Der Monarch dankt ab

Der Castro-Clan hat mit Polizei und Gefängnissen für eine ruhige Machtübergabe vorgesorgt.

Fidel Castro ist abgetreten, und nichts ist passiert. Wie sich das für eine funktionierende Monarchie gehört, hat er seine Würde jetzt an seinen nächsten Verwandten, den jüngeren Bruder, weitergegeben – die Macht, ganz still, schon vor anderthalb Jahren. Der Zugriff der Polizei hat sich seither massiv verstärkt: Jedes Mal, wenn ich bei meinem letzten Aufenthalt in Havanna mit einem befreundeten Kubaner spazieren ging, wurden wir alle fünf Minuten angehalten, und er musste sich ausweisen. Hätte er nicht zusätzlich einen spanischen Ausweis besessen, hätte er erklären müssen, wieso er mit mir spricht.

Touristen, die Havanna in früheren Jahren besuchten, hatten solche Erlebnisse nicht – stattdessen wurden sie alle paar hundert Meter von Prostituierten angesprochen. Für meinen Kollegen John Lee Anderson, der fünf Jahre in Kuba lebte, um Material für eine Biografie Che Guevaras zu sammeln (sie ist unter dem Titel „Che“ ein Standardwerk), ist dies die traurigste Folge der Herrschaft Castros: „Ganz Kuba ist heute ein Bordell. Dabei haben sich die Kubaner von allen anderen Völkern Lateinamerikas durch ihren Stolz unterschieden. Er beruht darauf, dass sie überzeugt sind, die besten Liebhaber und Geliebten der Welt zu sein ­– und sie sind es wirklich: Sie haben die Liebe zur Kunst erhoben. Unter Castro ist sie zur billigen Massenprostitution heruntergekommen. Die Touristen reden sich ein, die Mädchen täten es ‚gerne‘ und freuten sich bloß wie die Kinder, wenn sie nachher ein Fläschchen Parfum geschenkt bekommen – in Wirklichkeit ist es Armutsprostitution: Ein Parfum entspricht in Kuba dem Wert dessen, was man bei uns im Bordell bezahlt.“

Gegen Ende seines Lebens dürfte diese Diagnose den Monarchen Fidel irritiert haben – denn eigentlich gibt es im Sozialismus keine Prostitution. Also beauftragte er seinen Bruder, durch bessere Überwachung zu verhindern, dass imperialistische Touristen sie konterrevolutionär verbreiten. Raul Castro hat ebendiese Überwachung – allerdings aus anderen Gründen – sehr gerne umgesetzt. Vergeblich. So saß ich in Havanna öfter in einem Park im Zentrum, in dem immer auch hübsche Mädchen saßen – wenn auch in zehn Meter Abstand. Männer dagegen in nur drei Meter Abstand, sodass wir sprechen konnten. Die Augen stur geradeaus gerichtet, sprachen sie meist zuerst übers Wetter, ehe sie zur Sache kamen: „Gefällt dir eins der Mädchen? Ich könnte dir sagen, wo du sie treffen kannst. Hier ist es zu gefährlich.“
Trotz solcher Vorsicht habe ich vier Verhaftungen von Prostituierten erlebt:

Bei der ersten Verhaftung, so erklärten mir meine kubanischen Freunde, gebe es eine Verwarnung, bei der zweiten Gefängnis. „Außer sie gefällt dem Polizisten und arbeitet in Zukunft für ihn.“ Ähnlich habe ich die Zustände nur in der späten Sowjetunion erlebt. Das Ausmaß der Armut macht das Ausmaß der Prostitution verständlich. Eine durchschnittliche Wohnung in Havanna sieht etwa so aus, wie die der Familie eines unserer Freunde: Auf 20 Quadratmetern leben neun Personen, indem ein doppelter Plafond aus Blech eingezogen wurde, den man zum Schlafen über eine Leiter erreicht. Wenn es regnet, ergießt sich das Wasser durch das lecke Dach durch das gesamte Gebäude und fließt bei der Eingangstür wieder hinaus. Wenn das Meer über die Kaimauer des Malecon tritt, kommt es bei dieser Tür herein.

Das Schicksal der Bewohner war ähnlich wechselhaft: Ursprünglich waren es Bauern; der Vater schloss sich Castro an, um für ihn zu kämpfen; als er heimkehrte, enteignete die Revolution sein Land, um dort ein Hotel zu errichten, und man bot ihm diese Ersatzwohnung in der Stadt an. Wütend nutzte er die damals noch offene Grenze, um sich abzusetzen – Frau und Kinder blieben zurück. Als die Grenze gesperrt wurde, versuchte der älteste Sohn die Flucht – doch Haie bissen ihn beinahe tot, und er landete im Gefängnis. Der jüngere Sohn ebenfalls – nach der Entlassung gelang ihm aber die Ausreise mit einer Ausländerin. Ich könnte viele solcher Fluchtdramen erzählen, denn wer durchkommt, landet bevorzugt in Spanien. In Wahrheit unterscheidet sich, was Woche für Woche am Malecon geschieht, in nichts von dem, was an der Berliner Mauer geschehen ist. Noch weniger unterscheiden sich die Gefängnisse. So konnten wir anfangs nicht verstehen, dass uns die alte Mutter eines Freundes, die kaum von der Polizei angehalten worden wäre, nicht aufs „Castillo“ begleiten wollte – bis sie uns erzählte, wie ihr Mann dort gefoltert worden war. Sowenig Touristen um diese Gefängnisse wissen, so verbreitet ist dieses Wissen in der Bevölkerung – und zweifellos mit ein Grund für die Ruhe. Darüber hinaus war Castro klug genug, die Grenzen überraschend doch immer wieder kurz für „Dissidenten“ zu öffnen: Das hat das revolutionäre Potenzial vermindert.

So schlecht die Wirtschaft funktioniert – verhungern muss niemand: Für Nahrung gibt es so etwas wie Marken; die Gesundheitsversorgung ist hervorragend, und die Schulen sind es auch. Es gibt auch unter Castros zahllosen Kritikern niemanden, der das bestreitet. Und selbst unter ihnen habe ich nicht einen getroffen, der sich wünschte, dass die USA auf dem Umweg über die Miami-Kubaner wieder die Macht übernähmen. Insofern sind die Amerikaner gut beraten, wenn selbst George Bush unisono mit Barack Obama erklärt, man müsse die Entwicklung in Ruhe abwarten: Nur die Kubaner selbst könnten etwas verändern.