„Der Mann ist heute eine traurige Figur“

In seinem Romandebüt "Im Wolfspelz" entblößt der deutsche Designer Wolfgang Joop "die leblose Exaltiertheit" der Modeszene. Ein Gespräch über Drogen als Betäubungsmittel, die erotische Komponente der RAF und die Homosexualisierung der Gesellschaft.

profil: Wolf, der melancholische Held Ihres Romans "Im Wolfspelz", ist Modedesigner und angewidert von seinem kreativen Auftrag. "Ich habe Puppenkleider entworfen", erklärt er, "und fand, dass sie nach Mottenkugeln rochen, noch bevor sie fertig waren."
Joop: In meinem Buch habe ich die Abschiede beschrieben, die ich später nachgelebt habe. Insofern ist das Buch nicht als Biografie misszuverstehen, sondern als ein Anti-Eitelkeits- Bericht. Inzwischen habe ich mich von meiner ohnehin äußerst lang gezogenen Jugend verabschiedet. Ich habe meinem Lebenswerk, der Marke Joop!, Adieu gesagt, weil mir diese seltsamen Kompromisse, in die ich mich bugsierte und die mich bis zur Wortlosigkeit deformierten, unerträglich geworden sind. Ich nenne den Roman "Autofiktion", eine Mischung aus Erlebtem und Erdachtem also.
profil: Trotz dieser Zweifel an der Sinnhaftigkeit der Mode haben Sie kürzlich die Couture- Kollektion "Wunderkind" präsentiert. In einem von der Wirtschaftskrise hart hergenommenen Deutschland erscheint das Elitesystem Haute Couture fast obszön.
Joop: Wahrer Luxus wirkt auf alle, die davon ausgeschlossen sind, obszön. Aber auch der Anblick wahrer Schönheit kann bestürzend sein. Wenn Sie so wollen, habe ich mich mit "Wunderkind Couture" noch einmal von der Vergangenheit distanziert. Ich habe keine Lust mehr, die Fragen des Markts zu beantworten, mich mit so genannten Managern auseinander setzen zu müssen, die meine Entwürfe als eine Art Selbsttherapie abtun - nach dem Motto: "Na dann mach einmal ein, zwei schrägere Kleiderle, damit du net so fruschtriert bischt."
profil: Die Bedienung des Marktes hat Ihnen immerhin finanzielle und in Folge auch geistige Freiheit verschafft.
Joop: Diese hatte aber Nebenwirkungen: Ich war jahrelang mehr als abhängig von Erfolg, Applaus und der Sehnsucht, respektiert zu werden. Meine besten Jahre habe ich damit verbracht, nicht mein Bestes zu geben, sondern versucht, den Geschmack der Masse zu treffen, um gleichzeitig ihr Kleingeld einzusammeln. Heute verspüre ich nur mehr das Bedürfnis nach Distanz - nach Distanz zum Kunden, zum Trend, zur Zeit. Meine "Wunderkind"- Schöpfungen entstehen reinen Herzens, ohne jede Kalkulation und zwischen den allgemeinen Trends. Sie stehen als Symbol dafür, dass ich mich von allen Abhängigkeiten frei gemacht habe.
profil: Für diese elitäre Attitüde werden Sie von der linken Presse an den Pranger gestellt werden.
Joop: Das kann ich - weiß Gott - verkraften. Die Linke ist in Deutschland ohnehin durch ihr Verhalten und ihr Selbstverständnis zum angreifbarsten Menschenschlag geworden. Rot an denen ist doch nur noch der Wein, den sie nun nicht mehr in der Toskana trinken wollen.
profil: Wer ist für Sie in dieser Neigungsgruppe das unerfreulichste Beispiel?
