für Physik zu interessieren und ihre Grundgesetze zu verstehen.

Das ist an der Pflichtschule um nichts leichter als an der AHS – eher im Gegenteil –, daher ist der große Gehaltsunterschied sicher nicht angemessen. Umgekehrt ist nicht einzusehen, warum Lehrer, die sich so viel mehr engagieren, nicht auch mehr verdienen. Das wieder kann nur geschehen, indem man Kriterien schafft, nach denen man Zusatzleistungen misst und honoriert. Auffallend sind nicht nur die großen Unterschiede im Engagement, sondern auch im Niveau: An vielen ländlichen Pflichtschulen ist das Leistungsniveau höher als an so mancher großstädtischen AHS. Dazu kommen die Unterschiede nach Bundesländern: Ich würde behaupten, dass es ein ziemliches West-Ost-Gefälle gibt – vielleicht, weil der Beruf des Lehrers in Westösterreich mehr Ansehen genießt. Sicher ist, dass wir ein funktionierendes Messsystem brauchen: Man muss überprüfen können, ob ein „Gut“ in Englisch in Tirol etwa den gleichen Englisch-Kenntnissen wie ein „Gut“ in Niederösterreich entspricht. Und man könnte und sollte herausfinden, wie sich die Kenntnisse in den Pflichtschulen zu denen in der Unterstufe der AHS verhalten. Wenn ein „Gut“ in Englisch in Pflichtschulen und AHS den gleichen Wert hätte, erübrigte sich ein Teil der Gesamtschuldiskussion.

Die Einführung von „Bildungsstandards“ ist daher eine der vordringlichsten Forderungen an jede Reform. Es muss – wie im Rest der Welt – messbar gleichwertige Schulabschlüsse für die Unterstufe wie die Oberstufe geben. Im Grunde ist alles, was das Expertenteam vorschlägt, der simple Versuch, die Schule zu einem modernen Betrieb zu machen: Der Direktor soll mehr CEO, die Bezahlung soll leistungsgerechter, die Konkurrenz unter den Lehrern und den Schulen größer werden, und man soll die Erfolge halbwegs messen und halbwegs vergleichen können. Wenn die betroffenen Lehrer mehr auf ihren eigenen Verstand als auf manche ihrer Standesvertreter hörten, begriffen sie, dass das in Wirklichkeit eine gewaltige Aufwertung ihres Berufs bedeutete. Zumindest Lehrer, die sich ihn mit dem Herzen ausgesucht haben, müssten eigentlich voll aufseiten der Reformer stehen.