Der Mensch stirbt aus: Falls die utopischen Klimaziele nicht erreicht werden

Zwölf Fragen zum Klimawandel, zwölf beunruhigende Antworten.

Von Gottfried Derka

Zu Winterbeginn ist Kopenhagen ein eher beschaulicher Ort. Doch heuer wird die dänische Hauptstadt ausnahmsweise zum Nabel der Welt. Vom 7. bis 18. Dezember werden sich hier 15.000 Delegierte aus nahezu sämtlichen Staaten der Erde versammeln. Ziel des Massenkonvents ist es, die Menschheit vor einem drohenden katastrophalen Klimakollaps zu retten. Sollte den Verhandlern eine Einigung gelingen, dann werden ihre Beschlüsse nicht nur nationale Ökonomien in aller Welt verändern, sondern auch das individuelle Leben jedes Einzelnen: Egal, ob Arbeit, Wohnen, Fortbewegung – die Belastung der Atmosphäre mit Treibhausgasen muss in allen Lebensbereichen sinken.

Dass sich die Menschheit aufgrund rationaler Einsicht einem derart radikalen Wandel verschreibt, klingt jedoch utopisch. Wie wird die Erde aussehen, wenn es keine Einigung gibt, wenn der Anteil der Treibhausgase in der Atmosphäre ungebremst weiter steigt? Stirbt der Mensch aus, wenn es zu einer weiteren Erderwärmung um sechs Grad kommt, wie es die Horrorszenarien der Wissenschafter bis Ende des Jahrhunderts voraussagen? Wie zuverlässig sind die Prognosen überhaupt? Und: Werden neue Technologien eine Wende bringen?

Bisher belegt nur ein historisches Beispiel, dass der Mensch in der Lage ist, auf globale Gefahren angemessen zu reagieren: Allein aufgrund von wissenschaftlichen Prognosen beschloss die Staatengemeinschaft im Jahr 1987 Chemikalien zu verbieten, die im Verdacht stehen, die Ozonschicht der Erde zu zerstören. Damals ging es um so genannte FCKWs – exotische Gase, die in Kühlschränken, Klimaanlagen und Spraydosen eingesetzt wurden. Heute geht es vor allem um Kohlendioxid, das immer dann frei wird, wenn fossile Energieträger wie Kohle, Gas, Öl oder dessen Derivate verbrennen. Die Nutzung dieser Brennstoffe zu reduzieren wird eine ungleich schwierigere Aufgabe sein.

Österreich tut sich hier offenbar besonders schwer. Vergangene Woche blamierte sich das einstige Umweltmusterland bis auf die Knochen, als Brüssel einen Vergleich der Treibhausgas-Emissionen präsentierte. Dabei zeigte sich, dass kein anderes Land der Union so weit von seinen Sparzielen entfernt ist wie Österreich.

Dabei wären massive Klimaschutzanstrengungen notwendig: Ohne radikalen Wandel wird das Weltklima außer Rand und Band geraten. Zu befürchten sind Extremwetterlagen wie Dürre und Überschwemmungen, steigende Meeresspiegel und eine Häufung krasser Unwetter. Der Planet würde zu einem extrem gefährlichen Lebensraum für den Menschen werden. „Alle sind sich einig, dass der Klimawandel eine existenzielle Gefahr für die Menschheit darstellt“, sagt UNO-Generalsekretär Ban Ki-moon, gibt sich aber zuversichtlich: „Wir können es schaffen.“

1. Stirbt der Mensch aus?

Das kann gut sein. Steigen die Treibhausgas-Emissionen so rasant wie bisher, wird es auf der Erde bis 2100 um rund sechs Grad wärmer. So lautet die Prognose des Intergovernmental Panel on Climate Change (IPCC) der UNO. „Wir hätten es in diesem Fall mit einem völlig veränderten Planeten zu tun“, sagt der Potsdamer Klimaforscher Stefan Rahmstorf. Schon die Erwärmung von knapp 0,8 Grad während der vergangenen 100 Jahre hat zu Verschlechterungen der Lebensbedingungen in weiten Teilen der Erde geführt: In den Tropen wüten mehr Wirbelstürme; Menschen in Australien, Kalifornien oder rund um das Mittelmeer erleben in immer kürzeren Abständen schwere Dürreperioden, die von verheerenden Ernteausfällen und katastrophalen Waldbränden begleitet werden. Bei einem massiven Temperaturanstieg würde der „Großteil der Weltbevölkerung“ wegen Wassermangels und Dürrekatastrophen nicht überleben, warnt die prominente österreichische Klimaforscherin Helga Kromp-Kolb in ihren Vorträgen.