Joop: Joschka Fischer. Ein schneller rotierender Wendehals als unser Außenminister ist ja in der Politikszene kaum auszumachen. Wofür steht er eigentlich, außer für pathetische Bedeutsamkeit, gepaart mit unglaublicher Eitelkeit? Er bezirzt die Medien und scheint sie gleichzeitig zu verachten. Wenn ich etwas nicht mag, dann ist das Untreue. Menschen, die sich für Dinge, für die sie sich gestern stark gemacht haben, nicht mehr verantwortlich fühlen, siehe Iran-Politik, Kosovo-Einsatz et cetera, mal dick, mal dünn - eine lange Liste von Widersprüchen.
profil: Bei unserem letzten profil-Gespräch vor zwei Jahren, wenige Wochen nach den Terroranschlägen vom 11. September, sagten Sie: "Ich bedaure nicht, dass das Symbol der Twin Towers nicht mehr steht, weil sie kapitalistische Arroganz symbolisierten. " Diese Aussage löste ein internationales Medienbeben aus - von der "FAZ" bis zu "Vanity Fair" konzertierte Empörung.
Joop: Ich dachte damals, dass ich diese Vendetta, rein physisch, nicht überlebe. Meine Geschäftspartner kündigten mir aufgrund dieses Artikels sogar den Vertrag. Einen Mann, der solche geschäftsschädigenden Aussagen tätigte, wollten sie vor allem nicht mehr bezahlen. Ich habe mich für diesen Satz, der sich in Kenntnis der jüngsten politischen Entwicklungen durchweg bewahrheitet hat, dennoch nie entschuldigt. Ich habe ihn lediglich richtig gestellt. Denn es steht außer Frage, dass die Twin Towers auch ein Symbol der amerikanischen Hegemonie waren. Und sein sollten. Aber selbstverständlich bin ich immer gegen jede Art von Mord, Terror und Zerstörung.
profil: Ist die Lust an Protest und Provokation ein Jungbrunnen?
Joop: Ich bin ein anarchischer Mensch, wie alle Romantiker es seltsamerweise sind. Deswegen hatte auch die RAF-Bewegung zu Beginn in ihrer Rebellion gegen das Establishment für mich eine erotische Komponente. Gudrun Ensslin hatte eine geheimnisvolle Aura, wogegen Ulrike Meinhof mir immer etwas sauertöpfisch erschien. Andreas Baader besaß in jungen Jahren etwas vom düsteren Trotz des jungen Marlon Brando.
profil: Terror und Mord gehörten doch auch zum Konzept der RAF-Bewegung.
Joop: Terror und Mord sind natürlich durch nichts zu rechtfertigen. Es gab jedoch Gründe für ein Aufbegehren der Jugend gegen das alte Establishment. Und wir Couch Potatoes fühlen uns von so genannten Revoluzzern auch irgendwie angezogen. Die Blume des Bösen hatte für die Studenten ein süßes Parfüm. Allerdings kann in Deutschland in diesen Zeiten lähmender Stagnation auch nichts entstehen. Mit Terror eine Gesellschaft zu verändern bleibt Illusion.
profil: Wie beurteilen Sie die Performance von Kanzler Gerhard Schröder angesichts dieser Stagnation?
Joop: Der Mann ist ein Auslaufmodell, eine reaktiv manövrierende Provinzgröße. Noch immer versucht er auf lachhafte Weise, die weiblichen Wähler zu verführen, indem er die meist beim Färbeprozess so schändlich vergessene Augenbraue hebt. Schröder betreibt einen Dieter-Bohlen-artigen Populismus, indem er sich immer etwas zu spät nach der Volksmeinung dreht. Wie zuletzt, als er die Badehose wieder auspackte.

profil: Wolf, der Protagonist ihres Romans "Im Wolfspelz", ist bisexuell, angewidert von der "leblosen Exaltiertheit" der Modeszene und besessen von der Verwirklichung einer romantischen Liebe, die er sich am Ende des Tages doch kaufen muss. Ein reiches Betätigungsfeld für die Hobbypsychologen unter den Rezensenten.
