Der verlorene Posten

Hans-Peter Lang hielt als UN-Militärbeobachter im Südlibanon die Stellung. Vergangene Woche traf ihn eine israelische Bombe.

Man kennt ihn von früher. Als Freund, als Schüler, als Lausbuben von nebenan. 1980 hat er im Gymnasium Güssing maturiert. Dann ist er weggezogen. Was man seither über ihn erfahren hat, ist nicht viel mehr als das, was seine Mutter den Leuten erzählte. „Sie war immer voll Stolz, dass ihr Bub so viel in der Welt herumgekommen ist“, sagt eine Nachbarin: „Er hat sich ja für den Frieden eingesetzt.“
Hans-Peter Lang, 44, war einer von drei österreichischen Soldaten, die im Rahmen einer UN-Beobachtermission die Waffenruhe an der israelisch-libanesischen Grenze überwachen sollten. Am 25. Juli wurde sein Stützpunkt in Khiyam, mitten im Hügelland im Südlibanon, von israelischen Kräften beschossen. Gegen 19 Uhr zerstörte eine 500-Kilogramm-Bombe das dreistöckige Gebäude, in dem er stationiert war. Seither gilt Lang als vermisst. In Wahrheit haben seine Vorgesetzten, seine Kameraden und viele Güssinger die Hoffnung begraben, ihn lebend wiederzusehen.

Das zweistöckige Elternhaus von Hans-Peter Lang steht einen Steinwurf von der Kirche St. Nikolaus entfernt, etwas außerhalb von Güssing. Wie eine hungrige Meute passen Journalisten seit Tagen die Mutter und Geschwister des Soldaten ab. Auf der Straße parkt eine Polizeistreife. Zur Abschreckung. Vor zwei Tagen erst hatte ein Militärpfarrer der Familie die Nachricht überbracht, dass der UN-Posten in Khiyam in Schutt liege und ihr Sohn vermisst werde. „Man muss verstehen, dass die Familie in dieser Situation mit sich selbst beschäftigt ist. Man hat noch keine Nachricht, und bis es die gibt, beten wir für ihn“, sagt Dorfpfarrer Pater Raphael.

Im Bundeskanzleramt in Wien tagt zu dieser Zeit der Nationale Sicherheitsrat, ein beratendes Gremium der Bundesregierung, das nach den Terroranschlägen vom 11. September 2001 in New York erstmals zusammentrat. Zwei Stunden lang erarbeiten Regierungschef Wolfgang Schüssel, die Außenministerin, der Verteidigungsminister, Vertreter der Parlamentsparteien und hohe Militärs eine österreichische Lösung: kein Beschluss, nicht einmal Empfehlungen – diese wären ohnedies nicht bindend. Stattdessen spricht sich Schüssel für eine Untersuchung durch die UNO und Israel aus. Entsprechende Kommissionen haben die Vereinten Nationen jedoch schon eingerichtet.

Freitag vergangener Woche: Während Langs Angehörige in Güssing zwischen Trauer, Hoffnung und Verzweiflung hin und her gerissen werden und die Regierung in Wien eine Position sucht, die keine Seite brüskiert, gehen im Südlibanon die Gefechte weiter: Bergungsteams haben drei Leichen unter den Trümmern gefunden. Sie werden zu forensischen Untersuchungen nach Tel Aviv geflogen. Die Suche nach dem vierten Toten gestalte sich schwierig, berichtet Generalmajor Günter Höfler, für internationale Einsätze des Bundesheers zuständig. Immer wieder werde die Arbeit aus Sicherheitsgründen unterbrochen.

Streiche. In Langs Geburtsort Güssing erzählt man sich Geschichten von seinerzeit. „Einmal haben wir den Bach abgesperrt, dann war der Garten eines Nachbarn überschwemmt“, erzählt ein Jugendfreund. Er schmunzelt. Sekunden später erstarrt sein Blick wie bei allen, wenn das Gespräch auf Hans-Peter Lang kommt. „Es schnürt einem die Kehle ab, wenn man daran denkt, wie seine letzten Stunden gewesen sind“, sagt Bürgermeister Peter Vadasz.
Hans-Peter Lang war ein guter Schüler. Nach der Matura verpflichtete er sich für ein Jahr als Soldat und studierte Sport, Philosophie, Psychologie und Pädagogik. Jetzt soll er Bomben zum Opfer gefallen sein? „Es ist noch immer ungewiss, was mit ihm passiert ist, vielleicht gibt es noch Hoffnung“, sagt seine Mutter Wilma Lang, die im Kirchenchor singt und von der die Leute im Dorf sagen, sie sei eine „tiefreligiöse Frau“. Vor einem Jahr war ihr Mann gestorben. Die Kinder haben ihr Elternhaus längst verlassen: Eine Tochter lebt in Kalifornien; die zweite ist in Graz zu Hause, so wie der Enkelsohn Georg, der in den Ferien zu Besuch kommt und dem sie nun beibringen muss, was seinem Vater – wahrscheinlich – passiert ist.

