"Der Linzer Weg ist kein katholischer": Der verhinderte Weihbischof Wagner rechnet ab

Gerhard Maria Wagner, Pfarrer von Windischgarsten und verhinderter Weihbischof von Linz, rechnet trotz Interviewverbots mit seinen Gegnern ab.

Von Emil Bobi

Gerhard Maria Wagner schert sich nicht um die „Bitte“ des Wiener Kardinals Christoph Schönborn, in der Öffentlichkeit zu schweigen. Das ist nicht seine Art. Der Pfarrer von Windischgarsten redet. Er sitzt in seinem Büro im Pfarrhaus, weicht keiner Frage aus und sagt, was er sich über die wahren Umstände denkt, unter ­denen er – als vom Papst bereits bestellter Weihbischof von Linz – gezwungen wurde, zurückzutreten.

Der angeblich so „große Einfluss“ des Wiener Kardinals Christoph Schönborn auf den Papst sei es jedenfalls nicht gewesen, mit dem er die österreichische Kirche vor Wagner gerettet habe, wie etwa die „Kronen Zeitung“ ihren Lesern weismachen wolle. Aber auch, dass sich die Linzer Diözese mit ihrem fortschrittlichen Kurs in Rom durchgesetzt habe, „hofft“ er nicht. Und die in der Öffentlichkeit verbreitete Annahme, Wagner sei zurückgetreten, weil seine Interview-Aussagen so viel Empörung ausgelöst hätten, glaubt nicht nur Wagner nicht, sondern überhaupt kein Kirchenkenner. Denn viele oder gar alle seiner Ansichten wären innerhalb des österreichischen Klerus vermutlich mehrheitsfähig.

Dass Harry Potter eine „okkultistische Gefahr“ für die jungen Leser darstelle, lässt sich mittels der katholischen Theologie und einer Portion Rückwärtsgewandtheit locker interpretieren. Kein anderer Priester kritisierte Wagner für diese Aussage – bei der dieser nach wie vor bleibt: „Ich habe mich damit beschäftigt, und als designierter Bischof werde ich mir doch Sorgen machen dürfen, welche Bücher unsere Kinder in die Hand bekommen.“

Und jawohl, Homosexualität sei heilbar. Wagner: „Normal ist Homosexualität ja nicht. Und Heilung ist ja ein positiver Begriff.“ Homosexuelle Katholiken sollten sich „beherrschen wie ein Ehemann, der auch andere Frauen haben will“. So sehen das hunderte andere Geistliche ebenfalls – und auch so mancher Bischof. Auch in der Frage der Abtreibungsgesetze gebe es nichts zurückzunehmen: „Diese Gesetze sind mörderisch. Nachdem ich das zum ersten Mal gesagt hatte, wunderte sich der Bundespräsident, dass man heute noch so was sagen kann. Ich aber sage, dass man heute in der Kirche nicht mehr sagen darf, was katholisch ist. Haben sich die Bischöfe mit der Politik schon zu sehr arrangiert?“ Wagner steht auch zu seinen Aussagen über den Hurricane Katrina, der eine Schwulenparade mit tausenden Teilnehmern verhindert und mehrere Abtreibungskliniken zerstört haben soll: „Ich habe nur gefragt, ob es denkbar ist, dass es Zusammenhänge gibt zwischen der geistigen Umweltverschmutzung unserer Zeit und den natürlichen Ereignissen. Und ich glaube das ganz eindeutig.“

Kein lieber Gott. Auch dass es keinen „lieben Gott“ gebe, sei theologisch vollkommen klar: „Ich setze mein gesamtes Geld dafür ein, wenn mir jemand die Bibelstelle bringt, wo die Rede vom lieben Gott ist. Den lieben Gott, der alles macht, was die Menschen sich wünschen, weil er so lieb ist, den gibt es nicht. Es gibt den Gott der Liebe, aber der setzt auch das Mittel der Bestrafung ein. Wenn das Theologen und Priester nicht verstehen, tut es mir leid.“

Mit seiner direkten Art , seiner hemdsärmeligen Stammtisch-Theologie, macht Wagner viel von der inneren Realität der Kirche sichtbar – was ebenfalls unerwünscht sein dürfte. Er spricht von einem „organisierten Widerstand“ gegen ihn, von einem „Komplott“. Dechanten hätten sich zusammengeschlossen. Der Grund sei ein katholischer Richtungsstreit. Wagner: „Seit ich Priester bin, bin ich diesen Linzer Weg nicht mitgegangen. Denn dieser Linzer Weg ist kein katholischer und spaltet die Kirche. Deshalb wurde ich abgeschossen. Das wäre auch ganz ohne Interviews passiert.“