Zu befürchten ist, dass der Patient Erde auf Fieber nicht nur mit kontinuierlichen Veränderungen reagiert. Möglich sind auch schlagartige Zusammenbrüche komplexer Systeme: Nicht auszuschließen ist für Wissenschafter ein plötzliches Abschmelzen des westantarktischen Eisschildes und ein dadurch ausgelöster zusätzlicher Anstieg des Meeresspiegels um 4,8 Meter; der rasche Untergang der tropischen Wälder; Veränderungen bei den bisher regelmäßig wiederkehrenden Monsun-Regenfällen mit unabsehbaren Folgen für die Ernährung von Milliarden von Menschen; und schließlich könnte der Golfstrom plötzlich abreißen. Die paradoxe Folge: Ohne die warme Meeresströmung aus der Karibik würden die Temperaturen in Europa empfindlich sinken. Die Erde verkäme zu einem unberechenbaren Lebensraum.

Selbst bei einem moderateren Temperaturanstieg würden die Meeresspiegel rapide steigen – für das Jahr 2100 rechnet Rahmstorf mit einem Plus von mindestens einem Meter. Viele Küstenregionen, und damit der Lebensraum von 40 Prozent der Weltbevölkerung, wären völlig verändert. Salzwasser würde ins Grundwasser sickern und Trinkwasserreservoirs zerstören. Die Weltkarten müssten neu gezeichnet werden – ohne die Niederlande, ohne Bangladesch, ohne Venedig, ohne Tuvalu oder die Malediven. Der renommierte Demograf Wolfgang Lutz vom Internationalen Institut für Angewandte Systemanalysen in Laxenburg bei Wien startet gerade ein auf fünf Jahre anberaumtes Forschungsprojekt, in dem er herausfinden will, wie sich der Klimawandel auf das Wohlbefinden der Menschen auswirken wird. Seine zentrale These: Damit Menschen die Folgen des Klimawandels bewältigen können, benötigen sie mehr Bildung. „Das ermächtigt sie, neue Problemstellungen und Gefahren zu meistern“, so Lutz. Demnach sind für das Überleben der Spezies Mensch neue Schulen wichtiger als höhere Hochwasserschutzdämme.

2. Stimmen die Klimaprognosen?
Könnte es nicht sein, dass die düsteren Vorhersagen der Klimaforscher völlig danebenliegen? Könnte es nicht sein, dass bisher unerforschte Faktoren in der Atmosphäre zu einer ganz anderen Klimaentwicklung führen, dass sich das erhitzte Weltklima wieder erfängt und die angekündigte Katastrophe sich von selbst in Luft auflöst? Trotz einiger bestehender Unsicherheiten und Wissenslücken gibt es keinen namhaften Klimaforscher, der noch solchen Hoffnungen nachhängt. Mit einer Wahrscheinlichkeit von 90 Prozent sind es großteils die durch die Menschheit verursachten TreibhausgasEmissionen, die für den Klimawandel verantwortlich sind.

Diese Diagnose stammt nicht von übermotivierten Öko-Fundis, sondern aus dem Bericht des IPCC. 600 Forscher haben an dem Bericht gearbeitet. Ihre Textentwürfe wurden viermal an Fachkollegen und Gutachter verschickt, jedes Mal wurden Korrekturwünsche sorgfältig überprüft und nur dann verworfen, wenn es dafür gute Argumente gab. Auf diese Weise einigten sich die Forscher auch auf ihre Prognosen. Nur wenn es gelingt, die Emissionen massiv zu reduzieren, fällt die Erwärmung mit 1,1 Grad recht überschaubar aus.