Joop: Mich irgendwie outen zu wollen ist so spießig wie unmöglich. Dennoch lässt man nichts unversucht. Erst letzte Woche hat mich der Fotograf eines großen deutschen Magazins an diesen eisernen Engel in meinem Garten gebunden, mit Klebestreifen über dem Mund. Ich sah aus wie der Hauptgewinn der Spaßgesellschaft, dem man das lose Maul verkleben muss, weil er schon zu viel preisgegeben hat.
profil: Haben Sie mit diesem Buch Ihre Seele auf den Wühltisch gelegt?
Joop: Ich habe noch nie auf einem Wühltisch gelegen und bin auch nicht im "Schlussverkauf". Das Schreiben war jedoch für mich ein schmerzhafter Prozess. Dabei begegnet man sich ständig selbst - mit all seinen Unzulänglichkeiten. Auf einmal kann man sich vor sich selbst nicht mehr verstecken.
profil: Das Buch spielt 1996. Im Rückblick betrachtet, erweisen sich die neunziger Jahre als eine Epoche der Gesichtslosigkeit.
Joop: Durchaus. Jeder war angekränkelt von der Blässe der Gedanken und dem Manierismus einer "I don't give a shit"-Attitüde. Die Moderedaktricen trugen rund um die Uhr schwarze Brillen, weil sie sich und ihre Realität nur schwer zu ertragen schienen. Der Helmut-Langismus und der Pradaismus zwängten die Frauen in eine uniforme Androgynität. Die Mode lebte vom Zitat des Zitats. Sie passte sich nicht mehr an die Körper an, sondern die Körper an die Mode. Selbst die Prostituierten transformierten sich. In Berlin sehen die ja bis heute aus wie aggressive Soldatinnen, die nichts mehr von der sympathischen Schlampe von früher haben. Ich habe mich in den Neunzigern sehr verloren gefühlt.
profil: Bis heute dominiert die kreative Bankrotterklärung in Form des Retro- Schicks die Kollektionen der Designer.
Joop: Wenn man da überhaupt von Designern sprechen kann. Meistens handelt es sich doch vielmehr um Stylisten mit Marketing- Know-how wie Tom Ford. Die ganze Modeszene ist zu einer Art Style- War auf Prozac verkommen, in der es keinerlei Überraschungen und kein Geheimnis mehr gibt. Es kann ja auch gar keine Überraschungen mehr geben, weil man denkt, man hat alles schon gesehen. Die verzweifelte Bemühung jedes Einzelnen, so individualistisch wie möglich zu sein, implodiert in die Uniformität. Heute Mode zu machen ist Dadaismus im Globalismus. Deswegen mache ich jetzt nur mehr Couture in der Heimat und damit Kleider, die Jahrzehnte überdauern sollen.
profil: Die Modeszene-Figuren Ihres Romans narkotisieren ihr Unbehagen an der Stagnation mit Drogenkonsum.
Joop: Es ist eine Tatsache: keine Großstadt ohne Nachtleben, kein Nachtleben ohne Drogen. Wenn man das nicht will, bleibt man besser zu Hause. Drogen sind nichts anderes als Betäubungsmittel. Wir wollen doch alle keinen Schmerz mehr. In Amerika wirft fast jeder, bevor er aus dem Haus geht, eine Antipanic-Tablette ein. Da die Betäubung kollektiv gewünscht wird, braucht man keine Substanz mehr zu denunzieren. Das nenne ich Doppelmoral.
profil: Michel Friedman, bis vor kurzem Talkmaster und Vizepräsident des Zentralrats der Juden in Deutschland, strauchelte über eine Kokainaffäre und entschuldigte sich in einer dramatischen Reue-Show öffentlich dafür.
