Der Levitenleser: Zum Tod von Marcel Reich-Ranicki

Redekünstler und Meinungsmacher: Wolfgang Paterno über den vergangene Woche verstorbenen Literaturgroßkritiker Marcel Reich-Ranicki, der sein Metier als höhere Form der Unterhaltung verstand.

Keine Zeitung riskierte es, jene Neuerscheinung allein mit den Mitteln der literarischen Kritik zu präsentieren. Als Marcel Reich-Ranicki vor knapp 15 Jahren seine Autobiografie "Mein Leben“ vorstellte, ein 500-Seiten-Werk, das sich mehr als eine Million Mal verkaufen sollte, veröffentlichten viele Medien biografische Würdigungen des Verfassers: wie Reich-Ranicki im Februar 1943 gemeinsam mit seiner Frau Teofila die Flucht aus dem Warschauer Ghetto glückte; wie ihm damals Literatur und Lesen Quellen des Überlebens waren. Wie seine Eltern und sein Bruder in Treblinka ermordet wurden. Wie er ab 1973 den Literaturteil der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung“ initiierte, wo er bis zu seiner Pensionierung 1988 als Literaturchef fungierte und von einem wenige Quadratmeter kleinen Büro aus die deutschsprachige Literaturwelt mitregierte. Wie Reich-Ranicki ab 1988 durch die TV-Büchersendung "Das literarische Quartett“ über den engen Zirkel der Literatur hinaus Popularität und Prominenz erlangte. An die kompromisslose Einschätzung von Sprache und Stil, von Inhalt und Form der Lebensbeschreibung wagte sich kaum jemand. Das Opus magnum von Deutschlands oberstem Prosarichter kritisieren? Offenbar undenkbar. Bereits damals personifizierte Reich-Ranicki die professionalisierte Literaturkritik, sein Ruf als "Literaturpapst“ hatte sich in der Öffentlichkeit längst verfestigt.

Sprechkünstler. Meinungsmacher. TV-Conférencier. Fremdwort-Verächter. Gastprofessor. Erzählstoffsachverständiger. Redegewaltiger Poesieanwalt. Vorsitzender des Bachmann-Lesewettbewerbs. Reich-Ranicki schlüpfte in viele Rollen, die sich bisweilen, dokumentiert anhand legendärer TV-Auftritte, zum Gesamtbild eines Mannes fügten, der Literatur, Leben und Lesen fast schon als Synonyme verstand. Die Medien seiner Zeit - Fernsehen, Radio, Zeitungen - wusste er vortrefflich zu bedienen: Literaturkritik musste, sollte sie nicht ungehört verhallen, auch Unterhaltungskunst sein. Als TV-Alleinunterhalter kanzelte er seine Beisitzer im "Literarischen Quartett“ ab. Verlage informierten eilends die Druckerei, kaum hatten sie Wind davon bekommen, dass Reich-Ranicki am Abend eines ihrer Produkte in die Kamera halten werde: der Kritiker als Belletristikbörsenchef. In Radiointerviews kultivierte er die polnische Färbung seines markigen Deutschs.

Klarheit und Deutlichkeit waren ihm dagegen in seiner Zeitungsarbeit oberste Gebote. Origineller und witziger als die von ihm besprochenen Bücher mussten seine in der Hamburger Wochenschrift "Die Zeit“ und in der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung“ publizierten Rezensionen nie sein. Das Bild des auf der Fernsehcouch zappelnden Charismatikers ließ Reich-Ranickis Genauigkeit im Schreiben und Argumentieren später in den Hintergrund treten - seine in langen Texten ausdifferenzierte Überzeugung, dass es klare Qualitätsmaßstäbe für die Beurteilung von Büchern gebe, wurde im Fernsehen auf schnelle Verdammungsurteile reduziert: "Ein fürchterliches Buch. Ein schlechtes Buch.“

Ob er denn Feinde habe, wurde er 1986 gefragt: "Sehr viele. Das gehört zu meinem Beruf.“ Zuweilen wirkte Reich-Ranicki wie ein griesgrämiger Oberlehrer, der mit erhobenem Zeigefinger und rollendem R die von ihm kritisierten Autoren am liebsten ins Klassenzimmer zum Nachsitzen zitiert hätte: Schriftsteller zum Schulbankdrücken. Peter Handkes Prosa war ihm bloßes "Geschwätz“, für Elfriede Jelineks Roman "Lust“ hatte er kein gutes Wort übrig. Und Günter Grass richtete er aus: "Schlecht ist schlecht, und es muss gesagt werden.“ 1976 urteilte Reich-Ranicki über einen Roman Martin Walsers: "Es lohnt sich nicht, auch nur ein Kapitel, auch nur eine einzige Seite dieses Buches zu lesen.“ Für Autoren, die sich der Avantgarde und dem experimentellen Schreiben verpflichtet fühlten - Arno Schmidt, Hubert Fichte, aber auch für Alexander Kluge und Claude Simon - hatte der Verehrer von Thomas Mann und Bertolt Brecht, den beiden Portalfiguren seines Literaturverständnisses, wenig Sinn. Die Autoren wiederum revanchierten sich in Essays, Erzählungen und Romanen: Der Wiener Lyriker Franz Josef Czernin hielt dem Kritiker 1995 vor, dass "Dichter, die ungewöhnlich schreiben“, von Reich-Ranicki der Rezension von vornherein für unwürdig befunden würden. Peter Handke stellte den Kunstbeurteiler als blutdürstigen Hund dar, Martin Walser entfachte mit seinem Roman "Tod eines Kritikers“ (2002), in dem sich Reich-Ranicki antisemitisch verunglimpft sah, eine wochenlange Kontroverse.

Was für ihn das größte Unglück sei? "Der Tod“, so Reich-Ranicki auf die Frage aus dem Proustschen Fragebogen. 2011 starb seine Frau Teofila, die er 1942 im Ghetto geheiratet hatte. Die Gratulationen an seinem letzten Geburtstag kommentierte er trocken: "Ich halte es für möglich, dass ich nach meinem Tode eine Legende werde.“ Am Mittwoch vergangener Woche ist Marcel Reich-Ranicki 93-jährig an den Folgen seiner Krebserkrankung in Frankfurt gestorben.