Kritik an dem Report gab es bereits vor seiner Veröffentlichung im Jahr 2007: So wurden die wesentlichen Botschaften der Zusammenfassung der Studien nicht von Wissenschaftern, sondern von Juristen und politischen Beratern in nächtelangen Sitzungen ausgeschnapst. Mittlerweile ist der Bericht auch nicht mehr ganz frisch. Aufgrund der langwierigen Entstehungsgeschichte konnten die Autoren nur Studien berücksichtigen, die vor dreieinhalb Jahren erschienen sind. Seither haben die Forscher einiges dazugelernt: Der Limnologe Tim Battin von der Universität Wien etwa konnte nachweisen, dass aus Binnenseen und Flüssen pro Jahr eine Gigatonne Kohlendioxid ausdampft, das entspricht 14 Prozent der vom Menschen verursachten Emissionen. „Noch ist dieses neue Wissen nicht bis zu den Klimamodellrechnern durchgedrungen“, so Battin.

Und in der Vorwoche berichteten britische Forscher, dass der dramatische Schwund von Gletschereis in der Antarktis das Wachstum von Phytoplankton begünstigt. Diese Kleinstlebewesen nehmen Kohlenstoff auf und nehmen ihn nach ihrem Tod mit auf den Grund des antarktischen Meeres. In einer eisfreien Zone von der Größe Israels können die Kleinstorganismen so pro Jahr 12,8 Millionen Tonnen Kohlendioxid entsorgen, das ist etwas mehr, als alle Autos in Österreich ausstoßen. Eine Umkehr der globalen Erwärmung wird das also nicht bringen. Bleibt unter dem Strich: Die Prognose mag nicht perfekt erstellt worden sein, sie könnte auch mal wieder aktualisiert werden. Insgesamt aber ist sie noch immer die beste und zuverlässigste Prognose, die derzeit menschenmöglich ist.

3. Warum nicht gleich in Klima-anpassung investieren?

Gute Frage – zumindest auf den ersten Blick. Denn stoppen lässt sich der bereits begonnene Temperaturanstieg tatsächlich nicht mehr. Dazu sind die vom Menschen verursachten Veränderungen der Atmosphäre schon viel zu groß. Im 18. Jahrhundert lag die Konzentration von Kohlendioxid in der Atmosphäre bei 278 von einer Million Luftteilchen. Dann entwickelten britische Ingenieure die Dampfmaschine, die industrielle Revolution nahm Fahrt auf. Ab dann wurde in großem Maßstab Kohlendioxid in die Atmosphäre geblasen. Heute liegt die Konzentration des Treib­hausgases bei 379 Teilchen – ein Wert, der in den vergangenen 650.000 Jahren nie erreicht worden ist. Und er steigt weiter, derzeit jährlich um rund 1,9 Teilchen pro einer Million Luftteilchen. Selbst wenn von heute auf morgen sämtliche Schlote verstopft und kein weiteres Kohlendioxid mehr in die Atmosphäre gelangen würde – die Temperaturen würden noch einige Jahrzehnte lang weiter steigen.

Da erscheint es verlockend, sich den Klimaschutz einfach zu ersparen. Stattdessen könnte man die knappen Ressourcen in die Errichtung von höheren Dämmen und Deichen investieren, in die Anpassung der Landwirtschaft, in die Errichtung von klimatisierten Skihallen – und würde im Übrigen alles ­festzurren, bevor die angekündigten Klimakapriolen losbrechen. Doch was passiert, wenn sich etwa Europa auf eine solche Strategie zurückzieht? Schließlich ist man ja ohnehin nur für rund 13 Prozent der globalen Emissionen verantwortlich. Wahrscheinlich würde dann überhaupt kein Klimaschutz mehr möglich sein. Kein Land wäre bereit, die schwierigen Klimaschutzaufgaben zu stemmen, während der Nachbar weiterhin die Atmosphäre anheizt.

