Der Letzte dreht das ewige Licht ab: Ist Europa rettungslos säkularisiert?

Der politische Katholizismus kämpft vergeblich gegen Sterbehilfe, Homo-Ehe und andere gesellschaftlich erwünschte Sünden. Ist Europa rettungslos verdammt?

Von Gunther Müller und Robert Treichler
Mitarbeit: Thomas Migge

Montag vergangener Woche, kurz nach acht Uhr abends, war Eluana Englaro tot. Sie sei „getötet worden“, schrieb die Tageszeitung „Avvenire“, die im Eigentum der italienischen Bischofskonferenz steht. Dieser Auffassung schloss sich auch Ministerpräsident Silvio Berlusconi an. Die 38 Jahre alte Englaro sei „keines natürlichen Todes gestorben, sie wurde ermordet“.

Englaro war seit einem Autounfall vor 17 Jahren im Wachkoma gelegen. Ihre Familie hatte seit 1999 um das Recht gekämpft, die von den Ärzten bereits 1992 als unrettbar erklärte Eluana sterben lassen zu dürfen. Das war juristisch heikel, vor allem aber widersprach es nach Auffassung der katholischen Kirche dem göttlichen Recht. Und so erhoben zunächst katholische Organisationen bei verschiedenen Gerichtsinstanzen Einsprüche gegen eine Sterbeerlaubnis, und als das erfolglos blieb, trat der Heilige Stuhl auf den Plan, um das „Verbrechen“ zu verhindern. Die vatikanische Polit-Operation entfaltete eine enorme Wirkung bis hinauf zu Ministerpräsident Berlusconi. „Leider wurde die Kampagne für Eluana zu spät gestartet“, bedauert Rocco Buttiglione, Vizepräsident der Abgeordnetenkammer und einst persönlicher Berater von Papst Johannes Paul II.

Die katholische Kirche hat es im säkularen Europa nicht leicht. Die Zeiten, als ihr göttliches Gesetz das weltliche dominierte, sind lange vorbei. Seit der Aufklärung im 18. Jahrhundert führen die Päpste auf dem Feld der Politik ein Rückzugsgefecht. Selbst in traditionellen Hochburgen wie Italien, Spanien, Polen, Irland und Österreich muss der Vatikan immer wieder Niederlagen einstecken. „Christianophobie“ ortet der katholische Politiker Buttiglione. Je weniger die Kirche mit der modernen Gesellschaft zurechtkommt, umso verzweifelter werden ihre Versuche, wenigstens Rudimente ihres Weltbildes durchzusetzen – der politische Katholizismus als Agonie, mal resigniert, mal aggressiv.

Draußen vor den Toren des Vatikans herrscht zunehmende Gottlosigkeit, und Petri Nachfolger muss darauf reagieren. Seit dem 1. Jänner dieses Jahres übernimmt der Vatikanstaat nicht mehr automatisch die Gesetze der Republik Italien. „Der Kontrast zwischen Italiens Gesetzgebung und den Prinzipien der Kirche ist allmählich zu groߓ, sagt Monsignore Jose Maria Serrano Ruiz, Vorsitzender des vatikanischen Berufungsgerichts und Präsident der Kommission für die Überarbeitung des vatikanischen Gesetzbuches.

Religionsfreiheit. Dass ein Gesetzgebungsprozess, der nicht von Gott ausgeht, vor allem Gefahren birgt, wusste schon einer seiner Vorgänger, Pius IX., im Jahr 1864. Gut ein halbes Jahrhundert nach der Französischen Revolution stellte er den „Syllabus Errorum“ zusammen, eine Sammlung von Irrtümern, die Gottes Stellvertreter auf Erden missfielen. „Im Konflikt der Gesetze beider Gewalten geht das weltliche Recht vor“, lautet einer dieser Irrtümer. „Die Kirche ist vom Staate, der Staat von der Kirche zu trennen“, ein anderer. Jedweder Liberalismus gebiere weitere unhaltbare Ideen wie etwa die der Religionsfreiheit: „Es steht jedem Menschen frei, jene Religion anzunehmen und zu bekennen, welche jemand, durch das Licht der Vernunft, für die wahre hält“, registriert Papst Pius IX. als Irrtum Nummer 15.

