Der falsche Mann?

Werner Faymann ist ein Risikokandidat, aber die einzige Hoffnung der SPÖ.

Ein Paradoxon der österreichischen Politik ist der Widerspruch zwischen der Hurtigkeit, mit der sich die Sozialdemokraten hinter einem neuen Vorsitzenden scharen, und den tiefen Zweifeln, die sie dabei plagen. In den vergangenen Tagen äußerten in persönlichen Gesprächen praktisch alle roten Würdenträger bis hinunter in mittlere Ränge blankes Entsetzen über die devote Geste Werner Faymanns gegenüber seinem väterlichen Freund, „Krone“-Herausgeber Hans Dichand. Seit die ÖVP vergangenen Dienstag den Hebel in Richtung Neuwahlen umlegte, ist das Entsetzen zwar ungemildert, aber alle Befragten bekunden forsch, nun müsse man sich aber wirklich hinter den Werner stellen. Trotz alledem. Einen solchen Apparat würden sich wohl auch Chefs anderer Parteien wünschen.

Werner Faymann ist nicht der erste angehende Obmann, der seiner Partei – bei allem Parteitagshurra – nicht ganz geheuer ist. Bruno Kreisky musste sich sogar einer Kampfabstimmung stellen, so massiv hatten viele an ihm gezweifelt. Werde Fred Sinowatz wohl in die Fußstapfen des großen Alten passen, fragte man, als der ging. Franz Vranitzky hielt der Apparat vorerst taxfrei für einen kalten Banker, Viktor Klima war nur ein Mann des Übergangs gewesen, und an Alfred Gusenbauer hat die SPÖ immer irgend­etwas gestört.

Bei Faymann ist es dennoch ein wenig anders. Hier liegt dem Zweifel eine ganz konkrete Handlung, oder besser, ein ganz konkreter Zustand zugrunde: das ungewöhnliche Naheverhältnis zur zwar größten, aber wohl auch rückschrittlichsten Tageszeitung des Landes, für die links der Mitte schon das Grauen beginnt und die ja eben auch noch den roten Kanzler mit Untergriffen traktiert hatte. Wie verwerflich der Kotau der roten Spitzen vor dem „Krone“-Herausgeber war, zeigen die nun offenkundig werdenden Folgen: Während Faymann in eher nordkoreanischer Manier als heldenhafter Kämpe gegen höhere ÖBB-Tarife und für eine demokratische EU abgefeiert wird, fährt das Blatt eine niederträchtige Kampagne gegen die ÖVP im Allgemeinen und Außenministerin Ursula Plassnik im Besonderen. Ihr wirft die „Krone“ sogar implizit vor, Schuld an der langen Gefangenschaft der zwei österreichischen Wüstengeiseln zu tragen. Herausgeber Hans Dichand schrieb es vergangenen Mittwoch, am Tag nach dem Platzen der Koa­lition, etwas machtrauschig ja ganz offen: „Ich habe sowohl mit Vizekanzler Molterer als auch mit der Frau Außenministerin Plassnik erst vor Kurzem Gespräche führen können, die nichts, aber auch gar nichts ergeben haben, was auf eine positive Veränderung hindeuten würde.“ Und wer nicht pariert, wird niedergeschrieben. Strafe muss sein.
Solche Methoden können auch Werner Faymann nicht geheuer sein, so darf er keine Wahl gewinnen wollen.

Auch zwei weitere Ereignisse der vergangenen Woche lassen auf starken Hang zum Übertaktieren schließen. Als es am Mittwoch im Nationalrat um den Neuwahlbeschluss ging, wurde Unterrichtsministerin Claudia Schmied vorgeschickt, um die SPÖ-Position zu vertreten. Auf die Frage von Journalisten, warum sich Faymann nicht zu Wort gemeldet habe, wurde ihnen von roten Pressesprechern zugetuschelt, an diesem Tag wären die Klubobleute die Träger der Debatte gewesen – und die stünden eine Hierarchie­stufe unter einem designierten Parteichef. Am nächsten Tag ging es im Nationalrat um die neue EU-Linie der SPÖ, an der Faymann kräftig mitgebastelt hatte. Dieser Debatte blieb er überhaupt fern und setzte Alfred Gusenbauer allein den Angriffen des Regierungspartners und der Opposition aus.

Unter den SPÖ-Abgeordneten sei daraufhin mit einiger Bitterkeit der Spitzname „Feigmann“ kreiert worden, berichtete tags darauf der „Kurier“. Die Debatte wurde live im Fernsehen übertragen, die Öffentlichkeit hätte – diesmal ohne Umweg über die „Krone“ – erfahren können, wie der Neue denkt. Eine vergebene Chance. Sosehr derartige Fehler den raschen Schluss nahelegen, Faymann sei der falsche Mann für den roten Spitzenjob, warnen andere Wahrnehmungen vor einem vorschnellen Urteil. Auch Kritiker der „Krone“-Peinlichkeiten erzählen beeindruckt von der unerschöpflichen Energie des Immer-schon-Politikers, mit der er selbst niedrigere Chargen in der Partei betreut und zu überzeugen versucht – wohl auch von sich selbst. Um gerechtfertigte Interventionen kümmere er sich rührend. Schwarze Landeshauptleute erzählen schnurrend von Faymanns geschickter Konsenssuche und seiner Handschlagqualität. In seinem ersten „Zeit im Bild“-Auftritt, ausgestrahlt vor zwei Wochen, erwies sich Faymann als durchaus studiotauglich. Im profil-Interview (Seite 20) lässt er deutlich frischere Gedanken aufblitzen, als man sie zuletzt gehört hatte. Und es gibt wenige, die ihn nicht „irgendwie sympathisch“ finden. Werner Faymann bleibt nach dem „Krone“-Ausritt ein Risikokandidat. Aber er ist in der SPÖ der Einzige mit der Restchance auf den Kanzlersessel.