4. Was fordern die Klimawarner?

Anfang Juli fassten die G8-Staaten einen Vorsatz. Ziel der Weltgemeinschaft müsse es sein, die Erwärmung der Erde auf zwei Grad über dem vorindustriellen Zeitalter zu beschränken. Nur dann, so die These, könnten die schlimmsten Folgewirkungen abgewendet werden.
Diese Idee ist zwar wissenschaftlich nicht besonders gut untermauert – wer kann schon garantieren, dass eine Erwärmung um zwei Grad keine katastrophalen Folgen haben wird? Als Leitfaden für politische Entscheidungen taugt der Grenzwert jedoch allemal. Denn anhand dieses Zielwerts können Experten berechnen, wie viel Treibhausgas noch ausgestoßen werden darf, damit sich die Fieberkurve des Planeten wieder abflacht. Das Resultat dieser Schlussrechnung: Bis zum Jahr 2050 müssen die Industriestaaten ihre Treibhausgas-Emissionen um stolze 80 Prozent reduzieren. Und bis zum Jahr 2100 müsste die Erde fast ganz ohne Kohlendioxid-Emissionen aus­kommen. Technisch möglich wäre das. Um etwa den gesamten Stromverbrauch der Erde von derzeit etwa 17 Trillionen Kilowattstunden abzudecken, würde es reichen, eine Fläche von 231 mal 231 Kilometern mit herkömmlichen ­Fotovoltaik-Zellen zu pflastern. Realistisch ist das aber nicht. Eher utopisch.

5. Kann der Klimawandel den Österreichern nicht egal sein?

Im Meer versinken wird das Land dank seiner geografischen Lage tatsächlich nicht. Ansonsten sind die Folgen des Klimawandels aber auch hier längst zu bemerken. So steigen die Temperaturen in den Alpen schon bisher deutlich schneller als im Flachland. Das führt zum Verlust von einzigartigen Ökosystemen, die im Hitzestress immer höher zu den Gipfeln rücken, bis es auch dort zu warm wird. Gefährlich wird es auch für die Berganrainer. Weil oben der Permafrost taut, könnten ganze Hänge abrutschen. Dazu kommen noch häufigere Überschwemmungen und Vermurungen. Denn jene Niederschläge, die bisher als Schnee auf den Berghängen landen, werden in Zukunft als Regen niedergehen. Anders als der Schnee, der erst Wochen oder Monate später langsam schmilzt und so für einen geregelten Abfluss sorgt, schießt das Wasser nach einem starken Regenguss sofort ins Tal.

Derartige Folgen sollten eigentlich zu entschlossenem Klimaschutz motivieren. Tatsächlich hat sich Österreich 1997 im Kioto-Abkommen verpflichtet, seine Emissionen um 13 Prozent zu senken. Doch sämtliche Versuche, den österreichischen Anteil an der Klimakatastrophe zu verringern, sind bisher gescheitert. Derzeit liegt Österreich um 27 Prozent über seinem Sparziel. Umweltminister Nikolaus Berlakovic beharrt dennoch darauf: „Wenn alle mitmachen und ihr persönliches Verhalten anpassen, etwa durch den Konsum von lokalen Produkten, dann könnten wir das Kioto-Ziel noch erreichen.“

Der Ökonom Stefan Schleicher vom Wifo ist da skeptisch. Mit dem Verzicht auf eingeflogene Südfrüchte allein sind die Sparziele jedenfalls nicht erreichbar. Schleicher schätzt, dass Österreich bis 2012, dem Jahr der Abrechnung, um rund 70 Millionen Tonnen Kohlendioxid zu viel emittiert haben wird. Das ist einerseits beschämend für ein Land, das sich einmal als Öko-Musterland definieren wollte. Und es wird außerdem teuer, weil das Land wegen seines Versagens im Klimaschutz um viel Geld Emissionsrechte nachkaufen muss. Bisher sind dafür 540 Millionen Euro budgetiert, die allesamt ins Ausland fließen werden.

6. Wie viel wird der Klimaschutz kosten?

Der britische Premierminister Gordon Brown meint, dass weltweit pro Jahr 100 Milliarden US-Dollar investiert werden müssten, um den Klimawandel zu bremsen und seine schlimmsten Folgen abzuwenden. Andere Ökonomen schätzen, dass der Finanzbedarf im Jahr 2020 bei einer Trillion Dollar pro Jahr liegen könnte.