Die weitere Geschichte ist bekannt. Die europäischen Staaten lösten sich vom Einfluss des Klerus, wurden demokratisch und beschlossen, dass das Recht vom Volk ausgeht, nicht von Gott. Der Mensch stellte sich in den Mittelpunkt der Welt und verkündete die Menschenrechte – ohne sich dabei auf seinen angeblichen Schöpfer zu berufen, was die Würdenträger schwer verstörte. Der päpstliche Kanon der vermeintlichen Irrtümer wurde nach und nach zu positivem Recht und die Mehrzahl der verteufelten Laster zu gesellschaftlich anerkannten Werten. Die Kirche wehrte sich wacker gegen Demokratie, Menschenrechte, Arbeiterbewegung, Frauenbewegung und alle Formen des Liberalismus, doch sie wurde von der Moderne überrollt. Erst das Zweite Vatikanische Konzil (1962–1965) sollte eine Versöhnung mit der Moderne einleiten. Mit einer Verspätung von ein paar hundert Jahren akzeptierte die Kirche etwa die Religionsfreiheit und interpretierte sie flugs zum genuin christlichen Wert um.

Doch da hatte die Mehrheit der Europäer ihr Verhältnis zum Katholizismus (und zu den anderen christlichen Konfessionen) längst eigenständig überdacht und sich für den Säkularismus entschieden. Die Macht der Kirche war deshalb jedoch längst nicht gebrochen. Die katholische Kirche verfügt in Europa heute laut Päpstlichem Jahrbuch 2008 immerhin über etwa 275 Millionen Getaufte. Eine Vielzahl von politischen Parteien beruft sich auf christliche Werte, und schließlich flößt die autoritär-pompöse Folklore rund um den ­Heiligen Vater auch Ungläubigen vielfach Respekt ein.

Liberalisierung. In Italien jedenfalls fühlt sich die Kirche noch stark genug, um Politik auf höchster Ebene zu machen. Zu Recht. Tarcisio Bertone, der Staatssekretär der Römischen Kurie, trifft sich jede Woche mit Ministern und hohen Funktionären der Republik Italien und bespricht mit ihnen Wünsche und Befürchtungen des Vatikans. Nach den schweren politischen Niederlagen von 1975, als in Italien die Ehescheidung erlaubt wurde, und 1981, als das Abtreibungsgesetz beschlossen wurde, konnte die katholische Kirche mittels verfeinerter Strategien in den vergangenen Jahren einige Erfolge verzeichnen: Die „Pille danach“ ist in Italien so gut wie nicht erhältlich; das Bioethik-Referendum über die Liberalisierung von Gesetzen zur künstlichen Befruchtung und Embryonenforschung brachte der Vatikan 2005 mittels wiederholter Boykottaufrufe zu Fall. Die Homo-Ehe kam über das parlamentarische Projektstadium nicht hinaus – Staatspräsident Giorgio Napolitano machte deutlich, in wessen Kompetenz die Frage eingetragener Lebensgemeinschaften von Homosexuellen falle: „Wir müssen die Besorgnis des Heiligen Vaters respektieren.“

