Der kleine Mann aus Texing

Weit hinten im niederösterreichischen Alpenvorland gibt es seit fünf Jahren ein Engelbert-Dollfuß-Museum.

Ruhig und abgeschieden verlief hier wohl das Leben 1892, als der Bauerntochter Josefa Dollfuß ein Sohn geboren wurde. Der Vater, ein Müllersgeselle, war bekannt, mit der Mutter allerdings nicht verheiratet. Schon ein Jahr später verlässt die Bauerntochter samt Söhnchen ihr Elternhaus und ehelicht einen Hofbesitzer im Nachbarort Kirnberg.

Das kleine Bauernhaus in den Hügeln des Mostviertels, in das Engelbert Dollfuß hineingeboren worden war, ist heute seine Gedenkstätte. 6000 Besucher haben das Dollfuß-Museum im niederösterreichischen Texing besucht, seit es 1998 von Landeshauptmann Erwin Pröll feierlich eröffnet wurde. Die Landesregierung, der ÖVP-Bauernbund und Elisabeth Gehrers Unterrichtsministerium hatten das Projekt finanziert, über die Runden bringen muss es jetzt die Gemeinde Texingtal, in der 25 Familien Dollfuß heißen.

17 ÖVP-Mandatare sitzen im Gemeinderat zwei Sozialdemokraten gegenüber. Auch die hatten seinerzeit nicht gegen das Museum für den Mann gestimmt, der für ihre Partei bis heute das große Feindbild ist.
„Museumsdienst müssen die zwei Roten aber nicht machen“, erzählt Ingenieur Karl Franc, Jahrgang 1939, ÖVP-Gemeinderat und Leiter des Museums. Der ehemalige Produktmanager, der für US-Firmen in Osteuropa Maschinen verkauft hatte, lebt erst seit seiner Pensionierung ständig in Texing. Dennoch wurde ihm die Oberaufsicht über die Gedenkstätte übertragen, wo an jedem Wochenende ein anderer Gemeinderat Dienst schieben muss.
Bis auf die zwei von der SPÖ eben.

Seither drapiert Herr Franc liebevoll Erinnerungsstücke an jenen Mann, der mit 38 Landwirtschaftsminister war, mit 40 das Parlament auflöste, mit 41 die sozialdemokratische Partei verbot, dutzende Menschen hinrichten ließ und wenige Monate später selbst von Nazis ermordet wurde.

„Millimetternich“ nannten seine politischen Gegner spöttelnd den 152 Zentimeter großen Politiker. Als „seiner Majestät kleinster Kadett“ bezeichnete er sich selbst. Sein Uniformrock in einer der Museumsvitrinen würde einem Zwölfjährigen passen.

Auf allen Fotos ist er der Kleinste. Neben der mächtigen Gestalt Benito Mussolinis wirkt Dollfuß zwergenhaft. Auch in seinem politischen Leben hatte Dollfuß zum italienischen Faschistenführer aufgeschaut: Mit der blutigen Zerschlagung der verhassten Sozialdemokratie kam er auch einem dringlichen Wunsch des Duce nach, wie ein jetzt wieder veröffentlichter Briefwechsel zeigt.

Bei den Führungen habe es noch keine gröberen Zwischenfälle gegeben, erzählt Museumsleiter Franc. Einmal habe sich ein alter Kommunist etwas heftig gebärdet.

Er mag am Umstand Anstoß genommen haben, dass zwar Kinderfotos, Schulzeugnisse, Ernennungsurkunden und persönliche Devotionalien im Dollfuß-Haus ausgestellt sind, dass auch ausführlich der Ermordung durch Nazi-Putschisten im Juli 1934 gedacht wird, die Ereignisse im Februar jenes Jahres aber vergleichsweise knapp behandelt werden.

Auch der Museumsprospekt wird an den Stellen des tragischen Versagens des kleinwüchsigen Kanzlers wortkarg. Die Zerschlagung des Parlaments im März 1933 kommt darin nicht vor, zum 12. Februar 1934 heißt es bloß: „Aufstand des Schutzbunds“.

Museumschef Franc versucht in seiner Funktion jenem Bild nachzueifern, das er sich von seinem Ausstellungsobjekt macht: „Dollfuß war in einer Zeit, in der es viele Radikale gab, ein Mann der Mitte. Ich versuche bei den Führungen niemanden zu überzeugen, ich geb nur wieder, was ich mir zusammengelesen hab.“

Deutlich macht das Museum den Totenkult, den der Ständestaat um den ermordeten Bundeskanzler trieb. So wurde Dollfuß zuerst mit großem Pomp am Hietzinger Friedhof bestattet. Wenig später holte man den Sarg wieder aus der Gruft und überführte ihn zwecks öffentlicher Aufstellung in eine Kirche in Wien-Fünfhaus.

In den folgenden Jahren verteilte die „Vaterländische Front“, die Sammelorganisation des Ständestaats, an verdienstvolle Funktionäre pompöse Holzschattullen. Sie enthielten Erde von jenem Hietzinger Grab, in dem Dollfuß provisorisch beigesetzt war.

Die Nazis ließen ihn 1938 abermals in Hietzing begraben.