Offiziell angeboten hat die EU im September zunächst einmal ein verhältnismäßig bescheidenes Startkapital: Man könne zunächst zwischen drei und 22 Milliarden Euro pro Jahr aufbringen, so der Vorschlag. Mit Zahlungen anderer Industrieländer und wirtschaftlich besser gestellter Schwellenländer könnten bis zu 74 Milliarden Dollar zusammenkommen. Doch das Angebot verhallte ungehört. Vielleicht auch deshalb, weil noch unklar ist, wer denn nun in den globalen Sammeltopf einzahlen soll. China, mittlerweile der größte Treibhausgas-Emittent der Welt, hat jedenfalls schon dankend abgewinkt. Der Klimaverhandler Xie Zhenhua meinte, sein Land sei ein Opfer des Klimawandels und erwarte daher Unterstützung aus dem Westen. Auch Indien fordert Hilfsgelder. Überlegungen von Deutschland und Frankreich, zugunsten des Klimaschutzes die Entwicklungshilfe zu kürzen, führten zu einem empörten Aufschrei. Eine andere Geldquelle versucht indessen die UNO anzuzapfen. Sie hebt auf Geschäfte mit Kohlendioxid-Emissionsrechten eine Steuer von zwei Prozent ein. Doch das Geschäft läuft nur schleppend an: Bis 2012 erwarten die Beamten Einnahmen von gerade einmal 1,6 Milliarden.

7. Sollte man den Klimaschutz krisenbedingt aufschieben?

Die genaueste Studie über die Folgen des Klimawandels spricht eindeutig gegen das Aufschieben des Problems. Nicolas Stern, ehemaliger Chefökonom der Weltbank und heute wichtigster wirtschaftlicher Berater der britischen Regierung, kam in seinem 650 Seiten starken Report zu dem Schluss: Je eher investiert wird, desto mehr kann mit jedem einzelnen Euro noch bewirkt werden.

Bleibt die Weltgemeinschaft dagegen noch lange untätig, werden die Folgen des massiven Klimawandels das Bruttoglobalprodukt jährlich um zumindest fünf Prozent drücken, im schlimmsten Fall sogar um 20 Prozent. Damit wären die wirtschaftlichen Auswirkungen des Klimawandels teurer als jene von großen Kriegen. Die gute Nachricht: Rasches und entschlossenes Handeln würde lediglich ein Prozent der globalen Wirtschaftsleistung kosten.
Der Wifo-Forscher Stefan Schleicher ist noch optimistischer. Im grundlegenden Wandel bei Wohnraum, Verkehrs- und Energiesystemen sieht er eine riesige Chance. „Österreichische Firmen mit ihrem Öko-Know-how könnten sich große Märkte eröffnen“, so Schleicher. International stark nachgefragt werden schon jetzt etwa die heimischen Kompetenzen bei der Errichtung von Passivhäusern oder bei der ­Herstellung von Maschinen, die höchst effizient gleichzeitig Strom und Wärme produzieren.

Dass man mit klimafreundlichen Investments auch richtig reich werden kann, zeigt das Beispiel von Al Gore. Als sich der ehemalige Vizepräsident der USA aus der Politik zurückzog, gab er ein Privatvermögen von knapp zwei Millionen Dollar an. Seither wirkt er als multimedialer Öko-Prediger und vor allem als Investor in grüne Technologien. Damit habe er „mehrere zehn Millionen Dollar“ verdient, berichtete kürzlich die „New York Times“.