Sorgen hat der Heilige Vater mehr als genug. In Spanien bedroht die sozialistische Regierung unter Jose Luis Zapatero die 500 Jahre alte Dominanz der katholischen Kirche. Zum Entsetzen der Würdenträger beschloss die Parlamentsmehrheit Gesetze zur Einführung der Homo-Ehe, zur vereinfachten Ehescheidung und zur Abschaffung des verpflichtenden Religionsunterrichts. Zudem mussten Kruzifixe aus Schulen entfernt werden, weil sie gegen die „Überkonfessionalität“ des Staates verstießen. Für dieses Jahr ist eine liberalisierte Abtreibungsregelung in Planung. Die spanischen Bischöfe sind außer sich und rufen zum Kulturkampf und zu Massendemonstrationen gegen die „Kultur des Todes“ auf. Kardinal Agustin Garcia-Gasco y Vicente argumentierte kühn: „Der Weg der Abtreibung, der Express-Scheidung und der Ideologien, die darauf abzielen, die Erziehung der Jugend zu manipulieren, führen zum Zusammenbruch der Demokratie.“
Die Erbitterung, mit der die Kirche in Spanien gegen Neuerungen kämpft, die anderswo in Europa längst Realität sind, hat einen guten Grund: Spanien ist an­gesichts eines Katholikenanteils von 90 Prozent der Gesamtbevölkerung möglicherweise die letzte Hoffnung, Europa vor der Verdammnis der Irreligiosität zu bewahren. Noch strömen hunderttausende auf die Straße, wenn die Bischöfe zur Verteidigung der Familie aufrufen. Geht Spanien verloren, schrumpft der Klub der erzkatholischen EU-Staaten auf gerade mal vier – Italien, Irland, Polen und Österreich.

Kreuzzüge. Als der Vatikan verlangte, in die Präambel der – letztlich gescheiterten – EU-Verfassung müsse ein Hinweis auf Europas christliche Wurzeln aufgenommen werden, musste der Heilige Stuhl zur Kenntnis nehmen, dass der Allmächtige es nicht mal in die Fußnoten schafft. Wäre die Kirche weniger dogmatisch und etwas opportunistischer, würde sie vielleicht Imagekorrekturen vornehmen. Unbestritten sind etwa ihre Qualitäten als karitative Organisation und als Verteidigerin der Schwachen, der auch Fremdenhass und Rassismus fremd sind. Wenn der österreichische Pfarrer Josef Friedl sich für Arigona Zogaj einsetzt, die von der Abschiebung bedroht ist, erntet die Kirche viel Sympathie bei Leuten, denen das katholische Weltbild ansonsten wenig bedeutet. Auch der von Papst Johannes Paul II., dem Vorgänger Benedikts XVI., gepflegte Antikapitalismus könnte sich dieser Tage als mehrheitstauglich erweisen. Doch der Katholizismus ist keine Angelegenheit von listigen PR-Strategen, sondern von sendungsbewussten Verkündern ewiger Wahrheiten. Deren Agenda wird von uralten, unverrückbaren Moralvorstellungen diktiert, und damit sind sie dazu verurteilt, Kreuzzüge gegen eingetragene Lebensgemeinschaften zu führen – auch wenn sie damit das Risiko in Kauf nehmen, zu einer schrulligen Sekte zu verkommen. Das scheint angesichts der immer noch hohen Zahl von Getauften eine gewagte Prophezeiung, doch gemäß der Jahrtausend-Umfrage des Meinungsforschungsinstituts Gallup International aus dem Jahr 2000 weist Europa weltweit die niedrigste Zahl an Gottesdienstbesuchern auf: 17 Prozent der Menschen besuchen einmal pro Woche eine heilige Messe. Die britische Organisation „Christian Research“ sagt voraus, dass in Großbritannien im Jahr 2040 nur noch zwei Prozent der Bevölkerung christliche Gottesdienste besuchen werden, und das Durchschnittsalter der Kirchgänger wird 64 Jahre betragen.

Die katholische Kirche als kleine Gemeinschaft, der politische Katholizismus als elitäres Lobbying ohne den Druck der Massen? Die Vorstellung ist nicht völlig abwegig. Einfluss kann sehr diskret ausgeübt werden. Kürzlich etwa sollte die „Atheistische Bus-Kampagne“ Italien erreichen. Dabei werden Werbeplakate mit der Aufschrift „Wahrscheinlich gibt es keinen Gott – Hören Sie auf, sich Sorgen zu machen und genießen Sie Ihr Leben“ auf öffentlichen Bussen affichiert. In London und Madrid läuft die Kampagne bereits. Doch in der italienischen Stadt Genua verweigerte die Firma, die für die Lizenzvergabe der Werbeplakate zuständig ist, die Zustimmung. Es mag keinen Gott geben, aber in Italien weiß man jedenfalls sehr genau, wo dessen Stellvertreter wohnt.