Jede freie Minute verfolgt der Elfjährige die Nachrichten im Fernseher und im Radio. „Einem ,Kurier‘-Reporter erzählte Frau Lang, ihr Sohn habe seinen Elfjährigen fast täglich angerufen. Das Verhältnis der beiden sei besonders innig gewesen. Demnächst wäre der Bub zu seinem Vater in den Libanon gefahren. Es hätte der Abschluss einer Auslandsmission werden sollen – Langs fünfter mittlerweile –, die er vor genau einem Jahr begann. Im August 2005 hatte Lang im Zentrum Einsatzvorbereitung in Götzendorf 60 Kilo Marschgepäck für den Südlibanon ausgefasst: Hosen und Hemden aus tropentauglichen High-Tech-Fasern, Leiberl, Helm, Splitterschutzweste. Kein Gewehr. UN-Militärbeobachter versehen unbewaffnet Dienst. Trotzdem gelten ihre Einsätze als sicher. Von über 300 Militärbeobachtern, die Österreich entstandte, kam bis dato einer ums Leben (siehe Kasten).
Claus Amon, Kommandant des Zentrums Einsatzplanung, führt dies auf den „guten Ausbildungsstand“ zurück: Als Militärbeobachter kommen nur Offiziere infrage, die schon mit einer bewaffneten UNO-Truppe im Ausland waren. Vor ihrer Mission durchlaufen sie in Götzendorf, etwa 20 Kilometer vor Wien, ein Spezialtraining: Verhandlungstechnik, Verhalten im Minenfeld, erste Hilfe, Worst-case-Szenarien wie Geiselnahme oder Beschuss.

Hans-Peter Lang war ein Spezialfall. Der Burgenländer arbeitete im Zentrum Einsatzplanung als Vertragsbediensteter und war selbst als Trainer im Einsatz. Kommandant Amon, der mit ihm auf UN-Mission in Kambodscha war, lernte ihn als „hilfsbereiten und loyalen Freund und Kameraden“ kennen. Vor drei Monaten hatte er zuletzt Kontakt mit dem 44-Jährigen. Sie redeten über Privates, und es sei Lang „sehr gut gegangen“.
In den fünf UN-Stützpunkten im Einsatzraum Südlibanon drehte sich damals das immer gleiche Dienstradl: Lang war in Khiyam stationiert, mit einem Finnen, einem Kanadier und einem Chinesen. Jeweils eine Woche lang saßen sie in ihrer mit einer UN-Flagge gekennzeichneten Unterkunft, patrouillierten mit Funkgeräten und Mobiltelefonen und verbrachten den Rest ihrer Zeit mit Kochen, Putzen, Schlafen.
Nach sieben Tagen wurden sie „herausrotiert“, wie es im Militärjargon heißt, und ein anderes Team übernahm. Für Lang und seine Kollegen brachen in der Regel dann „Stand-by“-Tage an, eine Zeit, in der sie sich nur in einem vorgegebenen Radius bewegen dürfen. Dieser reicht für einen Ausflug in den zwei Autostunden entfernten Küstenort Tyrus, der sich wegen seiner phönizischen und römischen Kulturschätze in Touristenfoldern als „Geburtsstätte Europas“ präsentiert. Viele UN-Soldaten bezogen dort eine kleine Wohnung.

In der Nabih Berri Avenue gibt es ein paar Bars, wo die Blauhelme kurz dem strengen Kommando entkommen: Hier können sie in Ruhe Tabouleh essen, libanesischen Petersiliensalat, und Hummus löffeln. Hier bekommt man eine Wasserpfeife zu rauchen und sogar Alkohol zu trinken. Und wenn man Glück hat, legt der Barkeeper Musik von zu Hause auf, und man bekommt „Life is Life“ von Opus zu hören.

Tango Foxtrott Five. Regelmäßig melden sich die UN-Entsandten mit „call signs“, ihrem persönlichen Code, bei Checkpoints, Kollegen und Vorgesetzten. Selbst wenn ein Blauhelm-Beobachter mit dem Kürzel TF5 – „Tango Foxtrott Five“, wie es im phonetischen Alphabet dann heißt – am Abend ein Bier trinkt, bleibt das dem „traffic control system“ nicht verborgen, außer er hat gerade „off days“, Tage, an denen er nicht jederzeit bereit sein muss, in den Dienst zurückzukehren, und deshalb auch einmal nach Beirut fahren oder nach Hause fliegen kann. Meist sind das die einzigen Gelegenheiten, einen nennenswerten Teil der 4000 bis 5000 Euro, die man als UN-Militärbeobachter bekommt, wieder auszugeben.

Am 18. Juli, eine Woche bevor die israelische Armee den Posten Khiyam zerbombte, berichtet Langs kanadischer Teamkollege, Major Paeta Hess-von-Kruedener, per E-Mail von täglichen Feuergefechten in unmittelbarer Nähe. Die UN-Blauhelme haben die Aufgabe, Übergriffe zu protokollieren und zu melden. So sieht es die 1948 gegründete Beobachterorganisation UNTSO – die Waffenstillstandsüberprüfungskommission der Vereinten Nationen – vor, die sich in Ägypten, Israel, Jordanien, Syrien und im Libanon etablierte. Die heimischen Militärbeobachter – mit Lang wurden zwei weitere in den Libanon geschickt – gehören zum UNTSO-Hauptquartier in Jerusalem. Bis Freitag vergangener Woche saßen Langs Kollegen im Stützpunkt Him sowie im Hauptquartier in Naquoura (siehe Karte). Inzwischen wurden alle zurückgezogen. Ihre Posten, meist in exponierter Lage zwischen den von der Sonne ausgedörrten Olivenhainen, sind ein leichtes Ziel für Bomben.

Hans-Peter Lang war am Mittwoch vergangener Woche zwischen die Fronten geraten. Ein Jugendfreund sagt über ihn: „Es war ihm ein Anliegen, zum Frieden in dieser Region beizutragen. Ein Krieger war er nie.“

Von Thomas Cik, Edith Meinhart und Elisabeth Schwenter. Mitarbeit: Josef Barth, Verena Ringler