8. Gibt es keine Alternativen zum CO2-Sparen?

Das wäre natürlich schön. Dann könnte die Menschheit weiterhin und ohne Reue Kohle, Öl und Gas verheizen. Der anstrengende Wandel hin zu einer klimafreundlichen Weltgesellschaft wäre abgeblasen. Das hat sich auch der bekannte Ökonom und Bestsellerautor Steven Levitt gedacht. In seinem jüngsten Buch „Superfreakonomics“ schlägt er vor, die Atmosphäre durch zusätzliche Schwefeldioxid-Emissionen zu kühlen. Klimatologen rechneten nach und kamen zu dem Schluss, dass die vermeintlich billige Patentlösung wohl doch nicht so gut ist. Immerhin müsste man in den kommenden Jahrhunderten jährlich so viel Schwefel in die Atmosphäre blasen, wie bei zwei großen Vulkanausbrüchen frei werden. Welche Folgewirkungen diese Art von Geo-Engineering hätte, ist nicht absehbar.

Doch es gibt seriösere Strategien, die Erderwärmung zu bremsen, die aber nichts mit Kohlendioxid zu tun haben. Es geht um Methan. Als Treibhausgas ist die Subs­tanz 25-mal so wirksam wie Kohlenstoff. Die wichtigsten Quellen von Methan sind Lecks in Erdgas- und Erdölquellen, in Tanks und Pipelines. Das gesamte nutzlos verpuffte Methan hat auf das Weltklima ungefähr denselben Effekt wie der halbe Kohlekraftwerkspark der USA. Anders als Kohlendioxid verschwindet es nach rund zehn Jahren aus der Atmosphäre. Wenn es also gelingt, jetzt die Methanemissionen drastisch zu reduzieren, hätte das bereits in den kommenden Jahren eine günstige Auswirkung auf das Weltklima.

9. Wie viel trägt mein Atem zum Klimawandel bei?

Ein durchschnittlicher, erwachsener Mensch atmet pro Tag ungefähr ein Kilogramm Kohlendioxid aus. Zum Vergleich: Diese Treibhausgasmenge stößt ein moderner Kleinwagen auf acht Kilometern aus.

Insgesamt atmen die weltweit fast sieben Milliarden Menschen drei Milliarden Tonnen Kohlendioxid pro Jahr aus. Das ist etwa ein achtel Prozent jener Menge, die im gleichen Zeitraum durch die Verbrennung von fossilen Brennstoffen in die Atmosphäre gelangt. Könnte ein kollektiver Atemverzicht also den Klimawandel bremsen? Natürlich nicht. Das Kohlendioxid in unserer Atmung ist klimaneutral. Menschen können nur jenes Kohlendioxid ausatmen, das sie zuvor, etwa über die Nahrung, zu sich genommen haben. Autos sind da anders. Sie setzen Kohlenstoff frei, der zuvor im Erdöl gespeichert und nicht in der Biosphäre verfügbar war.
Menschen erweisen sich sogar als Klimaverbesserer. Der Körper eines durchschnittlichen Menschen enthält rund zehn Kilogramm Kohlenstoff, die er aus seiner Umwelt aufgenommen hat. Eine Milliarde Menschen speichert auf diese Weise rund elf Millionen Tonnen Kohlenstoff.

10. Sollte ich aufs Auto verzichten?

Gute Idee. Denn in der ohnehin schon desaströsen österreichischen Klimabilanz ist der Verkehr jener Sektor, in dem es die kräftigsten Zuwächse gibt. Seit 1990 haben sich die klimarelevanten Emissionen fast verdoppelt. Der Anteil an den Gesamt­emissionen liegt bei einem Viertel. Auf einzelne Fahrten zu verzichten scheint leichter machbar als auf eine warme und beleuchtete Wohnung. Mittelfristig Abhilfe verspricht nur neuere Technik. „Autos mit Verbrennungsmotoren setzen bestenfalls 20 Prozent der eingesetzten Energie in Fortbewegung um“, schimpft Stefan Schleicher. Der Rest geht als Abwärme in die Luft. Elektromotoren kommen dagegen auf einen Wirkungsgrad von bis zu 80 Prozent.

