Der Palin-Flop

Warum sich Barack Obama und die US-Demokraten in diesen Tagen freuen können.

Tausende Delegierte des Republikanischen Parteitags in St. Paul, Illinois, sprangen vergangenen Mittwoch von ihren Plätzen. Ein tosendes „Yeah, yeah“ ertönte. John McCain hatte die rhetorische Frage in die Menge gerufen: „Glaubt ihr nicht, dass wir die richtige Wahl für den nächsten Vizepräsidenten der Vereinigten Staaten getroffen haben?“ Sarah Palin, die Gouverneurin von Alaska, hatte sich gerade mit einer starken, angriffigen und nicht unwitzigen Rede vorgestellt und war begeistert empfangen worden. „Yeah“, das war die richtige Wahl, meinte der Saal. Wird die kämpferische junge Frau aus dem hohen Norden tatsächlich den greisen McCain ins Weiße Haus führen? Haben die Republikaner mit Sarah Palin wirklich eine Wunderwaffe gegen Barack Obama gefunden? Die Delegierten glaubten es. Und sie scheinen sich grundlegend zu täuschen. Es wird sich herausstellen: Für McCain und die Republikaner war Sarah Palin die absolut falsche Wahl.

Drei Überlegungen dürften letztlich zur – offenbar sehr spät gefallenen – Entscheidung geführt haben, die ehemalige Schönheitskönigin aufzustellen:
E Die bisher außerhalb Alaskas kaum bekannte Frau ist ein neues und frisches Gesicht in der amerikanischen Politik. Sarah Palin wird die eher dröge Wahlkampagne der Republikaner dynamisieren. McCain hat vor einigen Jahren die christlichen Fundis Amerikas als „Agenten der Intoleranz“ beschimpft. Die christliche Rechte misstraut ihm. Diese republikanischen Kernwähler könnten mit Frau Palin, die sich in allen gesellschaftspolitischen Fragen klar und deutlich am äußersten rechten Rand der amerikanischen Politik positioniert, für die Wahl mobilisiert werden. Schließlich würde, so wurde kalkuliert, eine Frau als republikanische Kandidatin für die Vizepräsidentschaft enttäuschte Hillary-Anhänger unter den Demokraten dazu verführen, in das McCain-Lager überzuwechseln.

Kein Zweifel: Die McCain-Kampagne wurde belebt. Sarah Palin ist der neue Politstar. Die US-Öffentlichkeit kann nicht genug bekommen von ihr – von der Grizzlybären und Elche schießenden fünffachen Mutter, die von der Evolution nicht viel hält, voreheliche Enthaltsamkeit propagiert, Homosexualität und Stammzellenforschung für Sünde hält und die Washingtoner Polit-Eliten ganz gründlich verachtet. Spannender wurde der McCain-Wahlkampf durch sie allemal.
Ebenso sicher ist, dass sie den rechten Flügel der Republikaner und die christlichen Eiferer enthusiasmiert. Schon haben führende Repräsentanten der Evangelikalen, die sich bisher nicht zu McCain bekannten, ihre aktive und bedingungslose Unterstützung für den ehemaligen Vietnamhelden zugesichert. Auch die Erkenntnis, dass Palins Rezept gegen Teenager-Schwangerschaft – das Propagieren der Jungfernschaft vor der Ehe – in ihrer Familie nicht so recht funktioniert hat, lässt die radikalen Christen nicht wanken: Sarah Palin ist Fleisch von ihrem Fleisch und wird geradezu wie eine Marienerscheinung gefeiert. Auch die Not leidenden Unterschichten in den amerikanischen Kleinstädten, die, „bitter geworden, nach Bibel und Gewehr greifen“, wie einst Obama unvorsichtig formulierte, können sich in der langjährigen Bürgermeisterin von Wasilla, einem Kaff nahe dem Polarkreis, wiedererkennen. So weit dürfte McCains Kalkül aufgehen.

Die Hillary-Fans unter den US-Frauen freilich konnte McCain mitnichten beeindrucken. Die ersten Umfragen zeigen: Sein Palin-Coup hat sie geradewegs Obama zugeführt. Sie haben die Absicht bemerkt und sind verstimmt. Und nicht nur die Frauen. McCains Vize polarisiert. Der Teil jener Demokraten, die angeben, im November ganz sicher für den demokratischen Präsidentschaftskandidaten zu stimmen, ist in den vergangenen Tagen um sechs Prozent hinaufgeschnellt. Und die Demoskopen wissen: Auch bei den ungebundenen Wechselwählern konnte Obama zuletzt kräftig zulegen – dank Sarah Palin.

Als George W. Bush bei den Wahlen 2004 unerwartet gesiegt hatte, wurde dessen Wahlkampfstratege Karl Rove als Genie bejubelt. Seine These lautete: Es gilt, die republikanischen Kernwähler an die Urnen zu treiben, deren Mobilisierung ist letztlich entscheidend. Damals war die Rove-Formel erfolgreich. Heute muss diese Strategie aber scheitern. Die sich bekennenden Republikaner werden immer weniger, die Anzahl der Demokraten aber wächst. Die Stimmung ist nach acht Bush-Jahren endgültig gekippt. Mit einer rechtsradikalen Vize-Kandidatin das politische Zentrum und die unabhängigen Wechselwähler zu verschrecken kommt einem politischen Suizid gleich.

Auch im Kleinen ist das Palin-Manöver für die Republikaner desaströs: Die vielen älteren US-Juden etwa, die im sonnigen Florida ihren Lebensabend verbringen, waren bisher eher Obama-skeptisch: Heißt er nicht mit Mittelnamen Hussein? Dass die seltsame Alaska-Gouverneurin einst in den neunziger Jahren für den als Antisemiten verschrienen Rechtsaußenpolitiker Pat Buchanan Propaganda gemacht hat, wird wohl nicht wenige der Senioren zu Obama-Wählern machen. Und Florida ist ein wichtiger so genannter „Swingstate“.

In den kommenden Wochen und Monaten wird zudem immer mehr Amerikanern bewusst werden, dass es – bei dem Alter und dem gesundheitlichen Zustand von McCain – gar nicht unwahrscheinlich ist, dass Sarah Palin, diese extremistische Provinzpolitikerin, die bis vergangenes Jahr keinen Reisepass besaß, demnächst tatsächlich Präsidentin der Vereinigten Staaten werden könnte: eine erschreckende Vorstellung – nicht nur für Amerikaner. Freunde eines zukünftigen amerikanischen Präsidenten Barack Obama erleben jedenfalls Tage der Freude und Hoffnung.