Joop: Was für ein Sündenfall! Da sieht man wieder, dass zu viel nach außen demonstrierte Würde die Sehnsucht nach privater Würdelosigkeit weckt. Ich begreife aber nicht, warum Herr Friedman nicht einfach gesagt hat: "So what? Wenn ich mich in meinem Privatleben dem Risiko des Koksens und des bezahlten Sex aussetze, ist das meine Sache." Dass man in dieser Debatte aber eine Substanz, nämlich Kokain, verantwortlich für einen Sündenfall macht, halte ich für besonders verlogen. Wir leben doch in einer Welt der gewollten Süchte, in der die Suchtmittel völlig austauschbar sind. Das ganze System des Kapitalismus basiert auf dem sadomasochistisch unterwanderten Schrei: "Gib mir schnell etwas, das mich tröstet, ich kann es bezahlen!"
profil: Trotz dieser Desillusionierung wirkt Ihr Buch wie ein verschwörerisches Glaubensbekenntnis an die Liebe. "Bevor mein Herz erfriert, muss es noch einmal gebrochen werden", erklärt Ihr Held Wolf.
Joop: Ich glorifiziere das Leben der Hauptfiguren nicht, sondern zeige ihre Ausweglosigkeit. Ich beschreibe, ohne zu denunzieren, will auch unterhalten und den Leser zum Lachen bringen. Den Ausweg aus diesem Dilemma zeige ich auch: "Geh nach Haus!"
profil: Ihr Wolf amüsiert mit dem Satz: "Mit meiner Bisexualität habe ich gewartet, bis die Kinder aus dem Haus waren."
Joop: So habe ich das auch gehalten.
profil: Hatte diese Art von Disziplin nicht einen Leidensdruck zur Folge?
Joop: Überhaupt nicht. Ich habe nämlich nicht wirklich gewartet. Ich wusste nur, dass mir Männer gefallen könnten, mir hat aber damals zufällig kein bestimmter gefallen. Ich bin ja doch ziemlich wählerisch.
profil: Sind Sie noch immer von der Utopie beseelt, dass der Geschlechterkampf sich durch die Aufhebung der Geschlechter auflösen wird und wir alle irgendwann einmal bisexuell leben werden?
Joop: In weiter Ferne. Jetzt findet einmal die totale Homosexualisierung der Gesellschaft statt. Die jungen Frauen trachten danach, wie ihre besten Freundinnen, in der Regel schwule Männer, auszusehen. Und unter den Männern kristallisiert sich parallel dazu die Spezies der Hetero- Schwuchteln heraus.
profil: Wie hat man sich die vorzustellen?
Joop: Das sind jene Heteros, die im Fitnesscenter ihre Muckis aufbauen, sich schon einmal einen Ring ins Ohr stecken und sich etwas laut kleiden. In Berlin nennt man die auch "Metro"-Sexuelle.
profil: Die US-Feministin Susan Faludi bezeichnet die Flucht des Mannes in die "Kultur des Ornaments" als ein Symptom seiner wachsenden Hilflosigkeit.
Joop: Seltsam, dass Sie jetzt Faludi erwähnen. Ich habe ihr Buch "The Betrayal of the American Man" gelesen, während ich meinen Roman geschrieben habe. Natürlich ist der Mann heute eine traurige Figur. Er baut nichts mehr auf, hat nur noch einen Computerschirm vor sich, wird von einem Chef, der in einer anderen Etage sitzt, unter Druck gehalten, und zu Hause von einer emanzipierten Frau gedemütigt. Ein durch und durch tristes Dasein, in dem er sich Ventile in schäbigen Perversionen sucht.
profil: Bei der Bewältigung dieser Tristesse hilft da oft nur der Wechsel zu einer um Jahrzehnte jüngeren Frau.
Joop: Ja, grauenhaft. Denen ekelt es ja offenbar vor gar nix. In Monaco sind diese Konstellationen an der Tagesordnung. Ich hatte nie das Bedürfnis nach einem wesentlich jüngeren Partner. Ich habe mir selbst so viel Infantilität bewahrt, dass es mich nicht danach drängt, jemandem die Welt zu erklären. Und ich möchte schon gar niemand darum bitten müssen, mein Pfleger oder meine Pflegerin zu sein. Egal, ob Mann oder Frau: Ich will ein Gegenüber, das mich berühren will und nicht verachtet.