Doch der Übergang zum effizienten Stromauto zieht sich. Heute verfügbare Elektromobile beeindrucken zwar durchaus mit ansprechenden Fahrleistungen. Der amerikanische Tesla Roadster etwa beschleunigt in 3,9 Sekunden auf 100 Kilometer pro Stunde. Kurzfristig lässt sich der Batterieflitzer auch noch auf die doppelte Geschwindigkeit jagen. Die Reichweiten dieser Mobile sind allerdings beschränkt. Laut Studien können E-Mobile rund 70 Prozent aller typischen Fahrten innerhalb einer Großstadt mit einer Batterieladung abspulen. Prototypen von Mercedes oder vom Grazer Motorenentwickler AVL führen für weitere Strecken besonders effiziente, benzingetriebene Notstromaggregate mit. Andere Hersteller setzen auf Hybridmodelle, bei denen sich Elektro- und Verbrennungsmotor nach unterschiedlichen Schlüsseln die Arbeit teilen. Langfristig, so die vorherrschende Meinung der Auto-Auguren, wird die Entwicklung jedoch zu ausschließlich elektrisch angetriebenen Fahrzeugen gehen. Wenn der notwendige Strom dann auch noch aus erneuerbaren Energiequellen kommt, hätte der motorisierte Individualverkehr eine klimafreundliche Zukunft.

11. Was unternimmt die EU?

Die Union bemüht sich um eine Vorreiterrolle bei den Klimaverhandlungen in Kopenhagen. Das Angebot an die präsumtiven Vertragspartner klingt ambitioniert: Bis zum Jahr 2020 sollen die Klimagasemissionen um 20 Prozent unter den Wert von 1990 sinken. Wenn sich andere Nationen zu ähnlichen Zielen verpflichten, verspricht die EU sogar Emissionseinsparungen um 30 Prozent. Zugute kommt der Gemeinschaft, dass die Emissionen durch den Zusammenbruch der energieintensiven Schwerindustrie in Osteuropa ohnehin schon um neun Prozent unter dem Wert von 1990 liegen.

Um auch die restlichen elf beziehungsweise 21 Prozent zu schaffen, setzen die Regierungschefs und Bürokraten auf neue Technologien. In den kommenden zehn Jahren will die Kommission insgesamt 58 Milliarden Euro in klimaneutrale Energietechnologien investieren. Erhoffter Nebeneffekt: 500.000 neue Arbeitsplätze.

12. Was kann die Weltklimakonferenz in Kopenhagen bringen?

Die Frage ist schwerer zu beantworten als die nach dem Wetter in 100 Jahren. Ein eher mageres Resultat erwarten Beobachter aufgrund der bisherigen Vorbereitungsarbeiten. Denn die Verhandlungen auf Beamtenebene sind schleppender verlaufen als erhofft. Anfang November glaubte das Wissenschaftsjournal „nature“ gar Anzeichen einer „Pessimismus-Pandemie“ zu erkennen – weil die Finanzierung des Klimaschutzes noch immer nicht geklärt ist. Entnervt gestand EU-Kommissionspräsident José Manuel Barroso jüngst ein, dass mittlerweile schlicht die Zeit fehle, um bis zum Konferenzbeginn in Kopenhagen noch einen beschlussfähigen Vertrag zu entwickeln. Und das, nachdem die UNO seit mindestens vier Jahren auf diesen Konferenztermin hin­arbeitet. „Das enttäuschendste Resultat wäre eine unverbindliche politische Willenserklärung“, befürchtet Jürgen Schneider, Klimaexperte im österreichischen Umweltbundesamt.

Doch es gibt auch Hoffnungsschimmer. Norwegen, Japan und Indonesien kündigten massive Emissionsreduktionen an. China will zumindest den Energieverbrauch pro erbrachter Wirtschaftsleistung senken. Und in der Vorwoche brachten demokratische US-Senatoren einen Gesetzesvorschlag ein, in dem sich die USA erstmals zur Reduktion von CO2-Emissionen verpflichten könnten. US-Präsident Barack Obama kündigte sogar sein höchstpersönliches Erscheinen auf der Konferenz an, falls das einen entscheidenden Fortschritt bringen kann. Kommt also doch noch ein Durchbruch? Bernhard Obermayr, der für die Umweltschutzorganisation Greenpeace seit Jahren Klimakonferenz-Erfahrungen sammelt, meint: „Vor der letzten Verhandlungsnacht kann man gar nichts sagen.“