Auch Bischöfe seien „umgefallen“. Hauptsächlich sein „eigener“, der Linzer ­Bischof Ludwig Schwarz. Wagner: „Er hat mich oft bestätigt, hat sich über meine Bestellung gefreut. Aber wenn es um Umsetzung geht, fühlt er sich schnell bedrängt, und er hat auch niemanden, der ihm hilft. Wenn man so isoliert im Bischofshof sitzt und es schwierig wird, die Dinge umzusetzen, kriegt man es eben mit der Angst zu tun. Er hatte Angst vor der öffentlichen Meinung und vor meinen pointierten Aussagen.“

Niemand habe es gewagt, ihm, Wagner, in die Augen zu schauen: „Weder das Domkapitel noch die Dechanten, noch irgendwer sonst hat vor dem Rücktritt das Gespräch mit mir gesucht.“ Jetzt täten sie es, doch „nun ist es ein bisschen zu spät“. Mit Christoph Schönborn habe er einige Tage vor der Bestellung telefoniert, dabei habe Schönborn ihm gratuliert und ihn in der Bischofskonferenz willkommen geheißen. „Wenige Tage später hat er die Sondersitzung der Bischöfe einberufen. Da wusste er schon, was laufen sollte. Er hat auch meinen Bischof angerufen und gesagt, man solle das noch schnell lösen, damit seine Sitzung ruhiger ablaufen kann. Bei mir aber hat er sich nie wieder gemeldet. Bis heute nicht. Das ist vor allem menschlich sehr eigenartig. Aber er hatte wohl auch Angst, als Kardinal Schaden zu nehmen.“

Niemand hätte den designierten Bischof wirklich zum Rücktritt zwingen können, weil er vom obersten Chef persönlich, dem Papst, bestellt war. Doch da gab es einen Punkt, an dem er erkannt habe, dass eine „konstruktive Arbeit so nicht möglich sein wird und es keinen Ausweg gibt“. Da habe er die Konsequenz gezogen und den Papst gebeten, seine Ernennung zurückzunehmen. Der endgültige Auslöser sei eine von seinen Hauptgegnern vorbereitete „Bombe“ gewesen, die planmäßig drei Tage vor seiner Weihe zum Bischof gezündet hätte werden sollen: das Gerücht, Wagner habe einer jungen, unverheirateten Schwangeren Geld für eine Abtreibung gegeben. Wagner: „Da wusste ich, jetzt geht es mit den Lügen los. Da wollte ich nicht mehr.“ Dieser Vorwurf sei absurd: „Mit so etwas hätte ich mich selbst exkommuniziert. Kein Mensch in der Gemeinde glaubt das.“ Wahr sei allerdings, dass er immer wieder jungen Leuten, von denen auch manche unverheiratet schwanger waren, Geld gegeben habe: „Als Hilfe zum Weitermachen.“

Doch das Domkapitel, dem ein anonymer Zettel zugespielt worden war, fand das Gerücht äußerst interessant. Wagner sagt, so etwas könne nur jemand ernst nehmen, der sich wünsche, dass es wahr sei: „Das ist denen gelegen gekommen. Sie konnten dem Bischof sagen, schau, was da auf dem Zettel steht. Und der Bischof bekam furchtbare Angst, dass die Öffentlichkeit davon erfahren könnte.“

Doch Wagner beteuert , mit dem Kapitel abgeschlossen zu haben: „Ich bin zufrieden in meinem Herzen, und ich bin lieber unter den Menschen in meiner Pfarre als in dem anonymen Dom.“ Wichtig seien ihm zwei Punkte: „Ich bin zurückgetreten, weil ich keine Basis mehr gesehen habe, und ich habe kein Wort von dem zurückgenommen, was ich behauptet habe.“

Ein Grund für seinen Abschuss sei wohl auch das Geld gewesen, meint er noch. „In der Kirche geht es immer auch um Geld. Die Rede war ja von einer Austrittswelle.“ Und damit sinkende Einnahmen aus den Kirchenbeiträgen. Und schließlich gefalle „manchen Herren“ seine „offensive Art“ nicht. Wagner: „Ich bin keiner, der zumacht. Ich vertrete nur das, was die Kirche vertritt. Oder sagen wir, was katholisch ist. Man hat mir vorgeworfen, dass ich die Konfrontation suche. Wenn aber Bischöfe und Priester der Konfrontation ständig aus dem Weg gehen, wundert mich das, denn da bewegt sich ja nichts.“

Spitze, pointierte Aussagen förderten die Verständlichkeit und das Nachdenken. „Wenn jemand sich ärgert, ist das immer noch besser, als wenn jemand ewig neutral bleibt.“

Fotos: Monika Saulich